Nach der Bestätigung im Senat Anfang nächsten Jahres wäre Janet Yellen die erste Frau an der Spitze des Finanzressorts.

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Dass sie sich für Ökonomie zu interessieren begann, hat Janet Yellen einmal erzählt, hatte viel mit der Arztpraxis ihres Vaters zu tun. Julius Yellens Patienten in Bay Ridge, einem Arbeiterviertel in Brooklyn, waren zumeist einfache Leute, oft Migranten der ersten oder zweiten Generation, die schwer mit dem Auf und Ab der Wirtschaft zu kämpfen hatten.

"Als ich heranwuchs, bekam ich oft mit, was es für das Leben einer Familie bedeutete, wenn jemand seinen Job verlor", sagte Yellen 2019 bei einer Podiumsdiskussion im texanischen Dallas. Auch aus dem Grund, fügte sie hinzu, habe sie sich in ihren späteren Forschungen auf den Arbeitsmarkt konzentriert.

Am Montag wurde die 74 Jährige von Joe Biden als Finanzministerin nominiert. Der Afroamerikaner Wally Adeyemo, der einst Präsident Barack Obama als Wirtschaftsberater diente, soll ihr Stellvertreter werden.

An Yellens fachlicher Qualifikation kann es nicht den leisesten Zweifel geben. Yellen hat an Eliteuniversitäten gelehrt, in Harvard, London und Berkeley. Unter Bill Clinton leitete sie den Wirtschaftsrat des Weißen Hauses. Zudem machte sie Karriere in der amerikanischen Notenbank, deren Außenstelle in San Francisco sie leitete, bevor sie 2010 Stellvertreterin des Zentralbankchefs Ben Bernanke wurde und schließlich – 2014 – Chairwoman.

Donald Trump wollte Größeres

Als das Wall Street Journal prominente Volkswirte bat, Yellens Wirken an der Spitze der Federal Reserve zu bewerten, fiel das Urteil ziemlich eindeutig aus. 60 Prozent der Befragten vergaben die Note "Eins", 30 Prozent die "Zwei", nur acht die "Drei". Donald Trump hat Yellens vierjährige Amtszeit dennoch nicht verlängert, was Berichten zufolge nicht zuletzt daran lag, dass er die 1,60-Meter-Frau für zu klein hielt, um das große Amerika repräsentieren zu können.

Was typisch ist für die Wirtschaftsweise aus New York, ist das Bemühen, es nicht bei nüchternen Prognosen zu belassen, sondern stets zu verdeutlichen, was die Zahlen für Gering- und Normalverdiener bedeuten. In einer gemeinsam mit ihrem Mann, dem Wirtschaftsnobelpreisträger George Akerlof, verfassten Studie schrieb Yellen einst gegen den amerikanischen Billiglohntrend an.

Arbeitnehmer, lautete die Kernthese, seien produktiver, wenn sie das Gefühl hätten, fair bezahlt zu werden. Als Notenbankdirektorin sprach sie von der wachsenden sozialen Ungleichheit, die ihr Sorgen bereite. Sie frage sich, ob dies vereinbar sei mit den Idealen, die tief in der Geschichte der USA wurzelten, "damit, dass Amerikaner traditionell großen Wert auf Chancengleichheit legen".

Expertin, die auch widerspricht

Wird sie im Jänner oder Februar vom Senat bestätigt, ist Yellen die erste Frau an der Spitze der Treasury, eines 1789 geschaffenen Ressorts, dessen Zentrale neben dem Weißen Haus liegt. Mit der Personalie signalisiert Biden, dass er auf die Erfahrung einer Expertin baut, die unterstreicht, dass es eines staatlichen Kraftakts bedarf, um aus dem Krisental der Corona-Pandemie herauszukommen. Die dezidiert widerspricht, wenn andere erklären, dass der freie Markt es schon richten werde.

Ihre Doktorarbeit schrieb Yellen unter der Obhut von James Tobin. Der Denkschule des Briten John Maynard Keynes zuzurechnen, vertrat Tobin die Auffassung, dass der Staat durch aktives Eingreifen eine Rezession abfedern kann und muss, statt die Kräfte des Markts ungezügelt wirken zu lassen.

Auch Yellen versteht sich als Keynesianerin, wenn auch als pragmatische, die sich statt an Ideologien an Daten orientiert. Den Auftrag der Fed, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, nahm sie mindestens so ernst wie die Kontrolle der Inflation, die bei den Falken klar an erster Stelle rangiert.

Fehler eingestanden

Im Fieber des US-Immobilienbooms bewies sie wiederum einen nüchternen Realismus, der sich wohltuend abhob vom Überschwang, der Analysten vom dauerhaften Anstieg der Hauspreise faseln ließ, als handelte es sich um ein Naturgesetz. Die Immobilienblase sei der 600-Pfund-Gorilla im Zimmer, warnte sie 15 Monate vor dem Kollaps der Finanzindustrie, während Optimisten damals kaum Gefahrenmomente erkennen wollten.

Später gestand sie gleichwohl eigene Irrtümer ein. Die Art, wie hochriskante Subprime-Kredite gebündelt, wie auf die Bündel Wertpapiere ausgestellt und an Investoren verkauft wurden, während die Ratingagenturen den windigen Papieren Bestnoten gaben – das alles habe sie unterschätzt. "Ich habe nichts davon kommen sehen, bis es dann tatsächlich geschah." Das "Mea-culpa" hat ihre Glaubwürdigkeit letztlich nur gestärkt – zumal sich manche ihrer männlichen Kollegen nie zu derart selbstkritischen Worten durchringen konnten. (Frank Herrmann aus Washington, 30.11.2020)