Der Witz war aufgelegt. Aber jener Innsbrucker, der sich auf Facebook "Steve Job" nennt, schrieb ihn als Erster nieder: "Neuer Trendsport: Skitourenstehen", postete Job am Montag in der Facebookgruppe "Skitouren in und um Innsbruck" zu einem Bild, das vom ORF-Tirol online gestellt worden war.

Bergführer sehen den Boom teilweise mit Skepsis: Bergkameradschaft und Kollegialität würden durch Ellbogenmentalität und Inkompetenz verdrängt.
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Das Bild zeigte zwei lange Kolonnen von Menschen auf einem verschneiten Hang: Skitourengeherinnen und -geher in der Axamer Lizum. Die Wintersportler-Perlenschnüre liefen aufeinander zu und vereinigten sich. Am Kreuzungspunkt staute es. "Bitte hinten anstellen", ätzte Steve Job – und in den Kommentaren wurde geblödelt: Das Bild stamme nicht aus Tirol, sondern vom Mount Everest. Weil es auch dort regelmäßig Stau gibt.

Aber bitte mit Abstand

Was lustig klingt, ist es in Wirklichkeit nur bedingt. Nicht nur am Everest: Dort kostete das Warten in der "Todeszone" im Vorjahr zumindest mittelbar binnen einer Woche zehn Bergsteiger das Leben. Auch wenn die Bedingungen auf der Lizum (1.564 Höhenmeter) nicht vergleichbar sind, fanden Bergführer und -retter das Bild nicht spaßig: Am Tag der Aufnahme herrschte in weiten Teilen Tirols Lawinenwarnstufe drei. Lawinen können da schon durch einzelne Skifahrer ausgelöst werden.

Das bedeutet nicht, dass Skitourengehen nicht möglich ist – aber wer geht, sollte "lawinenkundiges Beurteilungsvermögen" haben. Und die einfachste Regel des Skitourengehens befolgen: der Situation angepasste Sicherheitsabstände einhalten. Genau deshalb schlug der Stubaitaler Bergführer und Chef des Freeridecenters Stubai, Patrick Ribis, die Hände über dem Kopf zusammen: "Mir wird schlecht: Hinz und Kunz rennen unkoordiniert durch die Gegend."

Corona, nicht oder spät anfahrende Lifte, geschlossene Hotels und Restaurants und die Scheu vor der Dichte beim Anstehen oder in Gondeln – dürfte heuer der seit Jahren boomenden Skitourenszene noch mehr Rückenwind geben.
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Als Bergführer habe er in den vergangenen Jahren immer öfter erlebt, "dass die Gefahr nicht vom Berg, sondern der ‚gegnerischen Mannschaft‘ ausgeht." Bergkameradschaft und Kollegialität würden durch Ellbogenmentalität und Inkompetenz verdrängt. "Jetzt, mit Corona, wird das noch schlimmer."

Geätze auf Social Media

Bilder der vergangenen Tage geben Ribis auf den ersten Blick recht. Nicht nur die der Aufstiegskolonnen, sondern auch die von zugeparkten Hofeinfahrten oder Lawinenschranken (im Notfall die Zufahrt für Rettungskräfte) an "Hotspots". Oder Meldungen von ersten schweren Pistenunfällen. Die sind – da der "reguläre" Skiwinter in Österreich ja erst zu Weihnachten beginnt – eigentlich noch gesperrt. Dennoch werden sie von Tourengeherinnen und -gehern oft genutzt: Im Bezirk Reutte "erwischte" ein deutscher Tourengeher am Montag eine aus dem Boden ragende Verankerung so unglücklich, dass er sich schwere Rückenverletzungen zuzog. Dem Verletzten wurde auf Social Media nachgespuckt: Recht geschähe es "dem Deutschen", der sich in Österreichs Bergen herumtreibe, wenn "wir normalen Skifahrer" noch nicht fahren dürfen. Wegen Corona wäre es.

Genau das – Corona, nicht oder spät anfahrende Lifte, geschlossene Hotels und Restaurants und die Scheu vor der Dichte beim Anstehen oder in Gondeln – dürfte heuer der seit Jahren boomenden Skitourenszene noch mehr Rückenwind geben. Während die Zahl der Pistenskifahrer stagniert, rechnet der Alpenverein diesen Winter mit einem Anstieg von rund 20 Prozent im Tourensegment – und das, obwohl alpine Vereine und Sportartikelbranche den Ist-Stand abseits der Pisten schon jetzt auf 600.000 Köpfe schätzen.

Wille und Motivation gehen bei Skitourengeherinnen und – gehern nicht immer mit Kompetenz und Wissen Hand in Hand.
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Da ein weiteres Fünftel zuzulegen, ist gewaltig. Allerdings betont Michael Larcher, Leiter der "Abteilung Bergsport" beim Alpenverein, dass es sich um "eine Schätzung aus dem Bauch" handle. Dennoch kommt die Zahl nicht aus heiterem Himmel: Der Sommer, so Larcher, habe Menschen in bisher nicht gekannten Ausmaßen ins Freie gelockt. Gepaart mit der "steigenden Sehnsucht nach einem Kontrast zum fremdbestimmten, immer schneller drehenden Leben vor Bildschirmen und im Web" und der De-facto-Unmöglichkeit, größere Reisen zu machen, führe der Weg da in die Berge. Die von der Regierung verordneten Liftsperren bis Weihnachten hätte es dafür gar nicht gebraucht: "Den Skitourentrend gibt es seit 25 Jahren, trotzdem sagen viele Händler, dass sie schon jetzt keine Skitourenausrüstungen mehr haben."

Ein Trend mit "Aber"

Intersport-Österreich-Geschäftsführer Thomas Schmitz widerspricht: Der Kopf des großen Sportartikel-Verbundes unterschreibt zwar Larchers Kernaussagen von Trend ("Wir spüren, dass die Menschen auf der Suche sind") und Absätzen ("In den letzten drei Jahren gab es ein Plus von 40 Prozent"), sieht aber keine "Materialengpässe": Man habe aus dem Sommer gelernt. Da kam der Handel mit dem Zusammenschrauben und Ausliefern von Fahrrädern nicht nach.

Die von Intersport kommunizierten Absatz-Zuwächse von 40 Prozent in den letzten drei Jahren bestätigt auch der Vorstand der "Sport 2000"-Genossenschaft (rund 240 Händler in Österreich), Holger Schwarting. Tourenequipment mache am Gesamtski- und -skiausrüstungsmarkt mittlerweile 15 bis 20 Prozent aus – Tendenz steigend. Heuer sei die Nachfrage "massiv gewachsen", und das habe den Handel ein bisserl am falschen Fuß erwischt: "Wir haben unsere Order für diesen Winter wie immer im Februar gemacht, da war diese Entwicklung nicht absehbar. Die Geschäfte haben zwar Ausrüstung, aber aufgrund der Nachfrage kann niemand garantieren, wirklich alle Wünsche zu erfüllen."

Nicht erst seit Corona: Schon in den letzten Jahren hat sich das Pistentourengehen zum Konfliktthema gemausert.
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Der Trend freut nicht nur die Branche, sondern auch die alpinen Vereine: "Ein begrüßenswertes Gegenmodell zu dicht gedrängten Menschenansammlungen vor den Liftanlagen oder in Après-Ski-Bars", jubelt Naturfreunde-Bundesgeschäftsführer Günther Abraham. Alpenvereinspräsident Andreas Ermacora betont, dass "sportliche Betätigung besonders jetzt einen unschätzbaren Beitrag zur körperlichen und mentalen Gesundheit leistet".

Konfliktthema

Aber natürlich gibt es auch ein Aber. Auch bei dem lassen sich Parallelen zum Rad-Boom des Sommers ziehen. So wie bei Wiedereinsteigerinnen und Totalanfängern auf Straßen und Forstwegen, ist es nun auch beim aufstiegshilfelosen Wintersport: Wille und Motivation gehen nicht immer mit Kompetenz und Wissen Hand in Hand. Eher im Gegenteil. Doch während ein paar Hanseln, die mit Mountainbikes über nicht freigegebene Forstwege bolzen oder planlos mit Skiern Hänge queren, vor allem sich selbst gefährden, geht Wegschauen beim Erreichen einer kritischen Masse irgendwann nicht mehr.

Nicht erst seit Corona. Schon in den letzten Jahren hat sich das Pistentourengehen zum Konfliktthema gemausert. Für Ostösterreicher kaum nachvollziehbar, findet nach Büroschluss oder am Wochenende das Pistenhinauflaufen speziell im Raum Innsbruck in Kompaniestärke statt. So sehr, dass die Lift-Berge rund um Tirols Landeshauptstadt seit Jahren nach einem Wochentagsrhyhthmus-System das Pistengehen erlauben. Was von Wintersportlern oft als Schikane erlebt wird, stellen Lift- und Pistengesellschaften als Sicherheitsmaßnahme dar: Da Pisten meist in der Nacht präpariert werden und schweres Gerät oft an Stahlseilen hängt, sei es lebensgefährlich, im Dunkeln unterwegs zu sein.

Das Warten auf die Gruppe

Der Unfall am Montag am Hahnenkamm unterstützt diese Lesart. Dass das Begehen auch nichtpräparierter Pisten drei Wochen vor Liftstart grundsätzlich und auch tagsüber mit diesem Argument untersagt wird, kann man aber auch anders sehen: Einen "Klassiker" nennt Bergführer Patrick Ribis die mit "Sicherheit" argumentierte Komplettsperre aller Pisten bis Weihnachten am Patscherkofel, einem der Innsbrucker Hausberge.

Ein scheinbarer Widerspruch: Wer sich Modetouren aussucht, unterwegs ist, wo die Masse geht, und sich bei der Abfahrt innerhalb der ausgefahrenen Korridore bewegt, ist relativ sicher.
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Dass das den Druck auf andere Reviere erhöht, ist klar. Zum einen, weil die Sperre von Hotellerie und Gastronomie auch nach Weihnachten Tagestouren begünstigen wird. Und speziell Anfängern da kaum etwas anderes übrigbleibt, als erste Gehversuche im "gesicherten Skiraum", also auf Pisten, zu machen: Dort ist man vor jenen "alpinen Gefahren" sicher, die zu bewerten und einzuschätzen die Lebensversicherung jedes Tourengehers ist. Normalerweise wird dieses Grundwissen in Kursen der alpinen Vereine, von Skischulen oder Bergführern vermittelt. Oder man schließt sich einer geführten Gruppe an. Nur: All das ist derzeit verboten. Martin Edlinger, Leiter der Skitourenabteilung der Naturfreunde, hofft, dass sich das Anfang Jänner ändert: "Es ist nicht nachvollziehbar, dass das im Freien – am Berg – nicht möglich ist, aber die Gastronomie wieder aufmachen darf."

Möglich – wenn auch mit eineinhalb zugedrückten Augen, da verabredete Veranstaltungen ja auch verboten sind – wären höchstens Solotouren mit Bergführer oder Touren für einzelne Haushalte, sagt Walter Zörer. Bei einem Bergführer-Tagsatz von 380 Euro ist das aber nicht einmal ein Minderheitenprogramm, weiß der Vorsitzende des "Verbandes der österreichischen Berg- und Skiführer". Das sei nicht nur für die Branche ("Derzeit ist alles auf Null") sondern auch aus Gründen der alpinen Sicherheit "alles andere als ideal". Dennoch möchte der Bergführer "auf keinen Fall" irgendwem verbieten, auf Tour zu gehen. "Ich bin über jeden und jede froh, der oder die sich bewegt: Das ist gelebte Gesundheitsvorsorge."

Von wegen Eskalation

Ins gleiche Horn stößt Alpenvereins-Bergsportler Michael Larcher. Dem Kompetenzdilemma rät er – "derzeit!" – mit einem Trick zu begegnen, der der Sehnsucht nach Individualität im freien Skiraum eigentlich widerspricht: "Wer sich Modetouren aussucht, unterwegs ist, wo die Masse geht, und sich bei der Abfahrt innerhalb der ausgefahrenen Korridore bewegt, ist relativ sicher."

Mitdenken und das Einhalten der leicht erfragbaren Berg-Abstandsregeln ersetze das aber nicht, betont Larcher – und möchte trotz Massenbildern wie jenem vom Axamer Lizum die Verhältnismäßigkeiten gewahrt wissen: "Davon, dass da etwas eskaliert oder außer Kontrolle gerät, sind wir unendlich weit entfernt. Im alpinen Kontext – aber auch, wenn es um Corona geht: Menschen, die auf Berge gehen, sind nicht das Problem." (Tom Rottenberg, 13.12.2020)