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Seht, wie weit wir gekommen sind." Enrique Tarrio, Anführer der rechtsradikalen und gewaltbereiten US-Gruppierung Proud Boys (PB), postete am Samstag stolz ein Foto aus dem Weißen Haus auf der rechten Social-Media-Plattform Parler. Während vor dem Weißen Haus Trump-Fans gegen den "Diebstahl der Wahl" protestierten, sei er im Zentrum der Macht geladen, suggerierte der 36 Jahre alte Geschäftsmann aus Miami.

Die Pressestelle des Weißen Hauses dementierte sofort. Tarrio sei nur auf einer Weihnachtstour für Besucher vor Ort, Donald Trump habe er nicht getroffen. Tarrio wird es egal gewesen sein, denn er kann sich der Sympathien des US-Präsidenten für seine Organisation gewiss sein. Trumps Aufforderung in einer TV-Debatte an die Proud Boys, "Stand back and stand by", brachte der Männertruppe in den letzten Monaten eine Verdoppelung ihrer Mitgliederzahl auf über 20.000.

Wenn der in Little Havana in Miami aufgewachsene Tarrio nicht seinen Verpflichtungen als PB-Chef nachkommt, steht er in seinem Geschäft am Stadtrand von Miami. Dort bedruckt und verkauft er unter anderem Trump-Shirts oder rechte Devotionalien. Erfolgreich sei er nun, zeigt sich Tarrio stolz. Das war nicht immer so. Wegen Diebstahls und Weiterverkaufs gestohlener Medizinprodukte verbrachte er 16 Monate im Gefängnis.

Karriere bei den Boys

2017 kam er erstmals mit den Proud Boys in Kontakt, als er als Freiwilliger bei einer Veranstaltung des rechten Journalisten und Aktivisten Milo Yiannopoulos half. Schnell wurde er in die Gruppierung aufgenommen, seine Gewaltbereitschaft verschaffte ihm einen Einstieg auf "hochrangiger Ebene". 2018 schon übernahm er die Truppe. Eine Bewerbung für einen Sitz im Kongress 2020 zog er vor den Vorwahlen wieder zurück.

Wenn Tarrio, dessen Eltern aus Kuba geflüchtet sind, in Interviews gefragt wird, wie er als Einwandererkind zum Anführer einer rassistischen US-Gruppierung werden konnte, die Angst vor der Auslöschung der weißen Rasse hat, dann wiegelt Enrique Tarrio ab: Er selbst sei der lebende Beweis dafür, dass die Proud Boys keine Rassisten seien. Und für die Linken wäre doch ohnehin jeder rechts von Mao rechtsextrem. Sein "Saufklub für Patrioten" würde nur das Recht zur Selbstverteidigung nutzen. Dass er selbst keinen Alkohol trinkt und wegen seiner Vorstrafen keine Waffe besitzt, sieht der Geschiedene jedenfalls nicht als Hindernis. (Manuela Honsig-Erlenburg, 13.12.2020)