Wer die eigenen Kochkünste satthat, findet gerade in Wien ausreichend Abhilfe.
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Na endlich wieder eine Pressekonferenz. Man hat ja beinahe die Orientierung verloren – so ganz ohne. Aber nun gibt es neue Fakten, und die sind alt: Die Wirte bleiben zu, es bleibt beim Kochen daheim. Dabei hatte man es doch schon so satt. Man hatte sich an den Klassikern der Wiener Hausmannskost in den letzten Wochen auch wirklich satt gegessen. Vom Erdäpfelgulasch ist immer noch einiges übrig. Ein paar faschierte Laibchen kompostieren im Eiskasten vor sich hin. Nudeln mit Sugo traut man sich der Familie gar nicht mehr anzubieten. Und selbst das sonst blitzschnell zusammengeputzte Paprikahenderl erwirkt nur noch gelangweilte Seufzer aus Kinderzimmern und Homeoffices. Da in den Wochen des Lockdowns in den Küchen der zum Kochen genötigten Laienköche sämtliches Kreativpulver verschossen wurde, bleibt nur noch der Weg an die Rechner, um nachzuschauen, welche der doch so geschätzten Spitzenbetriebe der Gastronomie in Wien ein Abholservice für seine Haute-Cuisine-Gerichte anbieten.

Da brandet innerer Jubel auf, wenn man auf die Links zu Apron, Filippou, und Amador klickt. Man schmatzt sich ein, wenn die Suchmaschine die Websites von Silvio Nickol, Mraz und Aend auflistet – da wähnt man sich nur noch wenige Klicks von feinen Take-away-Gerichten entfernt. Möge die Kreditkarte glühen, heute ist alles wurscht – es muss endlich wieder Haute Cuisine auf die Teller, sonst gibt's einen Zuck-aus, aber einen gewaltigen! Doch aus trenzenden Mundwinkeln werden tränende Augenwinkel: Die genannten Lieblingsrestaurants haben allesamt geschlossen, keinerlei Take-away-Angebote ploppen auf oder verbergen sich hinter falschen Überschriften. Niente, nada, proprio zero. Man surft eine Klasse tiefer, sucht das Fuhrmann, das Spoon oder das Heunisch & Erben ... Doch leider: kein Angebot zu entdecken. Von Wiens absoluten Spitzenbetrieben scheinen die meisten den Lockdown als einen Chillout zu nutzen – bis auf die Reitbauers und Herrn Ivic vom Tian. Es gibt also noch Hoffnung auf Sterne- und Haubenküche zum Mitnehmen. Das Tian bietet für zwei Personen ein dreigängiges Menü samt Brot und Butter um 99 Euro an. Bis Mitternacht am Vortag kann bestellt werden, wohnt man nicht im 21., 22. oder 23. Bezirk, wird auch geliefert. Abgeholt darf aus allen Bezirken werden, und zwar zwischen 15 und 17 Uhr. Womöglich nimmt man dann auch noch ein Flascherl Wein zu Euro 19 mit nach Hause.

Auf den Putz hauen

Die Familie Reitbauer steht mit ihrem Steirereck im Stadtpark seit Jahren an der Spitze diverser Gourmetrankings. Wenn man nach einem Monat des Wiener Hausmannskostfraßes daheim Lust auf etwas Besonderes verspürt und wieder einmal kulinarisch auf den Putz hauen möchte, sollte das Steirereck doch erster Ansprechpartner dazu sein. Doch nach ein paar Klicks auf der Steirereck-Seite macht sich Enttäuschung breit: gefüllte Paprika, Erdäpfelgulasch, faschierte Laibchen, Paprikahenderl, Beuscherl ... #Oida! Gäbe es nicht auch eine Bouillabaisse, eine bestimmt sehr feine Kürbis-Süßkartoffel-Kokos-Suppe oder zum Abschluss eine Bitterorangentarte oder einen Zwetschkenfleck, man wähnte sich womöglich im falschen Lokal. Hausmannskost galore.

Wer hingegen Lust auf ein Curry vom Seeteufel mit Kokos, ein Rehragout oder ein ausgelöstes Backhuhn in Kürbiskernpanier hat, sollte einmal beim Zwischenbrückenwirt in der Brigittenau vorbeisurfen und auch die weiteren Speisen beachten (Gansl). Hier gibt es echtes Essen zur Selbstabholung. Gar fantastische Speisen sind auch auf der anderen Seiten des Kanals, bei Joseph Kiangs Wine and Dine, zu finden. Wer sich dort schon einmal durch die Karte gefuttert hat, kommt immer wieder. Die Take-away-Karte ist kleiner, aber die wesentlichen Protagonisten finden sich darauf: Die göttlichen Ganbian-Fisolen, der unfassbare Melanzanisalat, der gegrillte Oktopus und die unerreichten Fladenbrote mit Lardo und Grammeln. Und die Kreditkarte wird, wie auch beim Zwischenbrückenwirt, nicht einmal lauwarm beim Bezahlen. Nicht am Kanal, sondern an der Wien sperrt das Aming Dim Sum Profi für Bestellung via "Lieferando.at" auf. Wer auf knusprigen Schweinedarm steht, wird dort glücklich. Die meisten bestellen aber die fantastischen Tascherln aller Art. Sie sind deswegen auch namensgebend.

Das tägliche Ramen

Wer im Lockdown auf sein tägliches Ramen nicht verzichten möchte, ruft am besten in der japanischen Ramen-Bar Karma Ramen an, ebenso an der Wien, um dort die Bestellungen aufzugeben und auch noch am selben Tag abzuholen. Wie auch in der Mochi Ramen Bar am Vorgartenmarkt und überhaupt im gesamten Mochiversum.

Wer sich daheim nicht Fisch und Meeresfrüchte drüber traut, überlässt deren Zubereitung den Profis rund um den sympathischen Suat Takan vom Kutschkermarkt. Sein Restaurant Ecke Haizingergasse/Gymnasiumstraße bietet die volle Länge Fisch- und Meeresfrüchtegerichte zum Abholen, der Griff zu den sehr günstig kalkulierten Flaschenweinen fällt bei ihm nicht schwer. Abholung und zum Teil Zustellung von elf bis 19 Uhr.

Darf's ein bisserl deftig sein?

Es ist so weit. Man hat sich an Ramen, Ganbian-Fisolen und patagonischen Calamari sattgegessen. Der Wunsch nach Bodenständigem erwacht schön langsam, jedoch nicht die Lust, dies selbst zuzubereiten. Auch in diesem Segment ist die Gastronomie im Wiener Lockdown gut aufgestellt. Das Brigittenauer Gasthaus Kopp liefert, wofür das Gasthaus Kopp berühmt ist: deftige Hausmannskost wie Cordon bleu, Ripperln oder Krautfleisch, Gansl auf Vorbestellung. Man kann sich das alles auch selbst abholen. Zu den letzten Geheimtipps in Wien gehört der Gemütliche Weinhauser in der Genzgasse in Währing/Weinhaus: Seine Tageskarte zum Abholen ist pure Verführung – Wildsuppe mit Bröselknödel, geschmortes Herz vom Kremstaler Milchkalb, Wildschwein Spare Ribs oder ein Waldpilzgulasch mit Serviettenknödel. Die Preise sind niedrig, die Freude am Gebotenen ist groß – Bestellung von Donnerstag bis Montag ab Mittag telefonisch.

Diverse Würstelstände haben auch geöffnet, für sie gilt, wie auch für die gesamte Restgastronomie, dass um Punkt 19 Uhr die Rollläden runtergefahren werden müssen. Da heißt es, pünktlich zu sein. Eine Frage bleibt noch unbeantwortet: Wer bekommt bei der Selbstabholung die Maut? (Gregor Fauma, 4.12.2020)