Anita Hill, Vorsitzende der Hollywood Commission, fordert die Unterhaltungsindustrie in Hollywood auf, sich zu "Respekt, Menschenwürde und Inklusion" zu bekennen.

Foto: Andy Kropa/Invision/AP

Zumindest in Hollywood halten sich die Folgen des #MeToo-Skandals vor drei Jahren in Grenzen: Laut einer Umfrage sind rund 67 Prozent der im US-Unterhaltungsbusiness tätigen Frauen nach wie vor sexueller Belästigung ausgesetzt.

Die Umfrage der Hollywood-Kommission, die wegen #MeToo eingesetzt wurde, fragte auch nach Rassismus. Weniger als die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer glaubt demnach, dass Hollywood unterschiedliche Hintergründe und Sichtweisen schätzt. Im Kampf gegen sexuellen Missbrauch in der US-Unterhaltungsindustrie haben Filmstudios und Fernsehsender 2017 unterstützt von Hollywood-Größen eine Kommission gegründet. Ihre Aufgabe besteht darin, mit der Kultur der Übergriffe und des Machtmissbrauchs fertigzuwerden.

Größte Umfrage, rund 10.000 Personen antworteten

Die Onlineumfrage, die im November 2019 gestartet wurde, gilt als die bisher größte in der Branche und umfasste Mitarbeiter der Bereiche Fernsehen und Film, Werbung, Live-Theater, Musik, Rundfunknachrichten, Talentagenturen, Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmen. Fast 10.000 Personen antworteten.

Demnach gaben rund 67 Prozent der Frauen an, in den letzten zwölf Monaten sexuelle Belästigung erlebt zu haben, wobei 42 Prozent der Frauen von unerwünschter sexueller Aufmerksamkeit berichteten. Eine Person, die anonym teilnahm, erzählte der Kommission, dass als sie als Assistentin arbeitete, der Chef des Unternehmens Aufträge erteilte, "mit anderen mächtigen Leuten in der Branche zu flirten, um zu versuchen, meinen Chefs mehr Meetings zu verschaffen".

Täter eher nicht zur Rechenschaft gezogen

Nur 35 Prozent der Befragten hielten es für wahrscheinlich, dass ein vorgesetzter Belästiger für seine Handlung zur Rechenschaft gezogen wird. Nur sieben Prozent hielten das laut der Umfrage für "sehr wahrscheinlich".

39 Prozent der Befragten stimmten zu, dass Hollywood "Würde, Sichtweisen und Erfahrungen jeder Person anerkennt und respektiert".

Nur knapp die Hälfte der Befragten glaubt weiters, dass die US-Unterhaltungsbranche "Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, Erfahrungen und Perspektiven oft oder sehr oft willkommen heißt und wertschätzt".

Vorurteile, Mobbing, sexuelle Belästigung

Trotz des Bewusstseins für inakzeptable Verhaltensweisen am Arbeitsplatz berichteten Arbeitnehmer über ein hohes Ausmaß an Vorurteilen, Mobbing und sexueller Belästigung. Nur wenige meldeten diese Verhaltensweisen ihrem Arbeitgeber. Viele erlebten Vergeltungsmaßnahmen, so das Fazit der Hollywood-Umfrage.

Hollywood habe durch die #MeToo-Bewegung zwar Fortschritte gemacht, was die "bedeutenden Kulturprobleme von Belästigung und Diskriminierung" betreffe, merkt Anita Hill, die Vorsitzende der Kommission, an. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences hat etwa neue Präsentations- und Inklusionsstandards für die Oscars eingeführt, Netflix habe versprochen, 100 Millionen Dollar in Finanzinstitute in schwarzem Besitz einzuzahlen, die Künstleragentur Endeavor hat zusammen mit Michael B. Jordan und Color of Change Maßnahmen in Richtung Inklusion gesetzt.

Es gibt viel zu tun

Aber: "Es gibt noch viel mehr zu tun, um Vielfalt und Inklusion im Wertesystem der Branche zu verankern und die Kluft zwischen den Absichten der Führung und der alltäglichen Erfahrung der Arbeiter in Hollywood zu überbrücken", schreibt Hill in dem Bericht.

Die Professorin an der Brandeis University warnt ausdrücklich davor, während der Corona-Pandemie in den Bemühungen gegen Rassismus und sexuelle Belästigung nachzulassen. "Der gleiche Wille, die gleiche Entschlossenheit, der gleiche Anspruch und die gleiche Kreativität, die bald einen sicheren, wirksamen Covid-Impfstoff liefern werden, können helfen, die parallelen Plagen von Rassismus und Sexismus auszurotten. Hollywood wurde durch Innovation geboren. Es kann auch durch sie wieder aufgebaut werden", sagt Hill.

Die Unterhaltungsindustrie in Hollywood solle sich zu "Respekt, Menschenwürde und Inklusion" verpflichten und Maßnahmen ergreifen, um Täter zur Verantwortung zu ziehen, empfiehlt die Kommission und drängt auf eine generelle Systemerneuerung: Die meisten Befragten berichten, dass sie mehr Ressourcen und Möglichkeiten bräuchten, um schweres Fehlverhalten zu melden, auch an die Personalabteilungen.

Vielfalt sei geschäftlich sinnvoll, schreibt Hill in dem Bericht: "Die Unterhaltungsindustrie hat allen Grund, es besser zu machen. Der Business-Case für Vielfalt und Integration ist wohlbekannt: Vielfältige Unternehmen verdienen durchweg mehr als nichtdiverse Unternehmen. Vielfältige und integrative Unternehmen sind auch innovativer und agiler und überstehen Krisen besser. Es überrascht nicht, dass es in integrativen Kulturen seltener zu sexueller Belästigung kommt." (red, 16.12.2020)