Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán ist kein Antisemit. Von ihm gibt es keine offenen judenfeindlichen Aussagen. Dass er die letzte sozialliberale Regierung als "fremdartig" bezeichnet und den in Budapest geborenen Holocaust-Überlebenden George Soros, den New Yorker Finanzinvestor und Philanthropen, als den in der Maske des Menschenfreundes auftretenden heimatlosen Feind der ungarischen Nation und des christlichen Europa zu einem internationalen Feindbild aufgebaut hat, ist nur eine Seite der Medaille.

Vom ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán gibt es keine offenen judenfeindlichen Aussagen.
Foto: REUTERS

Aber die andere Seite, die von Orbán selbst und seinen Propagandisten unentwegt, zuletzt in seinem zweiseitigen Interview in der deutschen Wochenzeitung "Zeit" raffiniert verkauft wird, lautet ungefähr so: Soros werde wegen seiner Flüchtlingspolitik kritisiert, es ist völlig egal, ob er jüdisch sei oder nicht. Die Unverletzlichkeit der jüdischen Kultur als Teil der ungarischen Identität und die jüdische Gemeinschaft stehen unter dem Schutz der Regierung. "Das garantiere ich auch persönlich", sagt Orbán.

Bei seinen Besuchen in Jerusalem im Juli 2018 und im Februar 2019 lobte ihn der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als "einen wahren Freund Israels" und bedankte sich wiederholt für die ungarische Unterstützung bei den EU-internen außenpolitischen Debatten. Netanjahu hatte sogar vor seinem Ungarn-Besuch im Juli 2017 den eigenen Botschafter in Budapest nach dessen Protest gegen eine antisemitische Soros-Karikatur öffentlich gemaßregelt. Soros’ Stiftung der offenen Gesellschaft tritt auch für die Rechte der Palästinenser ein. Zynische Doppelzüngigkeit und die Korruption verbindet die beiden Politiker.

Bagatellisierung

Orbáns "wohlüberlegte Doppeldeutigkeit und bewusster Gebrauch der Doppelzüngigkeit", so der große ungarische Schriftsteller Péter Nádas bereits 2011 (!), charakterisieren auch seine Haltung zum Judentum. Nach außen "Null Toleranz für Antisemitismus". Nach innen pflegen mehrere pseudowissenschaftliche Institute, umgeschriebene Schulbücher und zahlreiche Propagandisten die Bagatellisierung der Mitschuld des Horthy-Regimes am Mord von 560.000 ungarischen Juden.

Nun passierte aber eine peinliche Panne. Im größten Fidesz-nahen Internetportal "Origo" wurde Soros in einem Artikel vorgeworfen, Europa zu seiner "Gaskammer" gemacht zu haben: "Aus den Fässern der multikulturellen offenen Gesellschaft entströmt das Giftgas, das für die europäische Lebensform tödlich ist." Ungarn und Polen seien "die neuen Juden", und Soros sei "der liberale Führer, der von seiner Armee der Liberarier mehr als Hitler vergöttlicht wird".

Was im Nu einen internationalen Skandal ausgelöst hat, war nicht nur der hasserfüllte, bizarre Text, sondern auch die Person des Autors, Szilárd Demeter. Er gilt nämlich als Direktor des Budapester Petőfi-Literaturmuseums, als Regierungskommissar für die Digitalisierung der Sammlungen aller Bibliotheken und als Mitglied des neu geschaffenen Nationalen Kulturrates als die kulturpolitisch rechte Hand des Ministerpräsidenten. Dass er den Artikel am Sonntag ohne klare Entschuldigung zurückgezogen hat, ändert nichts an der Tatsache, dass diese beispiellose Entgleisung der brandgefährlichen Rhetorik des Regimes entspringt. (Paul Lendvai, 1.12.2020)