Schmerzen in der Wirbelsäule – ein weit verbreitetes Leiden.

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"Schmerzforscherin" Manuela Schmidt

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Stellen Sie sich vor, Sie erleiden während Ihres Trainings eine akute Sportverletzung am Fußknöchel. Ist es nicht ein wunderbarer Mechanismus, dass der Schmerz Sie automatisch dazu veranlasst, das Training zu beenden, Ihren anschwellenden Knöchel zu kühlen und ruhen zu lassen, bis die Schmerzen nachgelassen haben, anstatt mit einem unwiederbringlich lädierten Gelenk nie wieder Belastungssport machen zu können?

Diese sogenannten akuten Schmerzen sind für uns wesentlich, um weitere Schäden und Verletzungen zu vermeiden. Sie stellen unsere körpereigene Alarmanlage dar. Wenn diese nicht adäquat funktioniert, kann es von ständigen Verletzungen über unbemerkte Entzündungen bis hin zur Verstümmelung durchaus lebensgefährlich werden. Dies zeigt sich bei Menschen, die aufgrund genetischer Veränderungen keine Schmerzen spüren können.

Akute Schmerzen sind unsere körpereigene Alarmanlage

Leider gibt es auch die dunkle Seite des Schmerzes. Hiermit ist der chronische Schmerz gemeint, also Schmerzen, die selbst nach Heilung der ursprünglichen Verletzung mehr als drei Monate weiterbestehen. Hier hat der Schmerz seine Alarmfunktion verloren und wird selber zur Krankheit.

Dies kann so weit gehen, dass das T-Shirt auf der Haut oder die lediglich lauwarme Dusche brennende Schmerzen auslösen, vergleichbar mit dem Gefühl eines schweren Sonnenbrands, aber das regelmäßig. Weltweit sind rund 20 Prozent der Menschen von chronischen Schmerzen betroffen, allein in Österreich sind es schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen, die vor allem an chronischen Rücken- und Kopfschmerzen leiden.

Chronischer Schmerz ist eine Krankheit mit Millionen Betroffenen

Sie werden sich jetzt fragen, warum dem so ist. Wenn Sie in eine Apotheke gehen, sehen Sie die Regale voll mit Schmerzmitteln, vom rezeptfreien Ibuprofen bis zu streng regulierten Opioiden, Mitteln auf Opiumbasis zur Behandlung starker Schmerzen. Warum also gibt es so viele von großem Leiden betroffene chronische Schmerzpatienten?

Verfügbare Schmerzmittel können chronische Schmerzen nur unvollständig in Schach halten. Für den Alltag chronischer Schmerzpatienten bedeutet das: Schmerzen werden nur bedingt gestillt, was den Leidensdruck erhöht. Selbst bei guter therapeutischer Einstellung von Patienten können angewandte Schmerzmittel mit der Zeit ihre Wirkung verlieren (Toleranz), was einen erhöhten Bedarf nach sich zieht.

Das Resultat aus diesen Umständen ist ein Teufelskreis, welcher in den USA in der sogenannten Opioid-Krise kulminierte. Um Schmerzen adäquat zu stillen, wurden oft flächendeckend die oben erwähnten Opioide verschrieben. Die mit der Zeit nachlassende Wirkung sowie der heute bekannte Umstand, dass eine langfristige Therapie mit Opioiden Schmerzen sogar verstärken kann, erhöhte die Häufigkeit der Verschreibung bei steigenden Dosen. Das war der Grund für die hohe Anzahl von Schmerzpatienten, die in den USA von Opioid-Schmerzmitteln abhängig wurden.

Opioid-Schmerzmittel sind unverzichtbar

Warum wurden und werden chronische Schmerzpatienten nicht mit anderen Mitteln als Opioiden behandelt? Die bittere Wahrheit ist, dass wir gegenwärtig kaum Alternativen zur Behandlung starker Schmerzen haben. Daher haben Opioide auch zu Recht einen so wichtigen Stellenwert in der Schmerztherapie sowohl nach schweren Operationen als auch bei chronischen Schmerzpatienten sowie in der Palliativmedizin.

Richtig dosiert, zeitlich begrenzt und unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle verwendet, sind Opioide ein Segen für jeden Schmerzpatienten und in der Schmerztherapie nicht wegzudenken. Dies ist wichtig zu wissen, um unbegründete Angst vor Opioiden, aber auch falsche Handhabung zu vermeiden.

Alternativen zu Opioiden sind Gegenstand intensiver Forschung

Die moderne Schmerzforschung zielt genau darauf ab, neue Wirkstoffe zu finden, die die starke schmerzstillende Wirkung von Opioiden mit möglichst geringen Nebenwirkungen auf andere Organsysteme und ohne Suchtgefahr kombinieren. Trotz vieler Fortschritte in der Grundlagenforschung dazu ist dies noch ein langer Weg.

Chronische Schmerzformen sind unterschiedlich und individuell

Chronische Schmerzformen unterscheiden sich sehr voneinander und reichen von Rücken- und Spannungskopfschmerzen bis zur häufig unterschätzten Chronifizierung von Schmerz selbst nach kleinen Operationen. Deshalb ist es so wichtig, ein umfassendes Verständnis der jeweils zugrunde liegenden Mechanismen der Schmerzformen zu erreichen. Hierfür bedarf es intensiver und enger Zusammenarbeit zwischen Grundlagenforschern und Klinikern.

Der Leidensdruck bei chronischen Schmerzen ist zudem abhängig von der individuellen Lebenssituation und psychischen Verfassung der Betroffenen, weshalb eine moderne Schmerzbehandlung multimodal aufgestellt sein sollte: Hier kommen neben Medikamenten auch Physiotherapie und Training zur Schmerzbewältigung zum Einsatz.

Ein erklärtes Ziel meiner Kollegen weltweit und auch in meiner neuen Abteilung hier an der Universität Wien ist es, einen "Fingerabdruck" chronischer Schmerzen zu finden. Dieser könnte es uns zukünftig ermöglichen, das Risiko, dass einzelne Patienten nach Operationen chronische Schmerzen entwickeln, abzuschätzen. Wir hätten somit einen therapeutischen Vorsprung, den chronischen Schmerz gar nicht erst entstehen zu lassen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit chronischen Schmerzen?

Wie zufrieden waren Sie bei der Behandlung chronischer Schmerzen und welche Erfahrungen gibt es in Ihrer Familie oder Ihrem Bekanntenkreis? Wurde bei Ihnen bereits eine multimodale Schmerztherapie angewandt – und wenn, mit welchem Erfolg? (Manuela Schmidt, 15.12.2020)