Wie man im Gehen Winterschlaf hält

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Rentiere (Rangifer tarandus) – oder Karibus, wie sie in Nordamerika heißen – gehören zu den Hirschen und leben in polaren und subpolaren Gebieten. Gegen die dort herrschende Kälte sind sie in mehrfacher Hinsicht gut gerüstet: Zum einen haben sie ein extrem dickes Winterfell, das ungefähr dreimal so viel Haare aufweist wie das anderer Hirsche, und zusätzlich eine dichte Wollschicht darunter. Zum anderen haben sie eine Art Wärmetauscher in den Beinen: Dabei wird warmes Blut, das vom Körperinneren in die Beine strömt, durch kaltes Blut abgekühlt, das aus den Extremitäten zurückfließt. Der Wärmeverlust über die Haut wird so massiv verringert.

Außerdem entziehen sie ihrer Atemluft in den stark gewundenen Nasenschleimhäuten so viel Wärme wie möglich: Die ausgeatmete Luft hat nur rund 15 Grad Celsius. Zusätzlich reduzieren sie ihre Ruhe-Stoffwechsel-Rate auf rund ein Drittel des Sommerniveaus. Ihr Herz, das im Sommer rund 100-mal pro Minute schlägt, tut das im Winter nur 35- bis 40-mal, sodass man von einem "Winterschlaf im Gehen" sprechen kann.

Eisbrechen zum Luftschnappen

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Grönlandwale (Balaena mysticetus) findet man nur in den arktischen Gewässern der nördlichen Hemisphäre. Sie verbringen den größten Teil ihres Lebens nahe der Packeiskante. Im Unterschied zu vielen anderen Walarten, die im Winter in wärmere Gewässer wandern, bleiben sie das ganze Jahr über in der Arktis.

Der Grönlandwal wird bis zu 18 Meter lang und wiegt 75 bis 100 Tonnen. An die Kälte in seinem Lebensraum ist er hervorragend angepasst: Mit bis zu 50 Zentimetern ist seine isolierende Fettschicht, auch Blubber genannt, die dickste unter allen Walen. Außerdem befähigt ihn ein komplexer Blutkreislauf dazu, Wärme zu sparen. Wenn er beim Schwimmen unterm Eis zum Luftholen auftauchen muss, kann er 20 bis 30 Zentimeter dicke Eisschichten durchbrechen.

Grönlandwale gehören zu den Bartenwalen, sie ernähren sich von Kleintieren, die sie durch Hornplatten am Oberkiefer aus dem Wasser filtern. Die Tiere wachsen sehr langsam: Erst mit 40 bis 50 Jahren erreichen sie ihre endgültige Länge. Dafür haben sie eine hohe Lebenserwartung – es wird angenommen, dass sie mehr als 200 Jahre alt werden können.

Mit Schneeschuhen durch die Tundra

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Der Polarfuchs (Vulpes lagopus) lebt in den baumlosen Tundren der arktischen Regionen von Europa, Sibirien, Nordamerika, Grönland und Island. Sein wissenschaftlicher Artname "lagopus" bedeutet "hasenfüßig", weil er – wie der Schneehase – stark behaarte Pfoten hat, die wie Schneeschuhe wirken: Durch die hohe Auflagefläche sinkt er in tiefem Schnee nicht so weit ein.

Wo es Lemminge gibt, stellen diese die Hauptnahrung der Polarfüchse dar; wo nicht, fressen sie, was sie bekommen können: von Beeren über Fische, Vögel und deren Eier bis zu Aas. Manche Individuen haben sich auf die Reste von Robben spezialisiert, die Eisbären hinterlassen.

Polarfüchse sind monogam. Sie legen komplexe Baue an, die oft über viele Generationen genutzt werden und in denen das Weibchen gewöhnlich fünf bis sechs Junge zur Welt bringt. Wie genetische Studien gezeigt haben, bleiben Wurfgeschwister in ihrem ersten Winter oft im selben Gebiet. Das muss aber nicht so sein: 2018 wanderte ein besendertes junges Weibchen innerhalb von 76 Tagen von Spitzbergen bis nach Kanada und legte dabei 3500 Kilometer zurück.

Sommerfrische im Meer vor Grönland

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Die strahlend weiße Elfenbeinmöwe (Pagophila eburnea) ist eine Bewohnerin der Hocharktis, die das ganze Jahr über in Gewässern voller Treibeis zu finden ist. Dort fischt sie nach kleinen Fischen und Kleinkrebsen, folgt aber auch häufig Schiffen, deren organische Abfälle sie frisst. An Land nimmt sie gerne die Reste von Eisbärenmahlzeiten, aber auch die Placenta von Robben auf; ebenso trifft man sie häufig auf Mülldeponien.

Die Brutzeit verbringen Elfenbeinmöwen in Kolonien von zehn bis 150 Paaren im arktischen Kanada, Grönland, Spitzbergen, Franz-Joseph-Land und der russischen Insel Sewernaja Semlja. Im Unterschied zu den meisten anderen Möwenarten, die drei Eier legen, legt die Elfenbeinmöwe nur ein bis zwei. Ihr Nest baut sie dabei entweder auf schmalen Felssimsen oder in einer Mulde in kiesigem Grund. Letztere Neststandorte fallen oft dem Polarfuchs zum Opfer.

Zum Überwintern fliegen die Elfenbeinmöwen zwar nach Süden, aber nicht allzu weit: Entlang des Eises wandern sie in das Meer zwischen Kanada und Grönland.

Der Großteil des Lebens unterm Schnee

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Die Schneemaus (Chionomys nivalis) bewohnt Gebirge bis in 4700 m Höhe. Sie hält keinen Winterschlaf, verbringt aber rund drei Viertel des Jahres unterm Schnee. Das tut sie in einem Nestsystem, bei dem von ihr selbst gegrabene Gänge als Verbindungen zwischen natürlichen Strukturen wie Höhlungen oder Felsblöcken dienen. Innerhalb des Nestes erzeugt sie mit ihrer Körperwärme eine Temperatur von rund 26 Grad. Abgesehen von einer niedrigen Stoffwechselrate ist sie imstande, ihre Körpertemperatur bis zu einem gewissen Grad der Umgebungstemperatur anzupassen und so Energie zu sparen: Bei 20 bis zehn Grad in der Umgebung bleibt ihr Körper auf rund 38 Grad, wird es aber kälter, kann sie ihn bis zu –5 Grad Außentemperatur auf knappe 33 Grad abkühlen.

Außerhalb der Fortpflanzungszeit leben Schneemäuse in Gruppen von bis zu 20 Tieren zusammen. Die Weibchen bringen ein- bis zweimal pro Saison ein bis vier Junge zur Welt und sind unmittelbar nach der Geburt wieder paarungsbereit. Schneemäuse sind reine Vegetarier, die auch im Winter unter dem Schnee nach grünen Pflanzenteilen suchen.

Stabiler Tritt im 70-Grad-Gefälle

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Der Alpensteinbock (Capra ibex) lebt auf Hochgebirgsweiden und schroffen Klippen in den Alpen. Er bevorzugt Höhen zwischen 2000 und 3500 Metern, wobei ihn sein dickes Fell vor der Kälte schützt. Seine tief gespaltenen Hufe mit ihren weichen Zehenballen und harten Rändern geben ihm auch in einem Gelände mit bis zu 70 Grad Gefälle Halt und befähigen ihn so zu gewagtesten Klettereien. Im Sommer ernährt er sich von frischem Gras, das er in den anderen Jahreszeiten mit Sträuchern, Sprossen, Flechten und Nadeln ergänzt.

Im Winter hält er sich gerne in schneearmen Südhängen auf, wo er leichter Nahrung findet und er außerdem vor Lawinen sicher ist. Im Sommer wird es ihm leicht zu warm; dann zieht er sich in Gletscherregionen zurück.

Durch intensive Bejagung gab es zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Alpen nur noch 50 bis 100 Steinböcke, die alle in den Tälern rund um den Gran Paradiso in Italien lebten. König Viktor Emanuel II. stellte sie unter Schutz, und dieser Bestand war die Basis aller folgenden Wiedereinbürgerungsprojekte. Das bedeutet, dass alle heute lebenden Alpensteinböcke miteinander verwandt sind.

Kuscheln gegen die Kälte

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Das Alpenmurmeltier (Marmota marmota) kommt ursprünglich nur in den Alpen und Karpaten vor; in einigen anderen europäischen Gebirgen wurde es aber eingebürgert. Als typischer Bewohner kalter Steppen bevorzugt es Lebensräume, die 400 bis 500 m über der Waldgrenze liegen, besiedelt jedoch auch Almflächen in tieferen Lagen. In jedem Fall brauchen die Tiere tiefgründige Böden, in die sie ihre Baue graben können.

Murmeltier-Paare und mehrere Generationen ihrer Nachkommen überwintern gemeinsam in einem Bau und halten sich dabei gegenseitig warm. Während dieser Zeit sinkt ihre Körpertemperatur auf zwei bis drei Grad, die Atemfrequenz auf durchschnittlich einmal pro Minute, der Herzschlag auf durchschnittlich fünfmal pro Minute und die Hirntätigkeit kommt fast zum Erliegen. Wie bei allen echten Winterschläfern werden diese sogenannten Torpor-Phasen jedoch immer wieder von kurzen Episoden unterbrochen, in denen die Tiere sich wieder auf ihre normale Körpertemperatur aufwärmen.

Im Sommer wird es dem Alpenmurmeltier leicht zu heiß. Dann zieht es sich ebenfalls in seinen – dann kühlen – Bau zurück.

In Schneetunneln zum vegetarischen Buffet

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Das Alpenschneehuhn (Lagopus muta) kommt sowohl in der Arktis vor als auch im Hochgebirge über der Baumgrenze. Schneehühner sind die einzigen Vögel, die – wie einige Säugetiere– im Winter weiß werden; allerdings mausern sie drei- bis viermal im Jahr, sodass sie die meiste Zeit fleckig sind. Das Sommerkleid der Alpenschneehühner ist graubraun mit weißen Flügeln.

Die Vögel besiedeln das ganze Jahr über steinige Hänge mit spärlicher Vegetation. Die Erwachsenen ernähren sich fast ausschließlich vegetarisch, wobei sie bei Bedarf auch tiefe Gänge in den Schnee treiben, um an Pflanzen zu gelangen. Auch zum Schutz vor Kälte graben sie sich oft tiefe Schneehöhlen. Ihre befiederten Zehen sorgen dafür, dass sie beim Gehen auf der Schneedecke nicht einsinken.

Während Alpenschneehühner mit Kälte gut zurechtkommen, setzt ihnen Wärme rasch zu: Bereits ab Lufttemperaturen von 15 Grad müssen sie schattige Stellen aufsuchen, um nicht zu überhitzen. Die fortschreitende Erderwärmung stellt eine entsprechende Gefahr für die Art dar.

Eckzähne als winterfeste Eispickel

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Robben sind neben Walen die einzigen Säugetiere in der Antarktis, wobei die Weddellrobbe (Leptonychotes weddellii) eine der häufigsten Arten ist. Sie wird etwa drei Meter lang und zwischen 400 und 600 Kilogramm schwer. Die Tiere leben das ganze Jahr über in der Antarktis, wobei sie die meiste Zeit im Wasser verbringen, häufig unter festem Eis. Im Sommer ist die Eisschicht von Rissen durchsetzt, sodass das Auftauchen kein Problem ist. Im Winter nagen die Robben mit den Eckzähnen Löcher ins Eis.

Weddellrobben ernähren sich von Fischen, Tintenfischen und Krebsen. Um zu diesen zu gelangen, können sie bis zu 600 Meter tief tauchen. Eine dicke Fettschicht schützt sie vor der Kälte. Um sich aufzuwärmen, liegen sie oft im rechten Winkel zur Sonne auf dem Eis.

Die Weibchen bringen ihr einzelnes Junge auf dem Eis zur Welt. Ihre Muttermilch ist extrem fett: Bei der Geburt wiegen die Jungtiere 30 Kilo, nach sechs Wochen schon 110 bis 140 Kilo. (Susanne Strnadl, 27.12.2020)