Es ist nicht das erste Mal, dass Nvidia einen fragwürdigen Umgang mit Berichterstattung pflegt.

Foto: Reuters

Der Chipkonzern Nvidia hat sich wieder einmal mit fragwürdigen Umgang mit Berichterstattung über seine Produkte ins Kreuzfeuer der Kritik gebracht. Das Unternehmen war mit der Berichterstattung über eine der neuen RTX 3000-Karten am australischen Youtube-Kanal Hardware Unboxed unzufrieden – und nahm ihn mit einem von vielen als "Erpressung" wahrgenommenen Schreiben von der Liste für künftige Testmuster.

Stein des Anstoßes für Nvidia war, dass Hardware Unboxed sich nach Ansicht des Konzerns zu wenig mit den "RTX"-Raytracing-Kapazitäten der neuen Karten befasst habe und stattdessen hauptsächlich über die Leistung bei der Rasterisierung – dem "traditionellen" Weg der Grafikberechnung – spricht. Daher, so die von den beiden Kanalbetreibern Steve Walton und Tim Schiesser veröffentlichte Mail, werde er künftig keine weiteren "Founder’s Edition"-Karten mehr bekommen, bis sich die "redaktionelle Ausrichtung" ändert. Damit, so erklären die Betreiber, gehe eine 20-jährige Partnerschaft aus ihnen nicht erklärlichen Gründen zu Ende.

Massive Kritik am Vorgehen von Nvidia

Das Schreiben von Brian Del Rizzo, Senior PR Manager des Herstellers, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Schnell stellten sich auch andere, teils viel größere Tech-Youtuber, wie etwa Linus Sebastian (Linus Tech Tips) oder Jason Langevin (JayzTwoCents) hinter den Betroffenen und übten massive Kritik am Vorgehen des Unternehmens.

So nimmt man es Nvidia nicht nur übel, den Youtuber praktisch zu erpressen, sondern hält auch fest, dass die Rasterisierungs-Leistung nach wie vor bei der erschlagenden Mehrheit der Spieler der relevante Faktor ist. Wenngleich die Raytracing-Performance der neuen Nvidia-Karten besser geworden ist und die Anzahl der Games, die davon Gebrauch machen, steigt, ist es insgesamt immer noch ein Nischenfeature. Außerdem wird ein großer Teil des Geschehens auch in Games mit RTX-Support nach wie vor per Rasterisierung gerendert. Dementsprechend wenig begeistert ist man, dass Del Rizzo in seiner Nachricht behauptet, dass Hardware Unboxed die Dinge nicht so, wie man selbst, "die Gamer und der Rest der Branche" sehen würde.

Man weist auch die Darstellung Nvidias zurück, dass die Empfänger von den Mustern profitieren würden, als wäre es ein Geschenk. Denn die gründlich Rezension einer Grafikkarte dauert mitunter Tage, wenn nicht sogar Wochen. Und freilich zählen die Hersteller auch auf die Reichweite der Medien und Videokanäle

JayzTwoCents

JayzTwoCents erläutert auch, dass die Bemusterungs-Hintertür, die Nvidia im Schreiben offen lässt, eigentlich gar nicht existiert. So heißt es in der Mail, dass Hardware Unboxed zwar keine Founder’s Edition-Karten von Nvidia selbst mehr bekommen werde, er sich aber nach wie vor von Board-Partnern – also Drittherstellern wie EVGA oder Asus – Karten schicken lassen könne.

Was Nvidia aber nicht dazu sagt ist, dass diese Firmen dem Konzern eine sogenannte "Seedlist" zur Freigabe schicken müssen, auf der steht, welche Medien man mit Testmustern ausstatten will. Diese könne Nvidia einfach mit seiner eigenen Sperrliste abgleichen und so erst recht die Bemusterung "missliebiger" Empfänger verhindern.

Konzern rudert zurück

Nach drei Tagen Drama kam es aber doch noch zu einem "Happy End". Der reichweitenstarke Aufstand der Tech-Youtuber dürfte das Management der Chipfirma erreicht haben. Wie Hardware Unboxed schließlich meldete, hat das Unternehmen sich entschuldigt und sämtliche Sanktionen zurückgenommen.

Die Zusammenfassung der Ereignisse, transportiert von Hardware Unboxed selber.
Hardware Unboxed

Das Vertrauen in Nvidia und seine PR-Abteilung dürfte aber erst Mal deutlich angekratzt sein. Den, wie erwähnt, handelte es sich nicht um das erste Mal, dass man versuchte, in Berichterstattung einzugreifen, wie Heise anmerkt. 2018 verlangte das Unternehmen von Medienvertretern die Unterzeichnung eines NDA (Vertraulichkeitsvereinbarung). Diese dienen normalerweise nur, um ein Startdatum für die Veröffentlichung von Tests oder Previews eines bestimmten Produkts und die davor zur Veröffentlichung freigegebenen Informationen zu vereinbaren.

Mit dem damaligen NDA wollte Nvidia aber im Sinne einer "Blanko-Vereinbarung" alle seine Produkte fünf Jahre lang abdecken und fügte Klauseln ein, die etwa die Unterzeichner verpflichten sollten, Vorabinformationen nur "zu Gunsten" von Nvidias nutzen zu dürfen. Für bestimmte und nicht näher definierte "Informationen, die ein Geschäftsgeheimnis" darstellten, verlangte man gar dauerhaften "Schutz". Zahlreiche Medien verweigerten ihre Unterschrift, der Fall wurde zu einem PR-Debakel für den Konzern. (gpi, 14.12.2020)