Teenager beim Begrüßungsritual "foot bump": Peer-Gruppe treffen.

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Ein Virus, das man vor einem Jahr noch nicht einmal kannte, die Sorge, sich und die Familie anzustecken, der ständige Blick auf steigende oder nicht schnell genug sinkende Infektionszahlen, daneben Homeoffice und Homeschooling als Folge der Lockdownstrategien. Und dann werden noch Maßnahmen verkündet, um das Virus möglichst gut einzudämmen, die aber nicht immer für jeden nachvollziehbar sind. Wen würde es überraschen, wenn die Mehrheit der Bevölkerung durch Corona genervt ist? Das sei nach bald einem Jahr Pandemie eine gesunde und verständliche Reaktion, sagt Barbara Sperner-Unterweger, Direktorin des Department Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Med-Uni Innsbruck.

Sie möchte dringend zu persönlichen Gegenstrategien raten. Man müsse sich mit konstruktiven Gedanken beschäftigen und überlegen, was man für sich selbst ändern kann. Tagesstruktur, körperliche Aktivitäten, persönliche Interessen und vor allem der soziale Austausch können helfen, den Frust zu reduzieren und so etwas wie Hoffnung zu gewinnen. Ist es wirklich so einfach? Jeder könne zur Verbesserung der misslichen Lage beitragen, sagt Sperner-Unterweger. Also Hygieneregeln, Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz tragen, am Massenscreening teilnehmen und nächstes Jahr dann: sich gegen Corona impfen lassen?

Mantra der Pandemiebekämpfung

Was aber, wenn man das von Ärzten, Wissenschaftern und Politikern täglich wiederholte Mantra der Pandemiebekämpfung nicht mehr als Ausweg aus der Krise sieht? Die Gefahr sei durchaus gegeben, wenn eine Krise chronisch wird, sagt die Expertin, und sich womöglich Zukunftssorgen aufgrund von Arbeitslosigkeit in das Gefühlsgemenge mischen.

Welche Bevölkerungsgruppen sind besonders durch seelische Belastungen betroffen? Sperner-Unterweger sagt, aktuelle Studien würden darauf hinweisen, dass derzeit etwa 25 Prozent der Bevölkerung an Ängsten und Depressionen leiden. In Vor-Corona-Zeiten seien es etwa 16 bis 20 Prozent gewesen. Am stärksten würden Teenager und junge Erwachsene den psychischen Druck spüren. Sie vermissen in Lockdownzeiten am häufigsten die soziale Interaktion, sind eher vom Feedback Gleichaltriger abhängig als Ältere, die "gesettelt" und vergleichsweise entspannt sind. Auch die so oft erwähnten "vulnerablen" Gruppen, die über 70-Jährigen, denen soziale Isolation empfohlen wird, um sich nicht anzustecken, seien weit weniger betroffen.

Tagebuch der Belastungen

Zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kam auch ein Team um den Kognitionswissenschafter Claus Lamm an der Universität Wien. Die Forscher testen seit dem ersten Lockdown im Frühjahr dieses Jahres die Stressresilienz von mehr als 500 Probanden, die fünfmal am Tag über eine App am Smartphone eine Frage beantworten sollen, die sich auf den Stresspegel bezieht. Dabei werden die immer gleichen Fragen gestellt, die jeden Untersuchungsteilnehmer maximal zwei bis vier Minuten in Anspruch nehmen.

Lamm berichtet, dass man mit dieser Tagebuchstudie mit Teilnehmern aus Österreich und Italien zu einer aussagekräftigen Analyse des Tagesverlaufs kommen konnte – und die war eigentlich auch die große Überraschung: Jüngere Probanden hatten morgens einen relativ niedrigen und abends einen vergleichsweise hohen Stresslevel. Das ist genau das Gegenteil zu einem gesunden Verlauf. Am Morgen brauchen wir Stress, "um in die Gänge zu kommen", sagt der Wissenschafter. Am Abend brauchen wir ihn nicht, um leichter zur Ruhe zu kommen. Lamm sagt, die Studienteilnehmer, die diesen Verlauf zeigten, seien "ständig auf falscher Flamme unterwegs gewesen – ähnlich einem Verbrennungsmotor, der falsch getaktet ist".

Feature der Evolution

Grundsätzlich sei Stress ein "Feature der Evolution, kein Bug", um mit Herausforderungen zurechtzukommen. Kritisch werde es, wenn man nicht mehr unterscheiden könne, wann er physiologisch notwendig ist und wann nicht, wenn man also durch äußere Umstände in eine Schieflage der Stressregulation gerät. Dies könne seelische und körperliche Erkrankungen zur Folge haben.

Wie kommt man aus dieser Situation wieder heraus? Irgendwann, so die Hoffnung, wird die Impfung in der Bevölkerung zu einer Herdenimmunität führen. Und dann wird man wohl versuchen, die Zeit der Corona-Pandemie zu verdrängen. "Hoffentlich nicht, ohne notwendige Lehren daraus zu ziehen." (6.12.2020)