Da spannt und zwickt nichts. Da hat man maximalen Bewegungsspielraum. Da dürfen es auch einmal zwei, drei Kilo mehr sein. Etwas in die Richtung muss sich der Musiker Sébastien Tellier gedacht haben, als er sich für sein neues Album fotografieren ließ, zu Hause am Klavier sitzend und beim Grillen in seinem Garten. Nach sechs Jahren Schaffenspause meldete sich der Star des französischen Elektropop (L’amour et la violence) überraschend zurück – in Schlapfen und Pyjama.

Da pfeift man anerkennend durch die Zähne. Einerseits, weil der Spaßvogel Tellier in seinem Gute-Nacht-Style souveräner als James Bond im Smoking rüberkommt. Anderseits, weil man ahnt, dass hier jemand adäquat auf das Leben zwischen Klima-, Finanz- und Virenkatastrophen reagiert. Ein moderner Mensch, der signalisiert: Ich könnte mich auch jederzeit einfach wieder hinlegen.

Power-Looks

Auch uns ist spätestens seit dem zweiten Shutdown klar: Die ganzen Schuhe mit hohen Absätzen, die glänzenden Aktentaschen und die "Dress for Success"-Outfits – all das wirkte schon vor Corona reichlich bemüht, mittlerweile fast lächerlich kostümiert.

Jogginghosen und -anzüge, Kuschelzweiteiler und hübsche Pyjamas – das sind die Power-Suits der Stunde. Kombiniert mit Wintermantel und Schal kann man sich damit jetzt getrost im Park, im Supermarkt oder in der Apotheke sehen lassen. Wer genauer hinsieht, bemerkt die neue Jogginghosendichte auf der Straße. Wohl aus diesem Grund sind der hellgraue und schwarze Klassiker unter den Sweat-Pants – die willige Konsumentin flucht und staunt – bei Online-Anbietern wie Hennes & Mauritz restlos ausverkauft.

Hailey Rhode Bieber
Foto: Getty Images

Moralisches Verbrechen?

Natürlich gibt es immer noch Menschen, für die die Jogginghose ein "Skandal" ist. Also nicht nur ein Irrtum, sondern ein moralisches Verbrechen. Eine Unordnung, wider die Natur. Prince Charles dürfte so jemand sein. Oder Melania Trump – schon am 3. November, als die Frau des amtierenden US-Präsidenten in einem 12.000-Euro-Look von Gucci zur Urne schritt, war klar: Diesmal wird die Wahl für ihren Mann schlecht ausgehen. Anfangs als Anachronismus bestaunt, wirkt Melanias steife Barbie-Perfektion inzwischen wie ein Geist von Vorvorgestern. Gern hätte man die Noch-First-Lady gefragt: "Wo waren Sie, als MeToo und Black Lives Matter explodierten? Als Corona diesen Planeten überschwemmte?"

Aber man kennt die Antwort natürlich: in einem Paralleluniversum voller Gucci-Handtaschen und Swimmingpools.

Melania Trump im Gucci-Kleid beim Urnengang.
Foto: REUTERS Fotograf: MARCO BELLO

Karl Lagerfelds vielbemühtes Zitat ("Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren") war wohl eher ein Marketing-Gag. Tatsächlich zählte der Modepapst zu Lebzeiten zu den Profiteuren der Freizeitmode und produzierte die vermeintlichen Unterschichtshosen in Schwarz, Rot, Rosa und Blau.

Modephilosophie

"Ich kann mich jederzeit wieder hinlegen." Diesen Satz hätten sämtliche Institutionen bis vor kurzem noch als Kampfansage verstanden. Wer nicht den unbedingten Willen zum Leistungsträger bewies, galt vielen als geradezu kriminell. Sechs Corona-Monate später freut sich der Staat über jeden Bürger, der das Zeug zum Müßiggänger hat ("Bleiben Sie bitte zu Hause!").

Aufstehen, Plansoll abarbeiten, abhängen – und ganz oft irgendetwas dazwischen. Kein Ausgehen, keine Freunde treffen, kein Theater, keine Barbekanntschaften – trotz Homeoffice und Homeschooling bleibt da noch Freizeit zum Träumen und sich Neusortieren. Verblüfft stellt man fest, dass man für den täglichen Heimspagat bekleidungsmäßig gar nicht ausgerüstet ist. Das will man jetzt nachholen.

Wohl auch deshalb findet gerade ein Umbruch in der Modeindustrie statt: Weil die Karriere- und Partyauftritte ihrer Kunden auf unbestimmte Zeit verschoben wurden, haben große Marken in Windeseile eigene Shoppingabteilungen unter dem Fachbegriff "Loungewear" (bequeme Kleidung für zu Hause) eingeführt. Kuscheliger geht’s kaum: Seit neuestem wird in jeder Preisklasse "Homewear" aus Kaschmir angeboten. Neben den üblichen Sportvarianten außerdem Strampelanzüge für Erwachsene und weiche, knöchellange Strickkleider, mit denen man problemlos von der Zoom-Sitzung zurück aufs Sofa fallen kann.

Ein ähnliches Outfit beschrieb der russische Schriftsteller Iwan Gontscharow schon 1859 in seinem Meisterwerk Oblomow – heute zeitgemäßer denn je: Es war weich und anschmiegsam, der Körper spürte es gar nicht, wie ein fügsamer Sklave gehorchte es der geringsten Körperbewegung. Oblomow heißt der Protagonist dieser Jahrhundertposse, der es auf 750 Seiten kaum jemals aus dem Bett schafft: Das Liegen war für Ilja Iljitsch keine Notwendigkeit wie für einen Kranken oder wie für jemanden, der schlafen möchte. Es war sein Normalzustand. Der Jogginganzug war im 19. Jahrhundert noch nicht erfunden, und so ließ Gontscharow seinen Junggesellen noch in einem orientalischen Chalat, einer Art Tunika, herumlungern. Heute würde Oblomow in Loungewear chillen.

Bild nicht mehr verfügbar.

Heidi Klum
Foto: TheImageDirect.com / Action Press / picturedesk.com

Nichts vor Mittag

Halten wir fest: Nicht jeder ist ein Faulpelz, der lieber zu Hause bleibt. In den 1950er-Jahren notierte die Autorin Clarice Lispector prophetisch: "Nichtstun ist eine große Aufgabe. Es ist wie ein Aufenthalt im Kosmos. Müßiggang verlängert die Zeit."

Die Kunst der Reflexion und des geistigen Fühler-Austreckens – der Turbokapitalismus hat diese Potenziale vergessen lassen. Dabei wurde Kreativität fast immer in diesem Hybrid aus Schlafen, Wohnen und Arbeiten geboren. Als etwa Diana Vreeland, New Yorker Stilikone und Beraterin des Metropolitan Museum of Art, 1963 der lukrative Job als Chefredakteurin der amerikanischen Vogue angeboten wurde, gab sie dem Verlagschef von Condé Nast zur Antwort: "Warum ich? Ich bin vor Mittag nie angezogen!"

Heute müsste sich Vreeland um solche Kleinigkeiten nicht mehr kümmern. Ab sofort lässt sich die Welt auch im Pyjama erobern. (Ela Angerer, 8.12.2020)