Stationen einer politischen Karriere. Valéry Giscard d'Estaing 2009 im Europäischen Parlament ...

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... und 1982 kurz nach seiner Abwahl als französischer Präsident.

APA / AFP / Philippe Wojazer

Es war im Herbst 2019, der Brexit stand an und das Schicksal Europas auf der Kippe. Da konnte Valéry Giscard d'Estaing nicht länger schweigen. Mit 93 Jahren empfing er nochmals ein paar europäische Journalisten. Seine Botschaft: Die EU solle den Briten einen einjährigen Brexit-Aufschub vermitteln, um das Schlimmste zu verhindern.

Nach Verlassen seines Büros am Boulevard Saint-Germain waren sich alle Besucher einig: Dieser Mann mit dem gebeugtem Gang und dem vifen Blick, der entgegen seinem Ruf sehr bescheiden auftrat, war ein Staatsmann und Visionär. Und statt eigene Standpunkte aufzudrängen, erkundigte er sich lieber – und mit ehrlichem Interesse –, was sich in den europäischen Ländern seiner Gesprächspartner gerade tat.

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Am 19. Mai 1981 war das noch anders gewesen. Der gerade abgewählte Staatschef trat vor die Fernsehkameras, um sich von seinen Landsleuten zu verabschieden und ihnen "Glück und Größe" zu wünschen. Nach seiner kurzen Ansprache blieb die Kamera aber irrtümlicherweise an. Dadurch verwirrt, brachte Giscard nur noch ein "Au-revoir" zustande; dann erhob er sich, kehrte dem TV-Publikum den Rücken zu und verließ das Studio vor der versammelten Fernsehnation. Zum Bild eines leeren Stuhls erklang nun die Marseillaise, als wollte sie den peinlich leeren Moment überspielen.

Adeliges Auftreten

Die Franzosen wussten, wie so oft bei Giscard, nicht so recht, ob sie nun lachen oder weinen sollten. Der pathetische Abgang passte zu ihrem Präsidenten, der etwas von einem Don Quichotte hatte, und von einem Aristokraten, der er eigentlich gar nicht war. Valéry René Marie Georges Giscard d'Estaing entstammte einer gutbürgerlichen Familie, die sich das Adelsprädikat unter Valérys Vater zugelegt hatte. Der Filius absolvierte eine Blitzkarriere als Finanzinspektor und -minister und wurde 1974 mit bloß 48 Jahren Staatschef. An seiner Bürowand hingen noch bis zu seinem Tod Schwarzweißbilder von ihm, einmal neben Charles de Gaulle, dann wieder neben John F. Kennedy.

Giscards siebenjährige Amtszeit von 1974 bis 1981 war wirtschaftlich erfolgreich und bescherte Frankreich einen Modernisierungsschub. Wahlalter 18, Schwangerschaftsabbruch, Scheidungsrecht, Frauenbehörde: "VGE", wie ihn viele Medien nannten, gab zahlreiche gesellschaftspolitische Anstöße und schuf ein "Ministerium der Lebensqualität"; auch stand er dem heute viel besuchten Impressionisten-Museum Orsay Pate.

Zugleich schmunzelten die Franzosen über Giscards ständige Fettnäpfchen. So setzte er sich persönlich in ein "Schnüffel-Flugzeug", das ihm Betrüger zum angeblichen Aufspüren unterirdischer Ölvorhaben andrehen wollten. Zum Verhängnis wurden ihm die so genannten Bokassa-Diamanten. Der leidenschaftliche Jäger, den ein Satiremagazin als "Elefantentöter" apostrophierte, hatte auf seinen privaten Safaris vom megalomanen Kaiser der Zentralafrikanischen Republik kompromittierende Geschenke erhalten. Die – nicht einmal sehr wertvollen – Schmuckstücke trugen zu Giscards Wahlniederlage von 1981 gegen den Sozialisten François Mitterrand bei.

Ewiger Konkurrent Chirac

Die Hauptschuld daran hatte allerdings ein Mann aus dem eigenen, bürgerlichen Lager – Jacques Chirac. Der Gaullist war im ersten Wahlgang als Drittplatzierter ausgeschieden und gab für die Stichwahl nur ein Lippenbekenntnis für Giscard ab; hinter den Kulissen trat er gar für Mitterrand ein.

Diesen politischen Verrat verzieh Giscard seinem Nebenbuhler nie. Noch dreißig Jahre später erklärte er, Chirac und das gaullistische RPR hätten sich von afrikanischen Diktatoren "schmieren" lassen. Giscards – vermutlich wahre – Worte zeugen von der bitteren Ranküne, die er seit 1981 mit sich herumschleppte.

Dabei hätte er wirklich nicht mit seinem Schicksal zu hadern brauchen. Nach seiner Abwahl 1981 stand VGE achtzehn Jahre lang dem Regionalrat der Auvergne vor. Dank einer eigenen Partei, der christdemokratischen und liberalen "Union für die französische Demokratie" (UDF) verfügte er über viel politischen Einfluss. Zudem saß er im französischen Verfassungsgericht und der altehrwürdigen Académie Française – beides auf Lebenszeit.

Außerhalb Frankreichs genoss der leidenschaftliche Europäer hohes Ansehen. Der 1926 im französisch besetzten Koblenz geborene Funktionärssohn setzte die von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle lancierte "deutsch-französische Freundschaft" in die Tat um. Zusammen mit Kanzler Helmut Schmidt schuf er 1979 das Europäische Währungssystem (EWS). Mehr noch: Dank Giscards Impulsen nahm die EG wirklich Form an.

Giscard war für Deutschland der "sicherste" Pro-Europäer unter den französischen Spitzenpolitikern. All seine Nachfolger, auch Mitterrand, der 1989 vor der deutschen Wiedervereinigung warnte, verhielten sich gegenüber Brüssel zumindest berechnender. Das gilt auch für Emmanuel Macron, der mit Giscard das junge Präsidentenalter und den liberalen, bisweilen technokratischen Ansatz gemein hat, innerhalb der EU gerne auf Solotouren setzt.

Paradoxer Brexit-Zusammenhang

Giscard arbeitete bis ins 21. Jahrhundert weiter an "seinem" Europa. 2001 leitete er die EU-Konvention, welche eine europäische Verfassung ausarbeiten sollte. Dass die Franzosen das Projekt die Verfassung an der Urne 2005 ablehnten, empfand er als persönlichen Rückschlag. Aber auch das folgende Abkommen von Lissabon trägt bis in die Details seine Handschrift. Dazu gehört auch das Recht der Mitgliedstaaten, die EU zu verlassen, wofür ihm paradoxerweise die Brexit-Befürworter dankbar sein müssen.

Seine europäischen Überzeugungen hinderten VGE nicht daran, vor einer zu raschen Erweiterung der EU zu warnen. Wären seine Appelle gehört worden, stünde die Union heute zweifellos solider, wenn auch kompakter da.

Der europäische Nachruhm genügte Giscard indes nie: Der Altpräsident suchte in erster Linie – und stets vergeblich – die Anerkennung der Franzosen, die ihn 1981 an den Wahlurnen verschmäht hatten. Selbst Macron, der ihm politisch nahestand, sich aber in historischen Belangen lieber an Charles de Gaulle spiegelt, ehrte ihn am Donnerstag eher nüchtern als "großer Europäer".

Auch der konservative "Le Figaro" betonte ohne Nachsicht "seinen Durst nach sozialer Anerkennung, seinen Hang zum Prunk und seine Besessenheit für Adelstitel". Um daran zu erinnern, dass der alternde Giscard halberotische Jagdroman geschrieben und an Tischgesprächen seine angebliche Liaison mit Lady Diana fabuliert hatte. Noch 2005 setzte der "Hidalgo aus der Auvergne" alles daran, in seiner Heimatgegend auf nicht ganz koschere Weise ein "Château d'Estaing" zu kaufen, obwohl seine Familie damit gar nichts zu tun hatte.

Giscards Erbe

Diese allzu menschlichen Seiten nimmt Giscard mit sich ins Grab; dafür hinterlässt er den Ruf eines Europa-Pioniers und G7-Begründers, der international mehr Ansehen genoss als in seinem eigenen Land.

Auch wenn es viele einer Landsleute bestreiten würden, war Giscard alles in allem wohl ihr bester Präsident. Laut dem Soziologen Edgar Morin waren die siebziger Jahre jedenfalls "die glücklichste Zeit Frankreichs" nach dem Krieg. Und das war auch ein wenig Giscards Verdienst, der am Mittwoch im Alter von 94 Jahren in Authon im Kreis seiner Familie an den Folgen eines Herzleidens und einer Infektion mit dem Coronavirus verstorben ist. (Stefan Brändle aus Paris, 3.12.2020)