Das lohnt sich: sich einlesen in die Psychoneuroimmunologie und sich damit selbst besser verstehen und schützen.

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"Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich", hat Erich Kästner einmal gesagt. Das vermutlich weniger bezogen auf die Definition von Heidegger, der Leben als "Sein zum Tode" verstand, sondern mehr in Bezug auf die ganz alltägliche Tatsache, dass es einen um die nächste Ecke mit höchst unvorhergesehenen unliebsamen und eben auch gefährlichen Überraschungen konfrontieren kann.

Wie wir es gesamtgesellschaftlich in diesen Tagen gerade erleben und nolens volens durchleben müssen. Hilfreich dabei kann das Wissen um die wechselseitige Beziehung zwischen Körper, Geist und Seele sein. Denn wenn die Seele Trauer trägt, verringert sich auch die Widerstandskraft des Körpers.

Altes Wissen

Ein uraltes, wenngleich auch nicht unbedingt stets in alle Überlegungen einbezogenes, oft auch zu allseitigem Nachteil ignoriertes Wissen. In einem der Dialoge Platons zitiert Sokrates die Kritik eines thrakischen Arztes an seinen griechischen Kollegen: "Aus diesem Grund vermögen die Ärzte von Hellas viele Krankheiten nicht zu heilen, weil sie von dem Zusammenhang nicht wissen. Denn das ist der große Irrtum unserer Zeit, dass die Ärzte bei der Behandlung des menschlichen Körpers die Seele vom Körper trennen." Wohlgemerkt, bereits vor zweieinhalbtausend Jahren wies Sokrates auf das Wissen eines Arztes von der östlichen Balkanhalbinsel hin, der darauf aufmerksam machte: Bei der Krankheitsbehandlung den Körper losgelöst von Geist und Seele zu sehen fördert nicht die Gesundung.

Wir wissen es – und jetzt?

Zweieinhalbtausend Jahre später wissen wir das mittlerweile sehr wohl. Doch Wissen ist bekanntlich etwas anderes als Beherzigen. Im Zuge der Bemühungen, Corona in den Griff zu bekommen und Schaden von der Bevölkerung abzuwenden, werden Ängste geschürt. Doch Angst verstärkt die ohnehin ausgeprägte Stresswirkung der Situation noch. Und Stress beeinträchtigt die Funktion des Immunsystems. In der gegebenen Situation ist das fatal. Seit der amerikanische Psychologe Robert Ader im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts die enge Verbindung zwischen dem Immunsystem und dem zentralen Nervensystem erkannte, entwickelt sich aus dieser Erkenntnis ein neues Forschungsgebiet, das dem Wie der Wechselwirkung von Psyche, Nervensystem und Immunsystem und seinen Konsequenzen nachspürt: die Psychoneuroimmunologie. Historisch gesehen darf sie als Bestätigung für den thrakischen Arzt gesehen werden. Ein Nachbargebiet ist die Psychoneuroendokrinologie, die zusätzlich die Wechselwirkungen des Hormonsystems miteinbezieht.

Es lohnt sich

Das als Hintergrund zu dem Buch "Wenn der Körper Nein sagt" des 1944 in Budapest geborenen und in Kanada lebenden Arztes Gabor Maté. Mittlerweile wurde es in 15 Sprachen übersetzt. Offensichtlich hat Maté mit dem von ihm aufgegriffenen Thema einen Nerv der Zeit getroffen. In diesem Buch, informiert er, "werde ich über die Auswirkungen von Stress auf die Gesundheit schreiben. Dabei geht es insbesondere um den verborgenen Stress, den wir alle durch unsere frühe Programmierung erzeugen, ein Muster, das so subtil ist und sich so stark eingeprägt hat, dass wir es als Teil unseres wahren Selbst empfinden."

Obwohl Maté ein breites Spektrum der verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse vorstellt, bilden die individuellen Leidensgeschichten den Kern dieses Buches. Was schon der thrakische Arzt vor zweieinhalbtausend Jahren seinen griechischen Kollegen vorhielt, verdeutlicht Maté anhand subtiler Analysen persönlicher Schicksale.

Hier "spricht" kein Alternativmediziner, niemand, der die Leistungen der modernen Medizin relativieren will. Er fügt diesen Leistungen nur ein "Aber" hinzu: "Aber nicht alle wesentlichen Informationen können im Labor oder durch statistische Analysen bestätigt werden. Nicht alle Aspekte einer Krankheit können auf Fakten reduziert werden, die durch Doppelblindstudien und strikte wissenschaftliche Techniken verifiziert wurden." Sich fast ausschließlich auf "objektive" Maßnahmen, technikbasierte diagnostische Verfahren und "wissenschaftliche" Heilmittel zu verlassen genüge nicht.

Wissenschaft hilft

Das aufstrebende medizinische Fachgebiet der Psychoneuroimmunologie verdeutliche das. Das Wort "bedeutet schlicht, dass in diesem Fachgebiet die Art und Weise untersucht wird, wie die Psyche – der Geist und die in ihm enthaltenen Emotionen – mit dem Nervensystem des Körpers interagiert und wie beide wiederum eng mit unserer Immunabwehr verbunden sind".

Ein Schlüsselsatz des Buches sollte auch im Blick auf die zunehmenden gesundheitlichen Probleme zum Nachdenken anregen, die unter anderem über direkte Ausfallzeiten leistungsmindernd und kostensteigernd die Unternehmen belasten: "Das Immunsystem existiert nicht losgelöst von unserer täglichen Erfahrung." Ob wir es nun Achtsamkeit oder Sensibilität im Umgang nennen, ist letztlich egal. Nicht egal aber ist: Ein wenig mehr davon bedeutet vermutlich ein wenig weniger die Gesundheit untergrabenden Stress.

Achtung, sehr sensibel

Wie kann sich Stress in Krankheit umwandeln? Stress, erläutert Maté, ist eine komplizierte Kaskade physikalischer und biochemischer Reaktionen auf starke emotionale Stimuli. In physiologischer Hinsicht sind Emotionen elektrische, chemische und hormonelle Entladungen des menschlichen Nervensystems. Emotionen beeinflussen – und werden beeinflusst durch – die Funktion unserer wichtigsten Organe, die Unversehrtheit unserer Immunabwehr und die Arbeitsweise vieler zirkulierender biologischer Substanzen, die zur Steuerung des Zustands unseres Körpers beitragen. Fazit von Maté: Die Verbindungen zwischen Körper und Geist müssen nicht nur für unser Verständnis von Krankheit, sondern auch für unser Verständnis von Gesundheit wahrgenommen werden. (Hartmut Volk, 23.12.2020)