Soraya Shahidy glaubt nicht, dass Tätowieren Männersache ist: "Auch Frauen können das", sagt sie.

Foto: REUTERS / MOHAMMAD ISMAIL

Sorgfältig legt Soraya Shahidy eine Schablone auf den Arm einer Kundin, bevor sie in ihrem Salon in der afghanischen Hauptstadt Kabul die neueste Tätowierung einfärbt. In Studios auf der ganzen Welt eine normale Routine, bricht Shahidys Kunstwerk in dem konservativen Land ein Tattoo-Tabu: Sie glaubt, die erste weibliche Tätowierkünstlerin in einem Land zu sein, in dem einige Religionsgelehrte sagen, dass Tätowierungen nach dem Islam verboten sind. "Ich hätte diesen Beruf auch im Ausland ausüben können, aber ich wollte ihn in Afghanistan ausüben, weil es in diesem Land keine Tätowiererinnen gibt", sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters.

"Ich glaube, es sind nicht nur Männer, die Tätowierungen anbringen können. Auch Frauen können das." Die 27-jährige Shahidy, die in der Türkei und im Iran ausgebildet wurde, besteht darauf, dass ihre Kunstwerke im Islam legitim seien: "Einige Mullahs sagen, Tätowierungen seien verboten, aber es gibt andere Mullahs, die das Gegenteil behaupten."

Steigende Nachfrage

In Kabul gebe es eine kleine, aber wachsende Nachfrage junger Menschen nach Tätowierungen. "Die meisten Kunden wollen Tätowierungen an Handgelenken, Armen, Hals und Beinen ... Mädchen interessieren sich mehr für zarte Tätowierungen wie Blumen, Schmetterlinge und Libellen oder die Namen von Menschen, die sie lieben." Auch einige für sie "extravagante" Wünsche seien dabei. Ein Kunde habe sich etwa die Tätowierung eines Grabsteins mit der Inschrift "Freiwilliger des Todes" gewünscht.

Shahidys Kundin auf dem Foto war lange an einer Tätowierung interessiert und entschied sich schließlich für ein Design auf der Innenseite ihres Unterarms. "Meine Tätowierung ist in einer Hindi-Handschrift und bedeutet Mut", sagte sie.
Foto: REUTERS / MOHAMMAD ISMAIL

Wie viele im Land denkt Shahidy über die Möglichkeit einer Rückkehr der Taliban an die Macht nach, die sich in Friedensgesprächen mit der afghanischen Regierung befinden, um zwei Jahrzehnte Krieg zu beenden. Sie zeigte sich jedoch zuversichtlich, dass sich das Land seit dem Sturz der Hardliner-Islamisten im Jahr 2001 dramatisch verändert hat. "Wir sind nicht das Volk, das die Errungenschaften, die wir in den letzten Jahren erreicht haben, leicht verlieren kann", sagte sie. (Reuters, 30.11.2020)