In Großbritannien sind am Dienstag die ersten Impfungen mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer angelaufen. Hier im Bild: David Farrell, der in Cardiff, Wales, seinen ersten "Shot" erhielt.

Reuters

Aktuell scheint die Bereitschaft, sich in Österreich gegen Covid-19 impfen zu lassen, nicht gerade überwältigend hoch zu sein. Selbst Menschen, die sich gegen viele andere Krankheiten immunisieren ließen, haben im Fall der Covid-Impfung Vorbehalte. Die Gründe sind nachvollziehbar: Die Impfungen wurden in einem Rekordtempo entwickelt, und zum Teil handelt es sich um einen ziemlich neuen Impfstofftyp, nämlich eine Impfung mit mRNA.

Zudem weiß man noch nichts über theoretisch mögliche Langzeitfolgen – außer der Immunisierung, die vermutlich länger anhalten dürfte als zunächst befürchtet. Immerhin sind Berichte über die kurzfristigen Nebenwirkungen der beiden mRNA-Impfungen bekannt: zum einen die offiziellen von den Herstellern, und zum anderen die von Testpersonen, die sich haben impfen lassen. Von diesen weiß man freilich nicht, ob sie auch tatsächlich den Impfstoff oder nur das Placebo erhielten.

Heftige Symptome klingen rasch ab

Aber diese Fallberichte legen nahe, dass – ähnlich wie bei anderen Impfungen – bei einem geringen Prozentsatz der Geimpften durchaus heftige, wenn auch bald wieder abklingende Symptome auftreten könnten. Einer dieser Probanden, die freiwillig an der Studie zum mRNA-Impfstoff von Moderna teilnahmen, ist der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) ausgebildete Bioinformatiker Luke Hutchinson. Der 43-Jährige berichtete für die Online-Ausgabe des Fachblatts "Science", dass sein rechter Arm nach der zweiten Impfung an der Einstichstelle kurzfristig um die Größe eines Gänseeis anschwoll.

Es folgten Knochen- und Muskelschmerzen, zudem fieberte Hutchinson auf 38,9 Grad Celsius. Dann folgten Heiß-Kalt-Episoden. Nach zwölf Stunden aber war der Spuk, auf den er nicht wirklich vorbereitet war, wieder vorbei.

Reaktogenität von Impfungen

Der eingedeutschte Fachbegriff dafür heißt Reaktogenität und bezeichnet die – mitunter heftigeren – Nebenwirkungen, die Impfungen auslösen können. Im Fall der von Biontech/Pfizer sowie Moderna entwickelten mRNA-Impfungen hatten weniger als zwei Prozent der Personen Fieber zwischen 39 und 40 Grad Celsius, wie man aus den Phase-3-Studien weiß. Im Fall der Moderna-Impfung wurden zudem Müdigkeit (bei 9,7 Prozent), Muskelschmerzen (bei 8,9 Prozent), Gelenkschmerzen (5,2 Prozent) sowie Kopfschmerzen (bei 4,5 Prozent) registriert.

Bei der Impfung von Biontech/Pfizer waren diese Nebenwirkungen geringer: Von Müdigkeit waren 3,8 Prozent betroffen, von Kopfweh zwei Prozent. (In der Phase-1-Studie waren diese Nebenwirkungen anscheinend noch um den Faktor zehn häufiger.)

"Mild bis moderat"

"Schwere Nebenwirkungen wurden bisher nicht beobachtet", meint dazu der Infektiologe Bernd Salzberger (Uniklinikum Regensburg), der die Daten kennt, die von Biontech/Pfizer der US-Zulassungsbehörde FDA übermittelt wurden: "Die Nebenwirkungen sind eher als mild bis moderat einzuschätzen, sowohl lokal wie systemisch."

Doch auch dieser mRNA-Impfstoff, der für Europa in Belgien hergestellt wird, dürfte bei einigen wenigen Personen stärker "nebenwirken", wie ein am Montag veröffentlichter Fallbericht der freiwilligen Probandin Kristen Choi im Fachblatt "JAMA Internal Medicine" nahelegt. (Unklar ist allerdings auch bei ihr, ob sie die echte Impfung erhielt oder das Placebo.) Choi, eine promovierte Pflegewissenschafterin von der UCLA, klage nach der zweiten Impfung über eher heftige Begleiterscheinungen.

Zunächst waren das Schmerzen im Arm, dann stechendes Kopfweh sowie Fieber, das in der Nacht nach der Impfung 40,5 Grad erreichte. Am folgenden Tag hatte sie immer noch eine Körpertemperatur 37,5, und erst am Morgen danach waren alle Symptome wieder verschwunden. Auch Choi merkt in ihrem autobiografischen Bericht an, dass sie nicht über die möglichen Nebeneffekte der Impfung aufgeklärt worden sei – was sie nun ihrerseits für die Kollegenschaft und die Öffentlichkeit nachgeholt hat.

Zwei allergische Reaktionen in GB

Nach dem Beginn der britischen Impfkampagne am Dienstag (mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff) kam es zu Zwischenfällen bei zwei Mitarbeitern des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS, die den ersten "Shot" erhielten: Die beiden Personen, die eine lange Vorgeschichte mit Allergien haben, zeigten nach der Impfung allergische Reaktionen und mussten behandelt werden.

"Beide erholen sich gut", sagte dazu NHS-Chef Stephen Powis am Mittwoch. Nach seinen Angaben sind die beiden Betroffenen so anfällig für Allergien, dass sie stets ein Notfallset mit Adrenalin bei sich tragen. Die britische Arzneimittelaufsicht hat dennoch dazu geraten, vorerst niemandem mit einer "signifikanten" Allergiegeschichte den Biontech/Pfizer-Impfstoff zu spritzen. Bei der Warnung handle es sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme, fügte Powis hinzu.

Peter Openshaw, Ex-Präsident der British Society for Immunology und Professor am Imperial College London, weist darauf hin, dass – so wie bei vielen Nahrungsmitteln und Medikamenten – auch bei Impfungen die geringe Wahrscheinlichkeit einer Unverträglichkeit bestehe. Es sei aber wichtig, dieses geringe Risiko in Relation zu setzen. Bei der Biontech/Pfizer-Impfung habe es in der Phase-3-Studie bei der Impfgruppe, aber auch der Placebogruppe geringe allergische Reaktionen gegeben (0,63 bzw. 0,51 Prozent). (Lesen Sie hier weitere Reaktionen britischer Experten.)

Studienphase 3 ohne "spezielle Allergiker"

Pfizer erklärte in einer Stellungnahme, die MHRA habe das Unternehmen über die allergischen Reaktionen unterrichtet. Zugleich bekräftigte der Hersteller, dass der Impfstoff während der letzten klinischen Studie mit mehr als 40.000 Probanden im Allgemeinen gut vertragen worden sei. Es seien keine ernsthaften Sicherheitsbedenken berichtet worden.

Laut dem von Pfizer veröffentlichten Studienprotokoll wurden in der zulassungsrelevanten Untersuchung aber keine Teilnehmer aufgenommen, die eine Vorgeschichte schwerer Nebenwirkungen im Zusammenhang mit einem Impfstoff und/oder schwerer allergischer Reaktionen auf einen Inhaltsstoff der Studie haben.

Das britische MHRA hatte als weltweit erste Regulierungsbehörde dem Impfstoff vor einer Woche eine Notfallgenehmigung erteilt. Am ersten Tag wurden mehrere hundert Menschen geimpft. Am Donnerstag wird der Impfstoff vermutlich in den USA zugelassen werden. (Klaus Taschwer, APA, 9.12.2020)

Der Artikel wurde um 15.37 Uhr um die beiden allergischen Reaktionen in GB aktualisiert.