Protest gegen Facebook: Ein Demonstrant mit einer Maske von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg fordert zum Aufräumen auf.

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Beim Forschungsfeld "soziale Medien" kommt idealerweise Expertise aus Sozial- und Computerwissenschaften zusammen. Genau darum geht es David Garcia, der vor kurzem an der TU Graz eine entsprechende Professur angetreten hat.

Der gebürtige Spanier könnte nun die EU-Gesetzgebung mitgestalten: Er ist Co-Autor eines Berichts der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission (JRC) über Technologie und Demokratie. Es geht darum, wie Social Media unsere – auch politischen – Entscheidungen beeinflussen und was die Gesetzgebung etwa mit besserem Datenschutz daran ändern kann.

STANDARD: Auf Netflix ist derzeit der Dokumentarfilm "Das Dilemma mit den sozialen Medien" zu sehen, in dem Ex-Mitarbeitende von Google, Facebook und Co über Probleme von Social Media sprechen. Haben Sie ihn gesehen?

David Garcia: Ja – genauer ist er halb Dokumentation, halb Drama, aufgrund der eingefügten fiktiven Handlung. Ich denke, dass der Film wichtige Nachrichten transportiert: Als Nutzer von sozialen Medien ist man selbst das Produkt, an dem Geld verdient wird. Aber er ist eben kein akademischer Text. Er liefert stark vereinfachte Botschaften und stellt zwischen manchen Aspekten Verbindungen her, die es so nicht gibt, zum Beispiel beim Thema mentale Gesundheit: als würden Teenager depressiv werden und Suizid begehen, nur weil sie ein Smartphone benutzen. Das hat mich wütend gemacht. Ich musste den Film unterbrechen und später fertigschauen.

STANDARD: Mit dem EU-Bericht versuchen Sie, die Probleme für politische Entscheidungstragende zu erklären. Eines der Hauptthemen ist die Personalisierung angezeigter Inhalte durch Algorithmen. Was hat es damit auf sich?

Garcia: Im Idealfall sollten Onlinetechnologien den Menschen helfen, besser an die Informationen zu kommen, die sie suchen. Es gibt Hinweise darauf, dass man online vielfältigere Infos erhält als etwa im Fernsehen – auch wenn sie auf den Nutzer zugeschnitten wurden. Das hat Vorteile, birgt jedoch Gefahren, wie die gezielte Beeinflussung durch bestimmte Inhalte. Zudem sind die Algorithmen darauf ausgelegt, maximale Interaktion zu bewirken. Dadurch werden kontroverse und irreführende Informationen besonders stark verbreitet.

STANDARD: Was bedeutet das für Demokratie und Datenschutz?

"Als Nutzer von sozialen Medien ist man selbst das Produkt, mit dem Geld verdient wird", sagt David Garcia.
Foto: privat

Garcia: Die Unternehmen verdienen Geld mit der Aufmerksamkeit von Menschen. Diese sollen bestimmte Produkte kaufen oder ihr Wahlverhalten ändern. Um dabei möglichst effizient vorzugehen, braucht man sensible Daten – man muss ja möglichst viel über die Personen wissen. Und wenn all das für politische Zwecke genutzt wird, könnte das für demokratische Prozesse gefährlich werden.

STANDARD: Deshalb sprechen Sie sich für ein Verbot von politischem "Microtargeting" aus, bei dem das Wissen über die User ausgenutzt wird, um ihnen auf sie zugeschnittene Kampagnen von Parteien anzuzeigen. Welche weiteren Lösungen bieten Sie an?

Garcia: Ein genereller Rat ist der, Politik nicht reaktiv, sondern proaktiv zu gestalten. Denn aktuell läuft es so: Erst gibt es einen Skandal, dann reagiert die Politik und sorgt vielleicht Jahre später für gewisse Regelungen. Den meisten Social-Media-Unternehmen ist es kein Anliegen, Nutzer zu schützen oder ihnen die Wirkungsweise der Algorithmen zu erklären. Sie sind kaum von Regulierungen betroffen. Und sie sind extrem reich geworden, weil sie nicht daran arbeiten müssen, ihre Plattform verantwortungsbewusst zu gestalten. Doch gerade dafür muss es Motivation geben.

STANDARD: Sie haben aber auch die jüngeren Datenschutzanpassungen kritisiert: Die Auswahl der Datennutzung auf einzelnen Webseiten sorge "einfach nur für ein weiteres Pop-up".

Garcia: Das Problem ist: Das Design dieser Banner hat einen enormen Einfluss darauf, ob eine Person ihre Daten teilt. Die Unternehmen bestimmen, wie leicht es ist, die Datenerfassung abzulehnen. Ihr System legt fest, was angezeigt wird. Es ist so konzipiert, dass möglichst viele Menschen ihre Daten teilen, obwohl sie das eigentlich nicht wollen – das nennt man "Dark Pattern". Das Design behindert sie also darin, von ihrem Ablehnungsrecht Gebrauch zu machen.

STANDARD: Der Umgang mit Falschinformationen wird ebenso im Bericht angesprochen – das ist gerade zu Pandemiezeiten relevant. Manche Plattformen haben bei Covid-19-Beiträgen etwa Links zum Gesundheitsministerium platziert.

Garcia: Die Covid-Situation hat einige Beispiele für Interventionen hervorgebracht, von denen wir für andere Fälle lernen können. Es gab gefährliche "Informationen"; dies lässt sich auf andere Gesundheitsthemen anwenden, wie auf verrückte Aussagen über Krebsheilung. Nun stellt sich die Frage, wie man damit systematisch umgeht. Das kann auch für Verschwörungstheorien gelten: Viele Menschen sind über Youtube-Empfehlungen auf die These der flachen Erde gestoßen. Mittlerweile schränkt die Plattform diese Inhalte stärker ein und will versuchen, extremistische Inhalte weniger zu empfehlen. Das klappt nur nicht so gut, wenn man auf der Seite ein Profil nutzt, weil dann wieder personalisiert wird.

STANDARD: Sorgen soziale Medien für eine politische Polarisierung?

Garcia: Das lässt sich nicht ohne weiteres sagen. Eine meiner persönlichen Theorien ist, dass radikale Menschen aktiver sind, eine laute Minderheit. Es könnte eine große Menge stiller Menschen in der Mitte des Spektrums geben, die in sozialen Medien nicht so lautstark sind. Wir versuchen, soziale Medien nicht zu sehr als Schätzwert zur Meinung der Bevölkerung zu verwenden, denn wir wissen: Wer hier spricht, ist nicht unbedingt repräsentativ. Andererseits könnte das eine sich selbst verwirklichende Prophezeiung sein – dass es immer radikaler zugeht, weil nur die Hardliner gehört werden.

STANDARD: Sind politisch Moderate online schwieriger zu finden?

Garcia: Ich denke, das hängt von den Fragen ab, die man stellt. Wenn man US-amerikanische Republikaner und Demokraten fragt, wie hoch der Steuersatz für reiche Menschen sein soll, ist die Varianz der Antworten nicht so groß. Wenn man aber wissen will, wie sehr sie Donald Trump mögen oder hassen, tut sich eine Kluft auf. Hier gibt es oft einen Unterschied bei Fragen zur Gruppenidentität und zu konkreten Bestimmungen. Auf Letztere kommt es eigentlich an – und hier gelten viel mehr Menschen als moderat. (Julia Sica, 4.12.2020)