Letzten Endes war das ganze Projekt vielleicht sogar zu provokativ, sagte Orkan Telhan kürzlich der "New York Times". Wer, wenn nicht die Kunst muss aber gerade diese provokanten fragen stellen dürfen? Gemeinsam mit anderen Künstlern und Biomedizinern züchtete der außerordentliche Uni-Professor Telhan mehrere Ministeaks aus menschlichen Zellen heran und zeigte diese buchstäblich auf dem Präsentierteller in mehreren Museen in den USA – mit Messer und Gabel zur Deko. Erst als die Ausstellung gemeinsam mit genmanipuliertem Lachs oder Pancakes aus dem 3D-Drucker in einem Londoner Designmuseum gastierte, löste das Projekt jedoch heftige Debatten aus.

Darum geht's.
National Post

Während über Telhan und seinen Kolleginnen ein veritabler Shitstorm wütete, entspann sich in sozialen Medien eine Kannibalismusdebatte. Eigentlich als allgemeine Kritik an der fleischproduzierenden Industrie gedacht, wurde plötzlich die Frage diskutiert, ob künstlich herangezüchtetes menschliches Fleisch nicht sogar das einzig ethisch vertretbare sein könnte? Schließlich könne der Mensch im Gegensatz zu Kühen, Schweinen oder Hühnern als Einziger die Zustimmung zur Reproduktion seiner Zellen geben.

Schlachtfrei?

Tatsächlich wird gezüchtetes Fleisch oder Laborfleisch immer wieder als die schlachtfreie und deshalb humanere Art der Fleischerzeugung angesehen. Dennoch sorgt vor allem die Entnahme des fötalen Kälberserums, das während der Schlachtung trächtiger Kühe gewonnen wird, immer wieder für heftige Kritik von Tierschützern. Das wachstumsfördernde Serum galt lange als unverzichtbar in der Laborfleisch-Herstellung. Derzeit wird versucht, dieses durch pflanzliche Substanzen zu ersetzen.

Der erste In-vitro-Burger aus Rinderzellen wurde 2013 in den Niederlanden präsentiert und kostete schlappe 250.000 Euro in der Herstellung. Mehrere Start-ups versuchen seither diesen Preis in den einstelligen Dollarbereich zu drücken. In Singapur wurde Anfang Dezember gar die erste Zulassung für in einem Bioreaktor herangezüchtetes Hühnerfleisch in Form von Chicken Nuggets erteilt. Es soll demnächst auf den Markt kommen.

Würden Sie zu diesen Nuggets greifen?
Foto: Eat Just, Inc./Handout via REUTERS

Wenngleich diese Art der Fleischerzeugung viele Vorteile in Sachen Klimawandel – weniger Methanausstoß, weniger Agrarflächen, Einsparung von Ressourcen – bringt, sind manche Menschen äußerst skeptisch bezüglich der moralisch-ethischen Fragen, die diese Technik aufwirft. Genau diese Fragen wollte das Künstlerkollektiv zumindest einmal in den Raum stellen. Dass sich daraus eine hochpolitische Diskussion über das Tabuthema Menschenfleischkonsum ergeben würde, damit rechneten die Projektverantwortlichen nicht.

Verlockende Angebote

Benannt wurde das Ouroboros-Steak übrigens nach dem antiken Symbol einer Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Erste Indizien sprechen aber dafür, dass es dafür zumindest einen potenziellen Markt in der Multimillionen-Dollar-Industrie Laborfleisch gäbe. So bekam das Künstlerkollektiv neben zahlreichen Beschimpfungen auch viele Anfragen zum Kauf von Sets, mit denen man sein eigenes menschliches Fleisch züchten könnte. Aktuell stehen die menschlichen Muskeln aber ebenso wenig zum Verkauf, wie die Forscher für einen Beitritt zu Start-up-Accelerators bereitstehen. Auch derlei Anfragen soll es zuhauf gegeben haben. (faso, 16.12.2020)