Mohsen Fakhrizadeh wurde am Samstag im Imam-Reza-Schrein in Mashhad beigesetzt. Die Plastikumhüllung des Sargs ist offenbar eine Konzession an Covid-19, das den Iran besonders schwer getroffen hat.

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Lust auf Rache versus "strategische Geduld": Nach dem tödlichen Anschlag auf den Atomphysiker Mohsen Fakhrizadeh am Freitag schien Teheran erst einmal auf Zeit zu setzen. Präsident Hassan Rohani kündigte eine Reaktion zum "richtigen Zeitpunkt" an. Entschieden wird das Vorgehen jedoch nicht von ihm, sondern ganz oben, vom geistlichen Führer Ali Khamenei. Das Leibblatt der Ultras, "Keyhan", forderte "Auge um Auge" – und einen Militärschlag auf Haifa, denn Israel wird für schuldig gehalten. Die Hardliner kritisieren auch die Regierung, Fakhrizadeh, der außerhalb des Iran "Vater des iranischen Atomwaffenprogramms" genannt wird, nicht genügend geschützt zu haben.

Man werde nicht in die "Falle" gehen, sagte jedoch ein Regierungssprecher. "Die Nacht ist lang, und wir warten", sagte Ex-Verteidigungsminister Hossein Dehghan, der sich als erster Kandidat für die Präsidentschaftswahlen im Juni 2021 in Stellung gebracht hat. Auffällig ist, dass Israel als Täter genannt wird, aber eine mögliche US-Mitverantwortung eher ausgeklammert wird: Offenbar bleibt Teheran bei der Linie, vor dem Abgang von US-Präsident Donald Trump am 20. Jänner nichts tun zu wollen, was die USA zu einem Militärschlag einladen könnte. Schon zuvor hatte die iranische Führung ihren Milizen in anderen Staaten, allen voran im Irak, den Auftrag erteilt, sich mit Provokationen der USA zurückzuhalten.

"Erinnert euch an den Namen!"

Mohsen Fakhrizadeh-Mahabadi, der am Freitag in Absard, einer Kleinstadt östlich von Teheran, in den Hinterhalt eines Mordkommandos geriet, war Atomwissenschafter – und als solcher mutmaßlich für die Forschungen an Waffenaspekten in Irans Atomprogramm verantwortlich. Er soll für die Arbeit an Nuklearsprengköpfen zuständig gewesen sein. Laut CIA stellten die Iraner ihr militärisches Atomprogramm vor 2003 ein, was jedoch von Israel bestritten wird. Fakhrizadeh wurde von Israels Premier Benjamin Netanjahu ausdrücklich genannt, als er 2018 von einem israelischen Kommando aus dem Iran geholte Atomdokumente präsentierte: "Erinnert euch an den Namen!"

Der 62-jährige Fakhrizadeh war international bei weitem nicht so bekannt wie General Ghassem Soleimani, den die USA am 3. Jänner 2020 gemeinsam mit dem irakischen Milizenführer Abu Mahdi al-Mohandis in Bagdad töteten. Aber mit Soleimani und Fakhrizadeh wurden zwei nicht nur operativ wichtige Personen, sondern auch starke Symbolfiguren des iranischen Sicherheitsestablishments aus dem Spiel genommen. Soleimani orchestrierte die iranischen Stellvertreterkräfte in der Region.

Irans Parlament forderte am Sonntag, dass der Iran weitere Schritte aus dem Atomdeal hinaus machen sollte, etwa durch die Reduktion der Zusammenarbeit mit der IAEA (Internationalen Atomenergiebehörde). Die Rede war auch davon, die Urananreicherung wieder auf 20 Prozent zu erhöhen.

Zukunft des Atomdeals?

Ob die iranische Führung das wirklich erwägt, war jedoch unklar. So ein Schritt würde einen sofortigen Zusammenbruch des Atomdeals bedeuten – und somit auch die Chance, mit der neuen US-Regierung unter Joe Biden eine Deeskalation und wirtschaftliche Erleichterungen für den Iran einzuleiten. Damit würde wohl genau das Ziel der Ausschaltung Fakhrizadehs zu diesem Zeitpunkt erreicht.

Trump stieg 2018 aus dem Atomdeal aus und betrieb dessen Sabotage. Als Reaktion begann auch Teheran nach und nach, die Regeln nicht mehr einzuhalten. Heute verfügt der Iran um etwa zwölfmal so viel angereichertes Uran als vor dem Austritt der USA und ist damit der Schwelle zu genügend Material für eine Atombombe viel näher.

Die "New York Times" zitierte am Samstag Mark Fitzpatrick, einen Nonproliferationsexperten und früheren US-Diplomaten: "Der Grund für die Ermordung von Fakhrizadeh war nicht, Irans Kriegspotenzial zu reduzieren, sondern Diplomatie zu verhindern." Heftige Kritik übte auch der frühere CIA-Direktor John Brennan, der die Tötung einen "kriminellen Akt und in hohem Grad leichtsinnig" nannte. Auch von einem außenpolitischen Sprecher der EU fiel das Wort "kriminell".

Eine lange Serie

Das Jahr 2020 hatte mit dem Tod Soleimanis begonnen. Später folgte eine Serie von mysteriösen Explosionen in iranischen Industrie- und Infrastrukturanlagen, die aber nicht klar zuordenbar und von Teheran oft als Unfall deklariert wurden. Anders war das mit einem Anschlag in der Urananreicherungsanlage in Natanz im Juli, bei dem die Werkstätte zur Erzeugung von Anreicherungszentrifugen einer neuen Generation zerstört wurde.

Anfang August tötete ein – ebenfalls mutmaßlich israelisches – Kommando in Teheran die Nummer zwei von Al-Kaida, Abu Mohammed al-Masri, und dessen Tochter Miriam, die Witwe von Osama Bin Ladens Sohn Hamza (der 2019 von einer US-Drohne im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet getötet worden war).

Bereits vor zehn Jahren hatte es eine Serie von Ermordungen von iranischen Nuklearexperten gegeben: Massud Alimohammadi und Majid Shahriari wurden im Jahr 2010 mit Bomben getötet, ein dritter, Fereidun Abbasi, überlebte ein ähnliches Attentat. 2011 wurde Darius Rezaeinejad und 2012 Mostafa Ahmadi Roshan erschossen.

Eine der Folgen war eine paranoide Welle der Behörden, die sich vor allem gegen iranische Doppelstaatsbürger richtet, die mit der Beschuldigung vor Gericht gestellt wurden, für Israel spioniert zu haben. Einer davon, der Schwede Ahmadreza Jalali, ist akut von der Hinrichtung bedroht. Nach der Tötung Fakhrizadehs am Freitag rief Khamenei erneut zur Jagd auf Spione auf. (Gudrun Harrer, 30.11.2020)