Die Taucher hatten befürchtet, im Netz tote Meerestiere vorzufinden – stattdessen stießen sie auf das.
Foto: REUTERS/Christian Howe

Von Zeit zu Zeit sorgt die berühmte Chiffriermaschine Enigma aus dem Zweiten Weltkrieg immer noch für Schlagzeilen – in der Regel dann, wenn wieder einmal ein Exemplar versteigert wird. (Bei einer Wiener Auktion im Juni etwa brachte eines satte 117.800 Euro ein.) Vor kurzem hingegen tauchte eine Enigma auf ganz andere Weise in der Berichterstattung auf – wortwörtlich nämlich: Taucher fanden sie in der Ostsee.

Der Marinehistoriker Jann M. Witt vom Deutschen Marinebund geht davon aus, dass die Maschine von einem deutschen Kriegsschiff stammt und gegen Kriegsende über Bord geworfen wurde. Denn das gefundene Exemplar hat nur drei Walzen, auf U-Booten seien aber nur Modelle mit vier Walzen zum Einsatz gekommen.

Der Fund

Entdeckt hatte die Enigma auf dem Meeresgrund ein Team um den Forschungstaucher Florian Huber aus Kiel. Huber und ein Kollege waren eigentlich im Auftrag der Umweltschutzorganisation WWF in der Geltinger Bucht auf der Suche nach sogenannten Geisternetzen. Solche verloren gegangenen oder achtlos entsorgten Fischernetze stellen eine tödliche Falle für Fische, Meeressäuger und Seevögel dar. In diesem Netz fand sich jedoch eine Enigma.

Florian Huber (Mitte) und sein Team.
Foto: REUTERS/Christian Howe

Am Freitag übergab Huber die Enigma samt entsprechender Fundmeldung an das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein. Für dessen Leiter Ulf Ickerodt und sein Team ist Huber ein alter Bekannter: "Er ist ein Glücksfall als Kollege, er hat ja eine Ausbildung als Forschungstaucher", sagte Ickerodt. Huber betauche in Nord- und Ostsee regelmäßig Wracks.

Hintergrund

Bei der Enigma handelt es sich um eine für damalige Verhältnisse komplexe Maschine. Benannt nach dem griechischen Wort für Rätsel, hatte sie 26 Buchstaben-Tasten und ebenso viele Leuchtfelder mit jenen Buchstaben, die den verschlüsselten Text bildeten. Im Inneren durchlief der Strom auf dem Weg vom Tastendruck an Bord des U-Boots zur Lampe oberhalb der Tastatur mehrere rotierende Walzen. Die Reihenfolge der Walzen und die sich daraus ergebenden Buchstaben-Paare änderten sich täglich.

"Die Enigma ist in mehrfacher Hinsicht ein tolles Erinnerungsstück", sagte Ickerodt. Sie habe auch eine technikgeschichtliche Perspektive. Mit ihr sei die Geschichte des britischen Informatikers Alan Turing verbunden. Dieser trug während des Zweiten Weltkriegs maßgeblich dazu bei, den Enigma-Code zu knacken, was erheblichen Einfluss auf den U-Boot-Krieg im Atlantik hatte. Fortan konnten die Briten die verschlüsselten Funk-Codes an deutsche Boote "mitlesen" – unbemerkt vom Kriegsgegner.

Da ist noch einiges zu tun ...
Foto: REUTERS/Christian Howe

Nun soll das Fundstück aufwendig restauriert werden. "Wir gehen davon aus, dass dies etwa ein Jahr dauern wird", sagte Ickerodt. Zunächst einmal soll die Maschine in Schleswig entsalzt werden, anschließend wird sie im Museum für Archäologie restauriert. "Wir werden sie erstmal konservatorisch behandeln", sagte Ickerodt. Ihm schwebt vor, die Maschine später in den Landesmuseen auszustellen und möglicherweise bereits am Tag der Archäologie öffentlich zu zeigen. (red, APA, 4. 12. 2020)