Aus ökonomischer Sicht wäre es sinnvoll, die Bereiche Tourismus und Freizeit getrennt zu betrachten, sagt Oliver Fritz vom Wifo im Gastkommentar.

Zu Weihnachten wieder "aufi aufn Berg"? Tourismusministerin Köstinger schließt das im Pandemiewinter nicht aus.
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Die Frage, ob Skigebiete über die Weihnachtsfeiertage geschlossen bleiben oder ihren Betrieb aufnehmen sollten, beschäftigt mittlerweile halb Europa. Dabei geht es, wie so oft seit Ausbruch der Pandemie, um die Minimierung gesundheitlicher Risiken einerseits und wirtschaftlicher Schäden andererseits. Um diese Frage politisch entscheiden zu können, müssen diese Herausforderungen in ihrer Dimension nüchtern eingegrenzt werden. In der öffentlichen Diskussion kursieren allerdings verschiedene Zahlen zur volkswirtschaftlichen Bedeutung der österreichischen Tourismuswirtschaft.

"In Österreich hängen 750.000 Arbeitsplätze vom Wintertourismus ab, 70.000 allein in der Seilbahnwirtschaft." Wolfgang Schüssel in der Süddeutschen Zeitung

Altbundeskanzler Wolfgang Schüssel spricht in einem aktuellen Kommentar in der Süddeutschen Zeitung etwa von 750.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in Österreich am Tourismus hängen. Auch Tourismusministerin Elisabeth Köstinger nannte diese Zahl jüngst in einem ZiB 2-Interview. Peter Zellmann, der Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung, ging im STANDARD Ende Oktober noch einen Schritt weiter und beziffert den Anteil der Freizeit- und Tourismuswirtschaft gar auf 25 Prozent des BIP – auch wenn man dies empirisch nicht belegen könne, denn nicht alles sei messbar. Ist Österreich also nicht nur ein Land, in dem der Tourismus einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellt, sondern eines, das ohne Tourismus kaum überleben könnte? Höchste Zeit, einige Fakten klarzustellen.

306.000 Vollzeiterwerbstätige

Das seit vielen Jahren von Statistik Austria unter Federführung von Peter Laimer, dem Leiter der Tourismusstatistik, und dem Wifo gemeinsam erstellte Tourismus-Satellitenkonto (TSA) für Österreich bietet dazu die geeignete empirische Grundlage. Danach betrugen die nominellen Gesamtausgaben im Jahr 2019 rund 38 Milliarden Euro, was angebotsseitig eine direkte Wertschöpfung von 22,1 Milliarden Euro generiert. Das sind 5,6 Prozent des BIP. Werden noch die durch die Tourismusausgaben indirekt ausgelösten Effekte, also etwa bei der örtlichen Bäckerei oder Wäscherei, berücksichtigt, trägt der Tourismus rund 7,3 Prozent zum BIP bei.

Angaben zur Beschäftigung im Tourismus lagen zuletzt für 2018 vor. Demnach waren 222.100 Selbst- und Unselbstständige in charakteristischen Tourismusindustrien beschäftigt (gemessen in Vollzeitäquivalenten), drei Viertel davon in den Kernbereichen Gastronomie (45,8 Prozent) und Beherbergung (27,3 Prozent). Wird die indirekt ausgelöste Beschäftigung miteingerechnet, können knapp 306.000 Vollzeiterwerbstätige der Tourismuswirtschaft zugeordnet werden, das sind 7,8 Prozent aller Vollzeitstellen.

Höhere Zahlen

Damit umfasst der Tourismus doch einen beträchtlichen Teil der österreichischen Volkswirtschaft. Warum aber werden von politischer Seite und Interessenvertretungen immer wieder weit höhere Zahlen genannt? Viel Verwirrung entsteht sicherlich durch die Verknüpfung von Tourismus- und Freizeitwirtschaft. Letztere ist konzeptionell kaum fass- und abgrenzbar; es ist daher schwierig, ihren volkswirtschaftlichen Beitrag in Zahlen zu bemessen. Oder wissen Sie, was der Freizeitanteil einer Jeans ist, die Sie sowohl im Büro als auch daheim tragen?

Die zuletzt für 2018 durchgeführten Berechnungen zum Wertschöpfungsbeitrag des Freizeitbereichs ergeben, direkt und indirekt ausgelöst, einen Betrag von nominell rund 27 Milliarden Euro, also 7,0 Prozent des BIP. Die Freizeitwirtschaft umfasst dabei – im Unterschied zum Tourismus – jene Ausgaben, die von der ortsansässigen Bevölkerung getätigt werden. Dazu zählen etwa Ausgaben für den Restaurantbesuch während der Mittagspause oder abends mit der Familie, Theater- und Kinobesuche vor Ort, aber auch das Fitnessstudio oder das regelmäßige Shopping am Wochenende.

Qualitätsvolle Statistik

Ein wesentlicher Parameter zur Abgrenzung gegenüber touristischen Ausgaben ist hier der Aufenthalt in der "gewohnten Umgebung": Besucht eine Wiener Familie den Prater, tut sie das in ihrer Freizeit. Besucht sie aber einen Vergnügungspark in Niederösterreich, so ist das ein Tagesausflug außerhalb des Wohnortes oder der üblicherweise frequentierten Orte und zählt daher zum Tourismus. Klingt nach Haarspalterei, aber eine qualitätsvolle Statistik erfordert präzise Konzepte.

Fasst man Tourismus und Freizeitwirtschaft trotz alledem zusammen, so ergibt sich für 2018 ein Wertschöpfungsbeitrag zum BIP von 14,3 Prozent (direkte und indirekte Effekte) beziehungsweise ein Volumen von rund 55,3 Milliarden Euro; rund 625.000 Vollzeitarbeitsplätze sind mit beiden Wirtschaftsbereichen verbunden. Das sind auch die Zahlen, die in der politischen Diskussion häufig bemüht werden – wobei man lieber zu den in älteren Berichten höheren Zahlen greift, also den 750.000 Beschäftigten, als zu den aktuelleren, aber revisionsbedingt niedrigeren.

Getrennte Betrachtung

Nun gibt es zwar Überschneidungen zwischen Tourismus und Freizeit, doch nicht nur die erwähnten konzeptionellen Unterschiede sprechen sehr dafür, die beiden Bereiche auseinanderzuhalten, aus ökonomischer Sicht ist auch das Konsumverhalten unterschiedlich, mit entsprechend differenzierten Auswirkungen auf die einzelnen Wirtschaftssektoren eines Landes. In jedem Fall können Freizeitaktivitäten auch ohne Tourismus und umgekehrt touristische Aktivitäten auch ohne freizeitrelevante Tätigkeiten stattfinden und sollten schon daher getrennt voneinander betrachtet werden. Das gilt auch für Maßnahmen der öffentlichen Hand: Tourismuspolitik kann zwar auch den Freizeitbereich betreffen – etwa über die Finanzierung touristischer Infrastrukturen, die auch von der ortsansässigen Bevölkerung genutzt werden –, verfolgt in der Regel aber andere Zielsetzungen. Fazit: Tourismus ist Tourismus und die Freizeitwirtschaft etwas anderes.

Politische Entscheidungen sollen möglichst evidenzbasiert getroffen werden. Gerade weil der Tourismus zu den am stärksten von der Covid-19-Pandemie betroffenen Wirtschaftsbereiche zählt, sind die richtigen Zahlen eine notwendige Voraussetzung dafür. (Oliver Fritz, 4.12.2020)