Es waren Bilder von seltsamer Schönheit, die im Herbst 2019 um die Welt gingen. Sie kamen vom Forschungsschiff Polarstern und zeigen, wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers auf eine gräulich wirkende Schneefläche fällt. Doch da ist mehr. Inmitten des Kreises stehen zwei Eisbären; eine Mutter und ihr Junges. Neugierig inspizieren die Tiere zwei Markierungsstangen mit roten Fähnchen.

Dank speziellen Pelzes und einer dicken Fettschicht sind Eisbären perfekt an das Leben in der Arktis angepasst.
Foto: Getty/Sylvie Bouchard

Die Fotografin Esther Horvath hat die Aufnahmen während der Mosaic-Expedition in der Hocharktis gemacht und damit den diesjährigen "World Press Photo Award" in der Kategorie Umwelt gewonnen. Ihre ganze Wucht entfalten die Bilder allerdings erst nach kurzer Reflexion: Diese zwei Geschöpfe, Säugetiere wie wir selbst, vermögen in der eisigen arktischen Einöde und dem Monate dauernden, stockfinsteren Polarwinter offenbar nicht nur zu überleben – sie fühlen sich dort sogar pudelwohl. Könnte es einen noch eindrucksvolleren Beleg für die gewaltige Macht des Lebens geben?

Anpassung an Extreme

Kristin Laidre kennt diese Faszination aus erster Hand. "Einem Eisbären in seinem natürlichen Lebensraum zu begegnen ist eine unglaubliche Erfahrung", berichtet die an der University of Washington in Seattle tätige Forscherin. Als versierte Polarbiologin hat Laidre schon viele solcher Erlebnisse gehabt, ihre Begeisterung aber hält unvermindert an. "Es berührt einen zu sehen, dass diese Tiere in einer solch extremen Umwelt leben." Die Evolution hat bei den Eisbären allerdings ganze Arbeit geleistet. Ihre Pelze zum Beispiel bestehen aus hohlen Haaren, was eine besonders effektive Wärmedämmung bewirkt. Unter der Haut sorgt eine bis zu elf Zentimeter dicke Speckschicht für weiteren Kälteschutz. Dank solcher Kniffe lassen sich die Vierbeiner mit Infrarot-Nachtsichtgeräten nicht orten. Sie strahlen schlicht zu wenig Wärme ab.

Die Kehrseite der Medaille: Eisbären, zoologisch Ursus maritimus, sind anfällig für Überhitzung. Lange Strecken schnell laufend zurückzulegen kommt für sie nicht infrage. Es bleibt bei beeindruckenden Sprints. Die weißen Petze können Höchstgeschwindigkeiten von etwa 40 Stundenkilometern erreichen. Normalerweise jedoch gehen sie in ruhigem Schritttempo ihres Weges. Diese eher gemächliche Gangart spiegelt sich auch im Jagdverhalten der Eisbären wider. Spektakuläre Verfolgungen gibt es keine, erklärt der Ökologe Péter Molnár von der University of Toronto Scarborough (UTSC). Stattdessen lauert "Nanuq", wie ihn die Inuit-Ureinwohner nennen, seiner Beute lieber geduldig auf.

"Einem Eisbären in seinem natürlichen Lebensraum zu begegnen ist eine unglaubliche Erfahrung. Es berührt einen zu sehen, dass diese Tiere in einer solch extremen Umwelt leben." Kristin Laidre, Polarbiologin

Eisbären fressen hauptsächlich Robben. Letztere verbringen zwar die meiste Zeit im Wasser, müssen aber bei Eisbedeckung regelmäßig zu ihren Atemlöchern zurückkehren. Die Bären wissen das und warten – manchmal sogar tagelang. Robben aufzuspüren ist auch in der Dunkelheit kein Problem. Ursus maritimus hat einen sehr guten Geruchssinn. Die Witterung einer Ringelrobbe kann er über anderthalb Kilometer Entfernung hinweg aufnehmen. Wer braucht da schon Tageslicht?

Natürlich hat sich die Anpassung der Eisbären an ihren unwirtlichen Lebensraum auch auf die Fortpflanzung ausgewirkt. Die Paarung findet im Frühling statt, doch die befruchteten Eizellen bleiben zunächst im Ruhezustand. Erst Monate später, im Herbst, nisten sie sich im Uterus ein. Dann beginnt die Embryonalentwicklung. Die Eisbärmutter geht derweil auf die Suche nach einer sicheren Geburtsstätte für ihre Kleinen. Meistens liegt diese an Land, höchstens ein paar Kilometer von der Küste entfernt, am Rande einer leeseitigen Kante oder Erhebung im Gelände, wo sich Schneeverwehungen bilden.

Zwei Eisbären im arktischen Meereis, das schon bald wegen der steigenden Temeperaturen verschwunden sein könnte.
Foto: Alfred-Wegener-Institut/Mario Hoppmann

In eine solchen gräbt die Bärin eine Höhle mitsamt Geburtskammer. Tief im schützenden Schnee bringt sie, meist im Dezember, nach nur 60 Tage Tragezeit ein bis drei Junge zur Welt. Diese Winzlinge wiegen rund 500 Gramm und sind noch völlig unterentwickelt. Macht nichts: Mamas nahrhafte Muttermilch mit über 30 Prozent Fettgehalt ermöglicht den Bärenbabys ein rasantes Wachstum. Wenn draußen der Frühling anbricht und die Kleinen im März oder Anfang April zum ersten Mal ins Freie tapsen, bringen sie bereits zehn bis zwölf Kilo auf die Waage. Kurz danach geht’s aufs Eis, mit Mutter auf die Jagd.

Überlebenswichtige Fettreserven

Das Timing ist perfekt. Just während die Bärenfamilie ihre Höhle verlässt, startet bei den Robben die Wurfsaison. Ihr Nachwuchs ist für die Nanuqs leichte Beute. Futter satt also. Das gilt auch für alle anderen Eisbären. Frühling und Frühsommer sind für die Tiere besonders wichtig, betont Péter Molnár. In dieser Zeit des Überflusses müssen sie sich massig Speck anfressen – die überlebenswichtigen Reserven für den Rest des Jahres. Vermutlich liegt hier auch der Grund für die verzögerte Implantation, wie Molnárs UTSC-Kollege Rudy Boonstra erläutert. Ob sich die befruchteten Eizellen einnisten oder nicht, könnte vom Ernährungszustand des Muttertiers abhängig sein. Hat sie zu wenig Fett im Leib, kann sie sich physiologisch keine Schwangerschaft leisten. Schließlich nehmen trächtige Eisbärweibchen ab dem Moment, da sie sich eingraben, keine Nahrung mehr zu sich. Vier bis acht Monate lang. Und sie sollen nach der Geburt auch noch jede Menge Milch produzieren. Ein schier unvorstellbarer Kraftakt.

Eisbärwelpen fressen offenbar schon ziemlich früh feste Nahrung, berichtet Kristin Laidre. Vor allem an Robbenspeck sehe man die Kleinen gern naschen. Dennoch benötigen sie mindestens ein Jahr lang auch Muttermilch. Insgesamt bleiben die Jungtiere mehr als zwei Jahre lang in Mamas Obhut. Anschließend gehen wohl viele von ihnen auf Wanderschaft. Eine besenderte Eisbärin zog sogar von Nordalaska über Kanada nach Grönland und legte dabei knapp 5000 Kilometer zurück. Die meisten gehen nicht so weit und bleiben in einigen Hundert bis etwa 1000 Kilometer Entfernung von ihrem Geburtsort. Dementsprechend unterteilen Fachleute den weltweiten Eisbärbestand von geschätzten 20.000 Exemplaren in 19 Subpopulationen. Die schlechte Nachricht: Vier davon scheinen bereits deutlich unter dem Klimawandel zu leiden.

Eine Eisbärin und ihr Junges inspizieren Markierungen.
Foto: Alfred-Wegener-Institut / Esther Horvath

Seine Abhängigkeit vom Meereis droht Nanuq zum Verhängnis zu werden. Auch wenn Eisbären selbst hervorragend schwimmen können – gegen Robben haben sie im offenen Wasser keine Chance. In eisfreien Zeiten müssen die Petze deshalb fasten. An sich ist das kein größeres Problem, meint Péter Molnár. An der kanadischen Hudson Bay ziehen die Eisbären jeden Sommer an Land und harren dort monatelang aus. Dabei zehren sie von ihren Fettreserven – mit einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von etwa 900 Gramm pro Tag. Nahrungssuche auf dem Trockenen ist keine Alternative, erklärt Molnár.

Teufelskreis aus Eis und Fett

Landtiere oder die zahlreichen Fische in den Flüssen zu fangen würde mehr Energie kosten, als solche Kost einbrächte. Die Bären können somit nur auf die Rückkehr des Eises warten. Seit über drei Jahrzehnten indes friert das Meer immer später zu, und die Schmelze setzt im Frühling früher ein. Die Fastenperiode verlängert sich. "Eisbären sind absolute Hungerkünstler", sagt Molnár. Aber auch sie haben ihre Grenzen.

Zuerst trifft es den Fortpflanzungserfolg. Können die Bärinnen nicht genug Speck ansetzen, werden sie entweder nicht schwanger oder sie haben später zu wenig Milch für ihren Nachwuchs. Eine erhöhte Jungtiersterblichkeit ist die unvermeidliche Folge. An der Hudson Bay scheint diese schon einzutreten. Bei fortschreitender Erwärmung dürften auch ausgewachsene Eisbären zunehmend leiden, vor allem die Männchen. Sie sind schlanker, muskulöser, und ihre Körper verbrauchen mehr Energie. Die Weibchen schützt ihr effizienterer Stoffwechsel natürlich nicht auf Dauer. Ursus maritimus dräut ein Teufelskreis aus fehlendem Eis und mangelndem Fett. Einer vor wenigen Monaten erschienenen Studie zufolge könnten fast alle Eisbär-Teilpopulationen bis 2100 erloschen sein – falls der Klimawandel nicht ernsthaft gebremst wird (Nature Climate Change, Bd. 10, S. 732).

Loch im Sicherheitsnetz

Dies ist allerdings nicht das erste Mal, dass Nanuq einer globalen Erwärmung gegenübersteht. Während der sogenannten Interglazialen der letzten 500.000 Jahre stiegen weltweit mehrfach die Temperaturen und der Meeresspiegel – wenn auch nicht so rapide wie heute. Die Eem-Warmzeit begann ungefähr vor 126.000 Jahren, endete vor 115.000 Jahren und ließ auf der Arktisinsel Baffinland Birken wachsen. Wie haben die Eisbären das überstanden?

Ian Stirling, emeritierter Biologe der University of Alberta im kanadischen Edmonton, kennt die mögliche Antwort. Die Tiere haben sich wahrscheinlich als Aasfresser durchgeschlagen, meint er. Stirling und Laidre konnten im Svalbard-Archipel regelmäßig beobachten, wie mehrere Eisbären an Walkadavern herumnagten. Die riesigen Meeressäuger waren einst sehr häufig und haben Ursus maritimus womöglich über tausende Jahre hinweg ausreichend Notnahrung geboten. "Ich sehe keine andere Erklärung", sagt Stirling. In der bevorstehenden Krise werden sie die Bären jedoch kaum retten können, denn die Wale sind längst selbst selten geworden. Ein weiteres Loch im ökologischen Sicherheitsnetz. (Kurt de Swaaf, 20.12.2020)