Die Hoffnung begann mit dem finstersten Akt der Hoffnungslosigkeit: Am 17. Dezember 2010, vor zehn Jahren, steckte sich der Straßenhändler Mohamed Bouazizi, nachdem die Polizei wieder einmal seinen Obst- und Gemüsekarren beschlagnahmt hatte, in der zentraltunesischen Stadt Sidi Bouzid in Brand. Er starb am 4. Jänner in einem Krankenhaus.

Dort hatte er noch einen prominenten Besucher, der mit seinem Auftreten – die TV-Kameras waren dabei – retten wollte, was nicht mehr zu retten war: Am 14. Jänner, zehn Tage nach dem Tod Bouazizis, verließ Präsident Zine el-Abidine Ben Ali nach 23 Jahren an der Macht Tunesien. Der Akt Bouazizis hatte Massenproteste ausgelöst, denen die morsche tunesische Kleptokratie nichts entgegenzusetzen hatte.

Während sich Tunesien noch ungläubig die Augen rieb, sprang der Funke über: jener der Hoffnung. In Ägypten begannen die Menschen gegen Präsident Hosni Mubarak zu demonstrieren, der nach dreißig Jahren im Amt mit einem neuerlichen Antreten bei den "Wahlen" kokettierte und seinen Sohn als Nachfolger in Aufstellung brachte.

Der Tahrir-Platz in Ägyptens Hauptstadt Kairo am 23. November 2020 – und so, wie er sich am 18. Februar 2011 als Zentrum der damaligen Erneuerungsbewegung darstellte (v. li.).
Foto: Khaled DESOUKI and Pedro UGARTE / AFP / APA

Ein arabisches Land folgte auf das andere. In Bahrain wurde gegen das Königshaus demonstriert und im Jemen gegen Ali Abdullah Saleh, der im Nordjemen seit 1978 Präsident war, seit 1990 im vereinigten Jemen und ebenfalls ehrgeizige Pläne für seinen Sohn hatte.

In Syrien wurde gegen den zweiten Assad protestiert, dessen Vater das Land vierzig Jahre zuvor übernommen hatte. Dort lief der Aufstand nur langsam an, die ersten Versuche wurden in Gewalt erstickt. Besonders gewalttätig reagierte auch das libysche Regime von Muammar al-Gaddafi: Er kündigte an, alle "Ratten" töten zu wollen, was ab März 2011 zu einem Nato-geführten Militäreinsatz führte.

Projektionen von außen

Zehn Jahre später fragt man bedrückt, was von der Hoffnung überlebt hat, die dieses Revolutionsjahr 2011 durchzog. Im Grunde genommen war es nicht eine Hoffnung, sondern zwei Hoffnungen, von sehr unterschiedlichen Seiten: von den Menschen in der Region, die für ihre Anliegen auf die Straßen gingen und oft dafür auch ihr Leben riskierten. Aber es war auch eine Hoffnung "von außen" – in der Form von Projektionen, denen die Realität nicht gerecht werden konnte.

Als in der Folge alles etwas anders lief als im Film in unseren Köpfen, wandten wir uns erschrocken ab. Heute können Flüchtlings- und Migrationsthemen in Europa aufregen, sind aber kaum noch mit ernsthaften Fragen nach den politischen und sozialen Umständen in den Herkunftsländern verbunden. Man will nichts mehr davon hören.

Dabei hätte man gerade in Europa ermessen können, was "Transition" – der Übergang von autoritären zu partizipativen, demokratischen Systemen – für Länder und Gesellschaften bedeuten musste, die so gut wie keine historischen Erfahrungen hatten sammeln können. Aber der Glaube – mehr als Hoffnung –, dass jede befreite Gesellschaft sich in Richtung liberale Demokratie entwickeln muss, war gut zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch völlig intakt.

Vermeintlich klarer Weg zur Demokratie

Man wusste auch genau, welches Rezeptarium die Umsturzländer – im konkreten Fall Tunesien, Ägypten und Libyen – im Jemen wurde ein anderes Prozedere gewählt – auf dem Weg in die bessere Zukunft anzuwenden hätten: Interimswahlen, neue Verfassung, Verfassungsreferendum, Neuwahlen unter der neuen Verfassung, zwischendurch ein neuer Präsident – und fertig ist die Demokratie. Und nicht die freie Marktwirtschaft vergessen!

Mit zwei Faktoren hatte man nicht gerechnet: Erstens wählen die Menschen nicht immer diejenigen, die in unserem Verständnis für liberale Demokratien stehen. Zweitens ist es keine Selbstverständlichkeit, dass Wahlsieger ihre Wahlniederlage auch tatsächlich akzeptieren. Wenn der politische Prozess an sich "defekt" ist, werden auch die am saubersten abgelaufenen Wahlen nicht dafür sorgen, dass sich danach eine gemeinsame Vision, wie der zukünftige Staat auszusehen hat, durchsetzt.

Menschen wählten Morsi

Um zu Ägypten, dem einstmals politisch wichtigsten Staat der arabischen Welt, zurückzukehren: Da waren diese Social-Media-affinen modernen jungen Menschen, die fast so aussahen wie die eigenen Kinder – ein israelischer Kommentator hat das einmal festgestellt –, mit ihren Slogans von Freiheit und Gerechtigkeit wochenlang auf die Straße gegangen. Bei den folgenden ägyptischen Parlamentswahlen 2011/2012 erreichten die Muslimbrüder 45 Prozent der Mandate und die Salafisten noch einmal 25. Und als im Juni 2012 der Muslimbruder Mohammed Morsi bei den Stichwahlen zur Präsidentschaft dem letzten Premierminister Mubaraks, Ahmed Shafiq, gegenüberstand, entschieden sich die Menschen für den Muslimbruder. Zwar bereits mit einer viel geringeren Wahlbeteiligung als noch bei den Parlamentswahlen ein paar Monate früher, aber immerhin. Die Wähler und Wählerinnen waren keine Islamisten – aber die Religiösen waren, in ihren Augen, erst einmal das bessere Angebot.

Die Wähler und Wählerinnen entschieden sich 2012 für den Muslimbruder Mohammed Morsi.
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Die Ägypter – und die Libyer, die Gaddafi lynchten, die Jihadisten in Syrien und die radikalen Huthis im Jemen und so weiter – zerstörten unsere Vorstellungen darüber, wie eine Revolution auszugehen habe. Die Geschichte eigener Revolutionen, die zu Radikalisierungen und Exzessen geführt haben – die französische, die russische –, wird ausgeblendet. Als ob der europäische Weg eine kontinuierliche Entwicklung nach oben in das strahlende Licht von Aufklärung, Demokratie und Rechtsstaat gewesen wäre!

Ist der Islam schuld?

Ein oftmaliger Reflex von außen ist der Verweis auf den Islam: nicht kompatibel mit Demokratie! Dabei haben wir genug andere, nicht islamische Länder an ihren Transitionen vorerst scheitern sehen – das letzte, ein besonders trauriges Beispiel, ist der Südsudan. Aber obwohl wir Kriege und die Rückkehr zu Autoritarismus gesehen haben: Der Funke brennt, wie man 2019 an den erfolgreichen Protestbewegungen im Sudan und in Algerien sehen konnte. Unserer eigenen Geschichte schulden wir die Hoffnung auf die bessere Zukunft auch des Nahen Ostens. Geben wir sie nicht auf. (Gudrun Harrer, 6.12.2020)