Ein Gutschein ist eine gute Gabe. Nie war er so wertvoll wie heute. Wo Jung und Alt die Corona-bedingte Stille im sonst hektischen Vorweihnachtsrummel so gar nicht als himmlische Ruh’ genießen können. Und sich vor dem besinnlichen Abend zu Hause auf eine bislang schnöde diskreditierte Geschenkvariante besinnen.

Es gilt, sich beim blutdruckerhöhenden Gerenne in den Warenhäusern an die Weihnachtsgeschichte in der Bibel zu erinnern. Waren doch die Mitbringsel der Heiligen Drei Könige für den in der Heukrippe liegenden Heiland nichts anderes als Gutscheine für die Güte seines Daseins. Was sollte das gerade geborene Baby sonst mit Weihrauch, Myrrhe und Gold anfangen?

Für Händler sind die Schnipsel unterm Weihnachtsbaum ein lukratives Geschäft.
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Natürlich lehnen seelengesteuerte Romantiker in ihrer Nostalgiebefangenheit die schnöden Schnipsel als indiskutabel ab. Vom festlichen Gefühl getragen überreichen sie mit herzlicher Geste ein schön verpacktes Geschenk samt handgeschriebener Karte. Und erfreuen sich an Kinderchen, die mit geröteten Bäckchen das rote Schleifchen entknoten, um im Riesenpaket etwas Riesiges zu vermuten. Was gäbe es Herzerwärmenderes unter der kugelbehangenen Tanne?

Nummer eins unterm Christbaum

Was würde allerdings, ohne schnippisch sein zu wollen, besser in unsere schnelle Zeit passen, als ein auf die Schnelle gemachtes Geschenk. Ohnehin möchte niemand mehr Socken, Schönheitscreme oder Schlittschuhe auswickeln und mit geheuchelter Freude der erwartungsvollen Familiengemeinde um den Hals fallen. Das wusste schon Kurt Tucholsky. Der Dichter schrieb bereits 1913, das Christkind sei bereit, "Schlips, Puppe und das Lexikohn" zu tauschen.

Stand-up-Paddling an den Niagarafällen, ein Kurs im Schmieden von Damaszenerstahlmessern oder ein Meet-and-Greet mit Ava Max sind zwar sicherlich in virusfreieren Zeiten wieder möglich, aber lassen sich schlecht verpacken.

Psychologen monieren, einfach einen Gutschein zu überreichen sei wenig beglückend, vor allem für die, die verschenken. Denn sie würden nicht mitbekommen, wenn der Gutschein vom Beschenkten im Alleingang eingelöst wird und könnten so dessen Freude nur "hypothetisch" erleben. Da bietet es sich geradezu an, beim Paddeln am Wasserfall zu zweit zu sein, also einen Doppelgutschein unter den Baum zu legen.

Wobei bei einem gemeinsamen Treffen von Mutter und Tochter mit einem Popstar Mutti sicherlich höchstens den Fahrdienst übernehmen und dann draußen vor der Tür warten dürfte. In Österreich sind Gutscheine nach Umfragen die Nummer eins unterm Christbaum. Bei 34 Prozent stehen sie ganz oben auf dem Wunschzettel, gar 43 Prozent aller Menschen zwischen Bodensee und Neusiedler See verschenken sie am liebsten.

Unterschiedliche Erlebniswelten

Der Hype der Gutscheingeschenke treibt vor allem Großeltern die Sorgenfalten auf die Stirn. Wie gerne würden sie den Enkeln etwas mitgeben von ihrer Lebenserfahrung und den guten alten handgemachten Dingen. Wer aber freut sich noch über Opas Fellweste aus Wanderzeiten oder Omas ersten Nähkasten? Die Experten der Unternehmensberatung Ernst & Young analysieren, dass "sich die Erlebniswelten und Interessen von Älteren und Jüngeren zunehmend auseinanderentwickeln". Opas Geschenkvorstellungen habe mit denen des Enkels kaum noch etwas gemein, so das Fazit.

Dabei hat das papierne Geschenk unter dem Weihnachtsbaum doppelten Wert. Gerade in der Corona-Pandemie lässt sich mit Gutscheinen Gutes tun. Für Restaurants und Beisln. In den Augen der Gastronomen würden Freudentränen stehen, nicht erst, wenn der Service wieder zu Platz bittet. Zahlreiche Wiener Lokale bieten an, sich mit einem Gutschein schon jetzt auf eine prima Mahlzeit zu freuen. Auf Fenchel mit Bergamotte im Steirereck, auf den legendären Tafelspitz im Plachutta oder auf Gebirgssaibling im Schick. Ohnehin profitiert der Handel oftmals von den Gutscheinen.

Ausgebuffte Businessagenturen raten Laden- und Geschäftsinhabern dringend, sich für hauseigene Gutscheine zu entscheiden. Es gebe in der Vorweihnachtszeit kaum besseres Marketing, und sie seien ein "willkommener Impuls für Geschenk suchende Kunden", so der Rat. So ein fein designtes Papierchen sorge für "zusätzlichen vorverkauften Umsatz", und beim Einlösen übersteige der Gutscheinbetrag "in der Regel den Warenwert". Wer 50 Euro vorlege, kaufe dann gerne mal für 75 Euro ein. Die Auswüchse der geschäftlichen Gutscheinmanie befasste sogar das deutsche Bundesverfassungsgericht, das urteilte, es sei zulässig, wenn ein Zahnarzt einen Gutschein für ein erhellendes Bleaching, von ihm genannt "Smile to go", anbietet.

Für Händler sind die Schnipsel unterm Weihnachtsbaum ohnehin ein lukratives Geschäft. Etwa die Hälfte verfällt, weil der Beschenkte zu faul ist, sie einzulösen. Und die sorgsam beschriebenen Papiere mit dem geldwerten Vorteil im Schreibtisch oder der Sofaritze langsam in Vergessenheit geraten. Nach Umfragen in Österreich bleiben bei Beträgen unter 100 Euro bis zu 55 Prozent beim Händler oder Verkäufer. Wenn der Wert über 100 Euro liegt, sind es immerhin noch oftmals 30 Prozent. Nicht nur für die Kaufleute eine Bescherung nach der Bescherung. Ein leicht verdientes Körberlgeld ohne viel eigenes Zutun.

Leichte Fracht

Auch der Weihnachtsmann ließe seine Rute vor Dankbarkeit gleich daheim. Statistisch gesehen und wissenschaftlich berechnet bleiben dem armen alten Mann bei seiner weltweiten Bescherung mit dem Schlitten quer durch die Lüfte zwei tausendstel Sekunden für jeden Kamin. Wobei er immerhin noch den roten Rucksack vom Gefährt wuchten, auf den Rücken werfen und dann erst in den Schornstein steigen kann.

Nur mit Zetteln auf dem Rücken würde er sich wesentlich leichter tun. Müsste aber darauf hoffen, dass all die Gabenschnipsel nach bestem Wissen und Gewissen eingelöst werden. Und vielleicht in einer Art Gebrauchsanleitung ausdrücklich davor warnen, der Versuchung zu erliegen, flugs mehr aus dem Gutschein machen zu wollen. So wie es der russische Dichter Lew Tolstoi einst in Der gefälschte Kupon beschrieb.

Darin bekommt der 15-jährige Mitja von seinem Vater als zusätzliches Taschengeld einen handgeschriebenen Gutschein über zweieinhalb Rubel überreicht. Sein Kumpel Machin macht mit einem einzigen Strich daraus zwölf Rubel und 50 Kopeken. Die Scheinheiligkeit des Guthabens ist der Kraft und der Herrlichkeit eines Gutscheines auf Erden dann nicht würdig. (Caroline Wesner & Oliver Zelt, 21.12.2020)