Selbst während des Lockdowns waren die Kindergärten meist voll – als wäre Normalbetrieb.

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"Dass die Rahmenbedingungen schlecht sind, ist ja nichts Neues, aber seit Corona ist unser Alltag nur noch ein Wahnsinn", sagt Margit A. (Name auf Wunsch geändert), Kindergärtnerin in einer städtischen Einrichtung in Wien. Sie und ihre Kolleginnen hätten nicht nur Angst davor, sich zu infizieren, sondern mittlerweile auch davor, in einem Burnout zu landen. Immer wieder komme es durch Corona im Kindergarten zu Personalengpässen: "Uns fehlen hinten und vorne die Leute, die Kinder können nicht mehr richtig betreut werden." Zusätzlich würden strenge Hygienemaßnahmen einen irrsinnigen Mehraufwand für das Personal bedeuten. "Wir müssen viel mehr putzen und desinfizieren als sonst, die Spielsachen regelmäßig reinigen, den Kindern die Hände waschen, schauen, dass nicht alle auf einem Haufen picken", sagt sie. Die Elementarpädagogin betreut häufig über 20 Kinder ganz alleine. Was dazu führt, dass sie einzelne oder mehrere Kinder in der Familiengruppe (zwei bis sechs Jahre) permanent vernachlässigen muss. Entweder die Kleinen, die viel mehr Zuwendung brauchen, oder die Vorschulkinder, die gefördert werden müssen. "Ich kann mich ja nicht zerreißen", sagt sie.

Eltern ebenfalls besorgt

Über die Zustände in den Kindergärten ärgern sich nicht nur die Pädagogen und Pädagoginnen. Auch die Eltern merken, dass ihre Kinder nicht mehr die nötige Begleitung im Kindergarten erhalten. "Wir dürfen die Kinder wegen Corona nicht mehr in die Garderobe begleiten und umziehen, sondern müssen sie vor der Tür abgeben", sagt eine Mutter. Das anwesende Personal hätte oft aber gar nicht die Zeit, die Kinder in Empfang zu nehmen, was schließlich dazu führt, dass selbst Zweijährige alleine im Vorraum stehen. "Diese Regelung zeigt, welcher Irrsinn hier abläuft", sagt Pädagogin Margit A. "Wenn ich alleine bin, muss ich mich also entscheiden, ob ich das Kind in der Garderobe empfange und ihm beim Umziehen helfe oder ob ich die restlichen Kinder alleine im Raum zurücklasse." Sie kann die Sorge der Eltern gut nachvollziehen. "Die Eltern haben kein Vertrauen mehr in die Betreuung, weil sie sehen, wie gestresst das Personal im Kindergarten ist."

Wirft man einen Blick in die Bundesländer, scheint die Situation nicht besser. Sogar in privaten Einrichtungen ist der Spagat zwischen Personalmangel und einem liebevoll gestalteten Alltag kaum zu bewältigen. "Wir Kindergärtnerinnen halten viel aus, aber unsere Grenzen sind längst erreicht", sagt Sandra S. (Name auf Wunsch geändert) aus Niederösterreich. Es wundere sie nicht, dass so viele Elementarpädagogen und Elementarpädagoginnen den Job wechseln wollten. Sie selbst arbeitet seit zwölf Jahren in einer privaten Einrichtung, liebt ihren Job, doch Corona habe alles verändert: "Ich habe seit Oktober meine Burnout-Diagnose, arbeite aber in Absprache mit den Ärzten weiter, weil ich meine Kids nicht im Stich lassen will." Auch die Leiterin zeigt viel Engagement, um ein wenig "Normalität" aufrechtzuerhalten. Sie hat ihre privaten Sparbücher aufgelöst, um ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Weihnachtsgeld auszahlen zu können, denn private Kindergärten erhalten auch in der Krise keine zusätzlichen Förderungen. "Wir wissen nicht, wie lange es unseren Kindergarten noch gibt. Wenn das Personal fehlt, können wir zusperren", sagt sie. "Die Kinder brauchen dann aber dennoch Betreuung, die Eltern müssen ja auch arbeiten."

Krank in den Kindergarten

Mittlerweile sei sogar die Stimmung zwischen Pädagogen und Pädagoginnen und den Eltern in der privaten Einrichtung schwierig: "Sobald die Eltern die Kinder nicht mehr bringen sollen, wollen die Eltern eine Rückerstattung ihres einbezahlten Beitrags", sagt Sandra S. Dieser sei aber für die Fortzahlung der Gehälter essenziell. Fazit: "Während des Lockdowns waren beinahe alle Kinder anwesend – als wäre Normalbetrieb." Dies sei auch die Schuld der Regierung, die Maßnahmen für Kindergärten oft "schwammig" formuliert. Wie die Pädagogin aus Niederösterreich erzählt, bringen viele Eltern ihre Kinder nach wie vor mit Husten und Schnupfen. "Bei manchen wurden die Symptome eindeutig mit fiebersenkenden Medikamenten runtergedrückt, und im Laufe des Vormittags werden die Kinder bei uns richtig krank", sagt sie. "Wenn wir die Eltern bitten, ihr Kind abzuholen, kann man diskutieren. Kein Wunder, die Eltern sind ja auch am schon am Limit."

Das Größte sei dabei: "Das Personal im Kindergarten ist kranken Kindern regelrecht ausgeliefert." Schutz gibt es für die Mitarbeiter keinen. Mund-Nasen-Schutz sollen sie keinen tragen, der Mindestabstand von 1,5 Metern kann bei Kleinkindern auch nicht eingehalten werden. "Wir kuscheln und trösten die Kinder, werden demnach auch mal angehustet oder angeniest", sagt Margit A. aus dem städtischen Kindergarten in Wien. Doch der eigentliche Skandal sei die neue Bestimmung, dass Kindergärtner und Kindergärtnerinnen bei einem Covid-19-Fall nicht mehr als K1 eingestuft werden. "Wir werden einfach wie der letzte Dreck behandelt."

Gewerkschaft fordert mehr Schutz und Personal

Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) kämpft schon lange für bessere Arbeitsbedingungen von Elementarpädagogen und Elementarpädagoginnen. Gemeinsam mit Vertretern der Gewerkschaften GPA, Younion und Vida fordert er, dass in der Corona-Krise alle Beschäftigten freiwillig und kostenlos getestet werden dürfen und bessere Schutzmaßnahmen getroffen werden. "Eltern und auch die Beschäftigten in der Kinderbetreuung brauchen gerade jetzt dringend mehr Planungssicherheit und verlässliche Lösungen", sagt die ÖGB-Vizepräsidentin und -Frauenvorsitzende Korinna Schumann.

"Seit Jahren zeigen wir immer wieder den Fachpersonalmangel und die zu hohe Kinderanzahl in den einzelnen Gruppen auf", sagt auch Karin Samer von der Gewerkschaft GPA, selbst Betriebsrätin der Wiener Kinderfreunde. Durch Covid-19 seien diese unzumutbaren Rahmenbedingungen noch deutlich sichtbarer geworden. "Die Situation hat sich nochmals verschärft, und die MitarbeiterInnen in den elementarpädagogischen Einrichtungen sind am Limit." Die Zusage der Politik, zusätzliches Personal zu finanzieren, sei jetzt zwingend notwendig, um Pädagogen und Pädagoginnen in Kindergärten zu entlasten und die Personalsituation zu entschärfen.

Die Gewerkschaft Younion hat knapp vor dem zweiten Lockdown eine Onlineumfrage unter dem Kindergartenpersonal durchgeführt – mehr als 2.600 Personen haben mitgemacht. Ein Viertel davon hat angegeben, dass bereits ein Corona-Fall an ihrem Standort aufgetreten sei. Die Umfrage ergab auch: Nur rund die Hälfte des Personals hat überhaupt die Möglichkeit, sich testen zu lassen, und 15 Prozent klagen noch immer über zu wenig Desinfektionsmittel bzw. Masken. "So darf man mit Menschen nicht umgehen. Gerade das Kindergarten- und Hortpersonal leistet einen so wertvollen Beitrag für die ganze Gesellschaft", sagt Judith Hintermeier, Bundesfrauenreferentin der Younion.

Eines steht jedenfalls fest: Wie es den Kindergärten und den Elementarpädagogen und Elementarpädagoginnen in der Krise geht, spielt in der gesamten Diskussion meist nur eine untergeordnete Rolle. "Das beste Bespiel dafür, dass uns keiner wertschätzt", sagt die Wiener Kindergärtnerin, "war die Ankündigung der Verlängerung der Weihnachtsferien bis 11. Jänner, die abermals nur für Schulen gilt." (Nadja Kupsa, 18.12.2020)