Aus der Perspektive der politischen Risikoforschung überrascht die gegenwärtige Public-Shaming-Kampagne gegen Coop Himmelb(l)au wenig. Vor dem Hintergrund teils gravierender politischer, ökonomischer und sozialer Veränderungs- und Umbruchsprozesse auf globaler Ebene bis weit hinein in Staaten und Gesellschaften sind die Geschehnisse vielmehr ein weiteres Lehrbuch-Beispiel für steigende politische Risiken. Diese haben Unternehmen, die international tätig sind, zu identifizieren, zu analysieren und zu managen.

Das Phänomen der ethischen Kritik an Unternehmen ist zwar nicht neu. Es hat dennoch in der letzten Dekade deutlich an Gewicht gewonnen. Ein Unternehmen, das mit autoritären Staaten paktiert oder dem ein solcher Pakt vorgeworfen wird, spürt heute schneller als je zuvor geschäftsschädigenden Gegenwind. Dieser kommt nicht immer nur von Medien und kritischen NGOs. Vor dem Hintergrund wachsender geopolitischer Spannungen, Handels- und Wirtschaftskriegen geraten Unternehmen nicht selten ins Fadenkreuz politischer Auseinandersetzungen zwischen Welt- und Regionalmächten. Damit verbundene verlustreiche Erfahrungen mussten in letzter Vergangenheit zum Beispiel Unternehmen mit Iran-Geschäften machen. Noch vor der Aufkündigung des Atom-Deals durch die Trump-Regierung wurden gegen solche Unternehmen Public-Shaming-Kampagnen geführt. Auf den ersten Blick gingen diese von der Zivilgesellschaft aus. Bei genauerer Analyse stand jedoch nicht selten die US-Administration dahinter.

Gebiet mit Risiko

In der politischen Risikoforschung haben ethische Kritik und damit verbundene Reputationsrisiken nur bedingt und erst in jüngerer Zeit eine gewisse Berücksichtigung gefunden. Eine Auseinandersetzung mit der Thematik findet allenfalls in der Literatur zu Stakeholder-Management und Non-Market-Strategien statt. Das Hauptaugenmerk der politischen Risikoforschung liegt traditionell auf politischen Ereignissen, häufig in Verbindung mit Konflikten und Kriegen sowie bestimmter Regierungsentscheidungen, etwa Enteignungen.

Die für deutsche, österreichische und schweizerische Unternehmen nach wie vor wichtige Regionen der Östlichen Nachbarschaft der EU (Belarus, Ukraine, Moldawien, Aserbaidschan, Armenien und Georgien) sowie Russland sind traditionell mit hohen politischen Risiken behaftet. Gescheiterte rechtsstaatliche Transformationsprozesse, State-Capture Erscheinungen und die damit verbundene Überdominanz informeller Strukturen und Praktiken erweisen sich regelmäßig als schwierig zu managende politische Risikofaktoren. Dies gilt seit Auflösung der Sowjetunion. Doch in der letzten Dekade hat sich das Unternehmensumfeld in der Region weiter deutlich verschlechtert. Als Critical-Juncture erwies sich dabei der Ukraine-Konflikt, der durch den geopolitischen Wettstreit zwischen Russland und der EU beziehungsweise USA in der Region befeuert wurde. Dieser hat nicht nur einzelne Länder, sondern auch die Region als Ganzes weiter destabilisiert. Als besonders gravierend erweisen sich dabei die EU-Sanktionen gegen Russland beziehungsweise die russischen Gegenmaßnahmen.

Das geplante Opernhaus auf der Krim.
Foto: Coop-Himmelblau

Durchdacht?

Gegen Sanktionsbestimmungen hat Coop Himmelb(l)au allen Anschein nach nicht verstoßen. Allerdings greift eine rein juristische Analyse des Geschäftskontexts zu kurz, denn neben der gesetzlichen Dimension spielt eben auch die Reputation, der Wertekanons eine wesentliche Rolle. Ob Coop Himmelb(l)au will oder nicht, dem Unternehmen werden von Interessengruppen bestimmte Werthaltungen aufgedrückt, nicht zuletzt, weil das Unternehmen aus einem „westlichen“ Land, aus der EU, aus Österreich kommt. Ohne hier eine Diskussion über den Status der Krim führen zu wollen, ist aus der Perspektive von Coop Himmelb(l)au zu fragen, wie strategisch dieses Unterfangen geplant wurde. Wie DER STANDARD mehrfach berichtet hat, plant das Architekturbüro für eine russische Stiftung ein Opernhaus auf der Krim.

Im besten aller Fälle hat sich das Architekturbüro nach einer objektiven Risikobetrachtung für die Durchführung des Auftrages entschieden. Und hat eine politische Risiko-Due-Diligence durchgeführt, als Teil davon den juristischen Sachverhalt analysiert, sich einen genauen Überblick über die zu erwartenden Konsequenzen verschafft und eine Strategie festgelegt, wie diese Risiken gehandhabt werden können. Nichts dagegen zu sagen, das könnte durchaus der Plan gewesen sein. Kurzfristig zumindest. Fatal jedoch wäre, wenn das Unternehmen in den Auftrag gestolpert ist, diesen Auftrag als rein architektonisch zu lösendes Problem ansieht, und nun vor einer unerwarteten Situation steht. Die Chance, hier in den nächsten Wochen und Monaten noch in weitere Fettnäpfchen zu treten, ist nicht zu vernachlässigen. Die ukrainische Botschaft in Wien ist jedenfalls bereits aktiv geworden.

Weitreichende Schäden

Der hier vorliegende politische Risikofaktor der ethischen Kritik kann grundsätzlich von zwei Seiten wirken. Zum einen, wenn ein Unternehmen in der öffentlichen Wahrnehmung als ein moralisch agierender Akteur betrachtet wird. Firmen finden sich in der Folge im Dilemma, zwischen Reputationspflege und Wahrnehmung einer Geschäftschance abwägen zu müssen. Mittel- und langfristig teurer zu stehen kommen in der Regel aber Reputationsschäden in Folge von Blaming-und-Shaming-Kampagnen, etwa durch das Wegbrechen von zukünftigen Aufträgen in anderen Märkten. In diesem Fall manifestiert sich unethisches Verhalten in einem ausländischen Markt häufig entlang von Korruption, Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden. Dieses als ethisches Fehlverhalten beurteilte Agieren mobilisiert letztlich gesellschaftliche Widerstände durch soziale Bewegungen und negative Medienberichterstattung.

Auch autoritäre Herrschaft ist mit Reputationsrisiken für international tätige Unternehmen verbunden. Der Volkswagen-Fall in der westchinesischen Provinz Xinjiang ist ein klassisches Beispiel hierfür. Im Jahr 2019 wurde die Firma der Komplizenschaft mit dem chinesischen Regime beschuldigt, nachdem sie angegeben hatte, über die Internierung der Uiguren nichts zu wissen, obwohl sie in der Region eine Fabrik unterhält. Die "Washington Post" stellte in einem Beitrag hierzu fest, dass von einem „Unternehmen in Wurzeln mit Nazi-Deutschland“ ein „sensiblerer Umgang zu erwarten“ wäre. In einem weiteren Fall wurde der schwedische Mobilfunkbetreiber TeliaSonera der Korruption und Begünstigung der aserbaidschanischen Herrscherfamilie beschuldigt. (Hannes Meißner, Johannes Leitner, 20.12.2020)

Hannes Meißner ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und Senior Researcher und Lektor im Kompetenzzentrum Schwarzmeerregion (FH des BFI Wien).

Johannes Leitner ist Leiter des Kompetenzzentrums Schwarzmeerregion (FH BFI Wien).

Zum Thema

Links

Weitere Beiträge im Blog