Es sind nicht mehr so viele wie direkt nach den gefälschten Wahlen. Aber weiter zieht es Tausende in Minsk auf die Straßen.

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Der Protest ist geschrumpft. Marschierten im Sommer noch bis zu 200.000 Menschen im Zentrum von Minsk, so sammelte die Opposition an diesem Sonntag deutlich weniger Anhänger. Immerhin gingen mehrere tausend auch diesmal wieder auf die Straße; nicht zentral, sondern in kleineren Kolonnen in verschiedenen Teilen der Stadt. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Sicherheitsorganen, die auch diesmal wieder hunderte Demonstranten festnahmen.

Was den Festgenommenen in Belarus (Weißrussland) droht, weiß Maria aus eigener Erfahrung: Vor einem Monat wurde sie bei einer Demo festgenommen. "Wir wurden auf die Knie gezwungen und die Männer brutal verprügelt", berichtete sie dem STANDARD. Anschließend wurden alle zusammen in einen Minibus getrieben. "Die Männer lagen auf dem blutgetränkten Fußboden, wurden getreten, mit Helmen, Schilden und Knüppeln immer wieder geschlagen, obwohl einige schon bewusstlos waren." Die Frauen seien mit Vergewaltigung bedroht und als "Hexen und Schlampen" beschimpft worden, so Maria, die eigentlich anders heißt.

Reglos an der Wand stehen

Im Gefängnis ging die Tortur weiter. Neun Stunden mussten die Inhaftierten bei leichtem Frost mit gespreizten Beinen und Händen über dem Kopf reglos an der Hofwand stehen, unterbrochen nur durch kurze Verhöre.

Erst dann ging es in die überfüllte und kalte Zelle. Am zweiten Tag wurde Maria schlecht, doch medizinische Hilfe bekam sie nicht. Nach acht Tage Haft wurde die junge Frau freigelassen. In der Zwischenzeit hatte sie sich wie auch alle Zellengenossen mit Corona infiziert. Bis heute leidet Maria an den Folgen der Misshandlungen.

Klima der Angst

Die Behörden setzen inzwischen wieder völlig auf Einschüchterung: Oppositionelle werden festgenommen oder von Maskierten zusammengeschlagen – wie der Minsker Roman Bondarenko, der vor einigen Wochen bei einer solchen Aktion tödlich verletzt wurde. Unternehmer wie Mikita Mikado, der Gründer des erfolgreichen IT-Unternehmens Pandadoc, die der Opposition helfen, werden bedrängt und außer Landes getrieben. Damit hofft der seit 1994 herrschende Alexander Lukaschenko, die Lage im Land wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Doch das gelingt nur teilweise, wie Valentin, ein Österreicher mit belarussischen Wurzeln, der zurzeit in Minsk als Volontär arbeitet, festgestellt hat. Die Stimmung sei schon sehr bedrückt. "Viele Menschen sind von der Polizeigewalt traumatisiert", sagt er. Aber auch wenn die Zahl der Demonstranten gesunken sei, gehe der Protest in anderer Form weiter, "weil er für viele Bürger eine Überlebensstrategie geworden ist".

Ungebrochen

Das bestätigt auch Maria: "Als ich in der Zelle war und die Wärter uns immer wieder verhöhnten, dass wir besser zu Hause geblieben wären, dachte ich tatsächlich, dass sie mich gebrochen haben. Aber nun, nachdem ich frei bin, verstehe ich, dass wir weiterkämpfen müssen, weil wir uns das nicht einfach so gefallen lassen dürfen", sagt sie.

Die Opposition sucht derweil aber noch nach dem richtigen Hebel, um Machthaber Lukaschenko zu Fall zu bringen. Der zur Opposition abgewanderte Ex-Kulturminister Pawel Latuschka spricht zwar davon, dass das System kurz vor dem Zusammenbruch stehe und Lukaschenko ohne russische Hilfe längst weich geworden wäre. Doch ebendiese Hilfe leistet Moskau unbeirrt weiter. Die Rechnung der Opposition: Die Probleme nehmen zu. Wirtschaftlich und sozial geht es in Belarus bergab. Damit wird der Preis für die Unterstützung Lukaschenkos auch für Moskau immer höher. (André Ballin aus Moskau, 6.12.2020)