Ein Kommentar im "Wall Street Journal" hat insbesondere im Lager des künftigen US-Präsidenten Joe Biden für eine Welle der Twitter-Empörung gesorgt. In dem am Freitagabend veröffentlichten Text rief der Autor und ehemalige Herausgeber des "American Scholar", Joseph Epstein, die künftige First Lady Jill Biden auf, auf die Verwendung ihres Doktortitels zu verzichten. Umgehend wurde daraufhin – angeführt von Vertretern der Demokraten – in den sozialen Medien der Text als frauenfeindlich und sexistisch gebrandmarkt sowie das "Wall Street Journal" zum Entfernen des Kommentars aufgefordert.

Nervenkitzel Doktortitel

"Madame First Lady – Mrs. Biden – Jill – kiddo", leitet Epstein seinen Kommentar ein: "Besteht die Chance, dass Sie den 'Dr.' vor Ihrem Namen fallenlassen? 'Dr. Jill Biden' klingt schwindlerisch, ganz zu schweigen von einem komischen Anstrich." In weiterer Folge führt Epstein aus, wie das Ansehen und die Wertigkeit akademischer Grade durch politische Korrektheit und das Absenken der akademischen Standards in den vergangenen Jahrzehnten gesunken seien. Auch die Sucht nach dem Führen von Titeln, insbesondere auch Ehrendoktoraten, kritisiert Epstein in seinem Text.

Jill Biden solle den "kleinen Nervenkitzel vergessen, Dr. Jill zu sein", und sich mit dem größeren Nervenkitzel zufriedengeben, die kommenden vier Jahre "als First Lady Jill Biden in der besten Sozialwohnung der Welt zu leben".

"Widerlicher und sexistischer Angriff"

Jill Bidens Sprecher Michael LaRosa griff auf Twitter James Taranto, den zuständigen Redakteur des "WSJ", direkt für die Veröffentlichung des "widerlichen und sexistischen Angriffs" an. "Wenn Sie überhaupt Respekt vor Frauen hätten, würden Sie diese widerwärtige Darstellung des Chauvinismus aus Ihrer Zeitung entfernen und sich bei ihr entschuldigen", schrieb LaRosa.

"Was für ein bevormundendes, sexistisches, elitäres Geschwätz", postete Joe Bidens stellvertretende Kampagnenmanagerin: "Dr. B. hat in Pädagogik promoviert, deshalb nennen wir sie Doktor. Der Titel, den Herr Epstein hier verdient hat, ist vielleicht für eine gemischte Gesellschaft ungeeignet."

Auch die ehemalige Präsidentschaftskandidatin, Ex-Außenministerin und Ex-First-Lady Hillary Clinton meldete sich zu Wort: "Ihr Name ist Dr. Jill Biden. Gewöhnen Sie sich daran", postete sie.

Douglas Emhoff, der Ehemann der künftigen Vizepräsidentin Kamala Harris, schrieb auf Twitter, Biden habe ihren Abschluss durch harte Arbeit erworben. Über einen Mann wäre niemals ein solcher Text veröffentlicht worden, behauptete Emhoff.

Jill Biden verfügt über zwei Abschlüsse und ein erst 2007 erworbenes Doktorat in Erziehungswissenschaften. Den Angaben der Bidens zufolge war die Motivation für das späte Doktoratsstudium, dass sie nicht länger Post für "Sen. und Mrs. Biden" bekommen wollte: "Ich wollte Post bekommen, die an Dr. und Sen. Biden adressiert ist."

Joe und Jill Biden am Wahlabend Anfang November.
Foto: Reuters/Snyder

Das Thema ihrer Dissertation an der Universität von Delaware lautete "Maximierung der Bindung von Studenten in Community Colleges" – Epstein bezeichnete die Themenwahl als "nicht vielversprechend". Die Northwestern University, an der Epstein drei Jahrzehnte lang unterrichtet hatte, distanzierte sich umgehend von Epsteins "misogynen Ansichten". Darüber hinaus unterrichte dieser bereits seit 2003 nicht mehr an der Universität. In der Folge der Debatte fügten einige Frauen aus dem universitären Bereich den Doktortitel in ihrem Twitter-Profil ein, auch der Hashtag #mytitleisdr wurde ins Leben gerufen.

Unübliches Führen von Doktortiteln

Im Gegensatz zur heimischen Titelverliebtheit ist das öffentliche Führen eines nichtmedizinischen Doktortitels in den USA nicht üblich. Auch US-Medien führen in der Regel in ihrer Berichterstattung keine Doktortitel an, es sei denn, es handle sich um solche aus dem medizinischen Bereich und sei für einen Bericht von inhaltlicher Relevanz. Auch das "Wall Street Journal" folgt dieser Richtlinie.

Identitätspolitik-Kampagne

Als Reaktion auf die Empörungswelle veröffentlichte das "Wall Street Journal" einen weiteren Kommentar. Der Pulitzerpreisträger Paul Anthony Gigot, der für die Meinungsseiten des "WSJ" verantwortlich ist, wirft darin den Politstrategen aus Bidens Team vor, einen einfachen Gastkommentar für eine Identitätspolitik-Kampagne zu benutzen. Joe Biden habe nach seinem Wahlsieg erklärt, dass nun die "Zeit für Heilung" sei, und das "WSJ" habe ihm dafür applaudiert.

Gigot beklagt die Flut der Reaktionen, die von Forderungen nach dem Zurückziehen des Textes, einer persönlichen Entschuldigung, einer zukünftigen Sperre von Texten Epsteins bis hin zu einem Rücktritt, "um über seine Sünden nachzudenken", reichen würden.

Linke Trump-Version

"Warum macht man sich solche Mühe, einen einzelnen Kommentar zu einem Nebenthema derart hervorzuheben?", fragt Gigot. "Ich vermute, dass das Biden-Team beschlossen hat, dass dies eine Chance sei, die große Waffe der Identitätspolitik zu nutzen, um Kritikern eine Botschaft zu senden, während sie sich auf die Machtübernahme vorbereiten. Es gibt nichts Schöneres, als die Rassen- oder die Geschlechtskarte zu spielen, um Kritik zu unterdrücken. Es ist die linke Version von Donald Trumps Tweets über 'Feinde des Volkes'", schreibt Gigot.

"So funktioniert Cancel-Culture"

Der Unterschied sei, dass die Presse mobilmache, wenn Trump über sie schimpft. "In diesem Fall konnte das Biden-Team fast die gesamte Presse mobilisieren, um gemeinsam Epstein und das 'WSJ' anzuprangern." Diese Strategie habe schon dazu beigetragen, Joe und Hunter Biden während des Wahlkampfs zu schützen, es sei daher nicht verwunderlich, dass sie auf dem Weg ins Weiße Haus so weitermachen, schrieb Gigot. Die Northwestern University kritisierte der Journalist dafür, dass sie als Reaktion Epstein als Emeritus von der Universitätswebseite löschten. "So funktioniert Cancel-Culture", konstatierte Gigot.

Er führte weiter aus, dass die Bezeichnung "kiddo", die Epstein in der Einleitung benutzte und die in zahlreichen Postings als erniedrigend aufgefasst wurde, sich auf Joe Biden beziehe, der Jill bei einer öffentlichen Veranstaltung selbst so angesprochen habe. Auch beziehe sich Epstein in seinem Text auf Frauen und Männer und deren Titelsucht.

Gekränkte Zensoren

Es sei in Ordnung, mit Epsteins Meinung nicht einverstanden zu sein, man könne einen Leserbrief schreiben oder die Beschwerden auf Twitter kundtun. Doch das "WSJ" werde nicht aufhören, "provokative Essays zu veröffentlichen, nur weil sie die neue Regierung oder die politischen Zensoren in Medien und Universitäten kränken". Und weil es die Zeit für Heilung sei, gebe das "WSJ" Bidens Team eine zweite Chance für ihre Angriffe, baut Gigot abschließend der Biden-Administration eine Brücke. (Michael Vosatka, 14.12.2020)