Polizeibeamte schlugen Michel Zecler minutenlang vor allem ins Gesicht.

Foto: AP / Hafida El Ali

Wer sich nicht recht vorstellen kann, was Rassismus ist, muss nur beobachten, welche Folgen ein fehlender Mund-Nasen-Schutz in Paris hat. Für die einen setzt es "comme il faut" eine Buße; dann geht das Leben weiter. Ein anderer bekommt Schläge – und das minutenlang, vor allem ins Gesicht, danach zwei Tage Untersuchungshaft ohne medizinische Betreuung.

So geschah es Michel Zecler an einem Novemberabend. Als er kurz vor 20 Uhr auf die Straße wollte, bemerkte er eine Polizeipatrouille und kehrte, um das Bußgeld von 135 Euro zu sparen, flugs in sein Musikstudio zurück. Im Eingang wurde der 41-Jährige gestellt. Dann änderte sich sein Leben schlagartig.

Die Polizei war schon da

Das Video von der folgenden Einbahnschlägerei wurde elf Millionen Mal angeklickt. Drei Tage nachdem das Portal Loopsider das Video veröffentlicht hatte, trat er neben seiner Anwältin vor die Mikrofone und erzählte: "Sie überraschten mich, ich bekam Angst. Zuerst dachte ich, es seien falsche Polizisten." In einem höheren Stockwerk habe ein befreundeter Nachbar den Lärm gehört und gerufen, er hole die Polizei. "Sie ist schon hier", rief Zecler zurück.

Während der Untersuchungshaft behaupteten die vier Polizisten, Zecler habe sie angegriffen, da er die israelische Kampfsporttechnik Krav Maga beherrsche. Davon ist auf dem Video nichts zu sehen. Auch Zecler sagte nach dem Vorfall, er habe weder geschlagen noch zurückgeschlagen. Kery James, ein Rapper, den Zecler früher produziert hat, meint über ihn: "Ich kenne Michel seit 15 Jahren, er ist höflich, gesetzt, fleißig, hat viel Humor. Er kennt alle Leute im 17. Bezirk, Händler, Nachbarn – und kommt mit allen bestens aus."

Von der Banlieue in das gute Pariser Viertel

Zecler stammt aus Bagneux, einer übel beleumundeten Vorstadt südlich von Paris. Er habe eine "chaotische Jugend" erlebt, sei auch einmal im Gefängnis gelandet, bekennt er; seit 15 Jahren aber führe er ein geregeltes Leben im gutbürgerlichen 17. Arrondissement von Paris. Mit der Hip-Hop-Produzentin Valérie Atlan baute er dort ab 2006 sein "Black Gold"-Studio und -Label auf; dazu organisierte er erfolgreiche Tourneen wie "Das goldene Zeitalter des Rap" oder "Secteur Ä".

Heute, da er den Sprung aus der Banlieue in die guten Pariser Viertel geschafft hat, produziert er vor allem junge Rapmusiker. Neun von ihnen, die an jenem fatalen Abend im Untergeschoss übten, eilten auch herbei, als sie Zeclers Hilferufe hörten. Jetzt haben sie Material für einen neuen Rap. (Stefan Brändle, 29.11.2020)