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"Eine himmlische Verbindung": Mit diesen nicht gerade bescheidenen Worten zelebrierte Salesforce-Chef Marc Benioff in der Nacht auf Donnerstag die Übernahme des auf Zusammenarbeits-Tools spezialisierten Softwareherstellers Slack. Und tatsächlich ist es schon mit einem Blick auf die Zahlen schwer die Relevanz dieses Schritts zu unterschätzen. Mit einem Kaufpreis von rund 23 Milliarden Euro – knapp zehn Milliarden davon in Cash, der Rest in Aktien – handelt es sich dabei um den größten Deal seit dem Start der Corona-Krise.

Die Pandemie hilft manchen

Dieser zeitliche Rahmen ergibt auch aus anderer Perspektive Sinn, hat er doch einiges mit dem Zustandekommen der Übernahme zu tun: Slack zählt mit seinen Tools zu den Profiteuren der Pandemie, in Zeiten des Homeoffice sind Programme zur Online-Organisation des Arbeitsalltags so gefragt wie noch nie zuvor. Oder auch nicht, denn es gibt noch eine andere Perspektive auf die aktuelle Situation. Denn während unbestritten ist, dass Slack durch die Pandemie neue Nutzer gewinnen konnte, ist ebenso unleugbar, dass die direkte Konkurrenz noch stärker wachsen konnte.

Gerade Microsoft Teams setzt Slack dabei zunehmend zu. Aktuelle offizielle Zahlen gibt es von Slack zwar nicht, Anfang des Jahres lag man noch bei 12,5 Millionen gleichzeitig aktiven Usern. Inoffiziellen Quellen zufolge soll Teams aber Slack schon vor Monaten überholt und mittlerweile weit hinter sich gelassen haben. Nichts könnte diese Situation besser beschreiben, als die Aussagen von Slack-Chef Stewart Butterfield selbst: Während der zuvor für den Fotoservice Flickr bekannte 47-jährige Anfang Mai noch versichert, dass Teams keine Konkurrenz für Slack sei, ereiferte er sich nur wenige Wochen später öffentlich über Microsoft. Das Unternehmen sei geradezu "besessen davon, uns zu töten", formulierte er es damals. Einige Woche folgte dann eine offizielle Beschwerde an die EU-Kartellbehörden, der Vorwurf: "Missbrauch der Marktmacht" durch Microsoft.

Ein Nachteil

Dass Slack in Relation zu den Mitbewerbern die Pandemie vergleichsweise schlecht für sich nutzen konnte, liegt vor allem an einem Umstand. In Hinblick auf Videochats waren Konkurrenten wie Teams aber auch Zoom oder Google Meet früher und besser aufgestellt. Und das zeigte sich auch an den vergangenen Quartalszahlen: Während Slack die vergangenen Quartale jeweils um rund 50 Prozent wuchs, vervielfachten sich die Zahlen von Zoom im gleichen Zeitraum. Insofern kommt der Kauf durch Salesforce für Slack zur rechten Zeit. Die tiefen Taschen des SAP-Konkurrenten verschaffen Slack erheblich mehr Spielraum für die Weiterentwicklung. Die Integration mit den bestehenden Tools von Salesforce sollten ebenfalls die Position von Slack stärken.

Aus der Perspektive von Salesforce dominieren hingegen andere Überlegungen: Slack soll dem Softwarehersteller nicht nur ein größeres Wachstum verschaffen, es gibt dem Unternehmen auch bei der breiten Masse endlich ein Gesicht. Denn so riesig Salesforce mit einem Börsewert von 180 Milliarden Euro mittlerweile geworden ist, die Cloud-basierten Tools für Kundenmanagement und Datenanalyse, die den Kern des Salesforce-Angebots ausmachen, sind eher ein Spezialthema. Wie sehr man bei Salesforce von der strategischen Wichtigkeit des Schritts überzeugt ist, zeigt auch eine andere Kennziffer: Der Preis für die Übernahme lag satte 55 Prozent über dem Aktienkurs von Slack.

Erfolgschancen?

Offen bleibt bei all dem eine zentrale Frage. Nämlich, ob der Deal erfolgreich sein wird. Die Liste von gelungenen Mega-Merger ist nicht all zu lang. Für jedes Youtube oder Whatsapp gibt es zahlreiche Gegenbeispiele. Komplett in den Sand gesetzte Übernahmen wie der Nokia-Kauf durch Microsoft oder auch das Zusammengehen von AOL und Time Warner sind hier mahnende Beispiele.

Eines ist hingegen klar: Hätte Slack eine Chance gesehen, wäre man lieber allein geblieben. Die Übernahme durch Salesforce mag insofern eine sehr gute Lösung für den Hersteller von Zusammenarbeitstools sein – sie bleibt aber trotzdem nur die Option B. (Andreas Proschofsky, 2.12.2020)