Kampf gegen Drogen, Hippies, Vietnamkrieg-Kritiker und die Black Panther Party: Elvis Presley mit Landesvater Richard Nixon, Washington, D.C., 21. Dezember 1971.

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Am Morgen des 21. Dezember 1970 sprach Elvis Aaron Presley im Weißen Haus in Washington vor. Er übergab den überraschten Sicherheitsbeamten einen sechsseitigen handgeschriebenen Brief an Richard Nixon. Darin erklärte er, der Präsident solle ihn als Sonderermittler des FBI angeloben, er habe beste Beziehung zur Gegenkultur und könne deren Machenschaften und Absichten ausspionieren, er wolle Amerika im Kampf gegen den Drogenmissbrauch dienen, gegen die Hippies, die Studentenorganisation SDS (Students for a Democratic Society), die gegen den Vietnamkrieg protestierte, und vor allem gegen die Black Panther Party, die sich als revolutionäre Bewegung verstand, die für die Rechte der Schwarzen in den USA kämpfte.

Abgesehen davon, dass Presley aus der mittellosen weißen Unterschicht des amerikanischen Südens stammte und der Musik seiner schwarzen Mitbürger mehr als nur Inspiration verdankte, war er zu dieser Zeit auch bereits schwer medikamentenabhängig und starb nur sieben Jahre später an einer Polypragmasie, wie der medizinische Ausdruck für die Einnahme von zu vielen Medikamenten heißt.

Fantasiewelt

Allein in den letzten sieben Monaten hatte ihm sein Leibarzt George Nichopoulos alias Dr. Nick laut Berichten 5300 Tabletten und Injektionsampullen verschrieben, das Leben des Sängers in seinem Anwesen Graceland in Memphis war rund um die Uhr bestimmt von "uppers" und "downers" und Anfällen von Heißhunger, seine ganz legalen Drogen waren Unmengen von Dilaudid- und Quaalude-Tabletten und gegrillte Bananensandwiches mit Erdnussbutter.

Dass Elvis seine eigene Sucht als etwas völlig anderes sah als die Drogenkultur dieser Jahre, mag man ja noch durch die Unfähigkeit eines Stars erklären, der völlig abgeschirmt von der Lebenswirklichkeit normaler Menschen inmitten seiner Entourage von bis zu 50 Leuten in einer Art Fantasiewelt lebte (siehe auch Michael Jackson et al.), aber dass er sich über den Präsidenten dem Bureau of Narcotics and Dangerous Drugs als Ermittler in der Musikszene andienen wollte, hat etwas Verschrobenes an sich. Was war nur aus dem jungen Rock ’n’ Roller, dem Sänger von "Hound Dog" und "Blue Suede Shoes" geworden?

John Lennon meinte einmal, sein Leben habe sich völlig geändert, als er zum ersten Mal "Heartbreak Hotel" hörte. Aber es gibt auch ein anderes Zitat des Beatles zu seinem früheren Idol, dass Elvis für ihn nämlich gestorben sei, als er zur Armee ging. Paul McCartney hat das in einem Interview mit dem Journalisten Wolfgang Doebeling später ein wenig relativiert, Lennon habe damit nicht gemeint, dass des Kings spätere Platten schlecht gewesen seien, aber er habe jegliche rebellische Attitüde verloren. Gemeint war damit wohl das Konfrontative der ersten Jahre, als Presley als Bürgerschreck galt und in den frommen Südstaaten gar als Ausbund des Teufels, der Jugendliche auf verbotene Gedanken kommen und den vorgezeichneten bürgerlichen Lebensweg infrage stellen ließ.

Der Rock ’n’ Roll stand in seinen Anfangsjahren für dissidente gesellschaftliche Haltungen, Protest und eine neue Art von Kultur, die sich vor allem gegen die Eltern und deren überkommenes Weltbild richtete, woraus im Laufe des Jahrzehnts bis zum Beginn der 60er-Jahre das werden sollte, was man allgemein unter dem Begriff "Gegenkultur" zusammenfasste.

Ein zentraler Konflikt dieser Jahre war der um den Krieg in Vietnam. Die Proteste dagegen waren nicht nur das beherrschende Thema und Anliegen der Jugendbewegung in den USA und in Europa, sondern fanden natürlich auch ihren Niederschlag in den Songs von Bands und Musikern, die sich als Teil der Anti-Establishment-Bewegung verstanden.

Schon im Zweiten Weltkrieg war die Musik, was die Stimmung in der amerikanischen Armee betraf, ein wichtiger Katalysator. Wenn Glenn Miller mit seinem Swing-Orchester "Tuxedo Junction" für die Truppen spielte, hatte das im Kampf gegen den Faschismus mit Patriotismus und Demokratie zu tun, weil Amerikaner verschiedener Ethnien und Hautfarben plötzlich einen neuen, frischen Sound hatten, auf den sich fast alle einigen konnten und der möglicherweise, weil auch schwarze Musiker wie Duke Ellington an den Shows für die Armee beteiligt waren, ein wenig dazu beigetragen hat, Diskriminierung und Rassismuskonflikte zu minimieren.

Friedensbewegung

Mit Vietnam und den gesellschaftlichen Verwerfungen dieser Zeit war das allerdings anders. Der Riss, der in diesen Jahren durch die amerikanische Bevölkerung ging, spiegelte sich nicht nur in den Protestmärschen gegen den Krieg auf der einen und Slogans wie "Support our boys in Vietnam" auf der anderen Seite, sondern auch in der Musikszene.

Songs wie "Masters of War" und "A Hard Rain’s Gonna Fall" von Dylan, "Fortunate Son" von Creedence Clearwater Revival oder "Universal Soldier" von Donovan kennt man. Sie alle und viele mehr haben dazu beigetragen, dass die Botschaften der Friedensbewegung in den Köpfen der jungen Generation ankamen.

Auch wenn diese Songs nicht unmittelbar zum Ende des Kriegs in Vietnam beigetragen haben, haben sie doch in gewisser Weise das Feld dafür aufbereitet, dass immer mehr Menschen nicht mehr an dessen Sinn glaubten. Aber es gab auch Songs der anderen Seite, der – wie Nixon sie nannte – "silent majority". Aus dem Film "Easy Rider" kennt man möglicherweise "Okie From Muskogee" von Merle Haggard. Der Countrysänger, der nach einem Einbruch drei Jahre im Gefängnis von San Quentin saß, wo er als Insasse auch das allererste Gefängniskonzert von Johnny Cash sah, sagte einmal, er habe den Song mit der berühmten Anfangszeile "We don’t smoke marijuana in Muskogee" geschrieben, um die Soldaten zu unterstützen, die ihre Freiheit und ihr Leben dafür gaben, dass andere frei sein können.

Im Zweiten Weltkrieg war Musik, was die Stimmung in der US-Armee betraf, ein wichtiger Katalysator.

"We still wave Old Glory", heißt es am Ende, und Haggard hat in Interviews keinen Zweifel daran gelassen, dass sein Text keine Satire auf das hinterwäldlerische Amerika war, sondern dass er den einfachen Leuten, die nicht verstanden, was die Studenten dazu trieb, protestierend auf die Straße zu gehen, eine Stimme geben wollte.

Berüchtigt ist auch der Song "The Battle Hymn of Lt. Calley" von C Company feat. Terry Nelson, der zur Melodie der bekannten Hymne Leutnant William Calley heroisiert, der 1971 wegen des M?-Lai-Massakers von 1968, bei dem Frauen und Kinder grausam zu Tode kamen, verurteilt wurde.

Von der Single wurden in den USA zwei Millionen Stück verkauft, es gab jede Menge Airplay auf Country-Music-Stationen, und sie erreichte immerhin Platz 37 der Billboard 100. Unter anderem erwähnt Hunter S. Thompson den Song in seinem Buch "Fear and Loathing in Las Vegas". Sein Kommentar: "Great God! What is this terrible music?"

Eines der bekanntesten Protestlieder der Ära war "Eve of Destruction" von Barry McGuire. Der Song, geschrieben vom legendären P. F. Sloan, erreichte, obwohl vom Produzenten auf die B-Seite der Single verbannt, nach einem anfänglichen Boykott durch konservative Radiostationen schließlich im September 1965 die Spitze der Popcharts.

Nuklearer Overkill

Zeilen wie "You are old enough to kill but not for voting" (das Wahlrecht ab 18 wurde in den USA erst im Juli 1971 eingeführt) erregten die Gemüter konservativer Amerikaner, genauso wie das Thematisieren des Vietnamkriegs, der Bedrohung durch den nuklearen Overkill, der Rassentrennung und der christlichen Heuchelei der Mittelschicht. Alles in allem war der Song apokalyptisch und düster, von einer Endzeitstimmung, geprägt von der Angst vor der Atombombe in der Zeit des Kalten Krieges.

Als Konsequenz des großen Erfolgs legte das FBI sogar eine Akte über den Sänger an. Und es gab auch Radiostationen, die die Single zwar spielten, aber immer nur im Doppelpack mit dem Gegensong "Dawn of Correction" der Gruppe The Spokesmen. Dieser klang wie eine billige Kopie des Barry-McGuire-Hits, allerdings mit einer diesem ganz klar entgegengesetzten Botschaft: Die Gruppe gab sich das Image von braven, heimattreuen College-Boys mit kurzen Haaren und konservativer Kleidung, die Lyrics sind zum Teil direkte Antworten auf die studentische Protesthaltung, etwa die Zeile "be thankful that our country allows demonstration", und beziehen ganz klar Stellung für den Krieg gegen den Kommunismus in Vietnam – "to keep people free from red domination".

Welche Gegenkultur

Eines der Mitglieder der Gruppe, David White, war auch Mitkomponist des Rock-’n’-Roll-/Doo-Wop-Songs "At the Hop", der, interpretiert von der Gruppe Sha Na Na, im Film über das Woodstock-Festival gezeigt wurde und dadurch, auch wenn er in diesem Kontext wie aus der Zeit gefallen wirkte, weltweit Millionen von jungen Menschen erreichte, von denen viele wohl genau für jenen Zeitgeist von Love & Peace und Kriegsdienstverweigerung standen, gegen den The Spokesmen in ihrem Song Stellung bezogen.

Eine kleine pophistorische Fußnote dazu: Die Mastertapes der Gruppe, die auch eine ganze LP unter anderem mit Songs von Dylan und den Beatles aufnahm, wurden genauso wie die von Barry McGuire 2008 beim Brand der Universal Studios in Hollywood, gemeinsam mit denen unzähliger anderer Bands, Musiker und Musikerinnen, entweder schwer beschädigt oder für die Nachwelt unwiederbringlich vernichtet.

Weihnachten ohne Elvis Presleys "Christmas Album" aus dem Jahr 1957 ist für manche undenkbar. Immer noch. Allein auf Spotify wurden die zwölf Lieder des Albums 102 Millionen Mal gestreamt.
Foto: AP / Michael Justus

Dass viele der bekannten Bands dieser Jahre gegen den Krieg waren und sich ein Image als Kämpfer gegen das Establishment gaben, hat sich so in die Geschichte der Popkultur eingeschrieben. In einem ihrer bekanntesten Songs, "Volunteers", sangen Jefferson Airplane von der Revolution und schufen damit so etwas wie eine Protesthymne, die gern in Filmen und Videos über den Vietnamkrieg und die Demonstrationen dagegen verwendet wird, auch wenn der Song nicht ganz so erfolgreich war wie der Drogenklassiker "White Rabbit" der Band aus San Francisco, der es mit seinen nur wenig verklausulierten psychedelischen Botschaften immerhin in die Top Ten der amerikanischen Charts schaffte.

Aber welche Art von Gegenkultur war das eigentlich? Auf keinen Fall wurden etwa die kapitalistischen Verwertungszusammenhänge infrage gestellt, im Gegenteil, all die Musiker, die sich gern die Attribute "underground" oder "revolutionär" verpassten, waren immer ein Produkt der Warengesellschaft und wollten niemals Sprachrohr oder gar Akteure tiefgreifender gesellschaftlicher oder politischer Veränderungen sein. Schon 1967 haben Jefferson Airplane etwa einen Werbespot für Levi’s Jeans aufgenommen, während die Arbeiter und Arbeiterinnen der Firma in Tennessee im Streik gegen die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen waren.

Jefferson Airplane haben einen Werbespot für Levi’s Jeans aufgenommen, während die Arbeiterinnen der Firma im Streik gegen die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen waren.

Symptomatisch ist auch jene kleine Anekdote, die sich beim Woodstock-Festival abspielte. Abbie Hoffman, Mitbegründer von Jerry Rubins Youth International Party ("Yippies"), wollte seine Musikerfreunde dazu überreden, auf der Bühne die Freilassung des White-Panther-Politaktivisten und Managers der Gruppe MC5, John Sinclair, zu fordern. Als sich alle weigerten, stürmte Hoffman kurzerhand während des Auftritts von The Who auf die Bühne, um seine Botschaft zu verkünden. Als er das Mikrofon ergriff, rammte Pete Townshend ihm die Gitarre in den Hinterkopf, womit die Sache erledigt war.

Was also hatte Elvis Presley bei seinen Kollegen im Musikbusiness eigentlich ausspionieren wollen? Und warum war es ihm so wichtig, eine offizielle Marke der Behörde zur Rauschgiftfahndung zu bekommen? Das wird wohl für immer ein Rätsel bleiben, auch wenn Priscilla Presley in ihren Memoiren sarkastisch meinte, er habe sich dadurch wohl erhofft, in Zukunft unbehelligt Drogen und Waffen mit sich führen zu können.

Silberne Kugeln

Es gibt Fotos von diesem Treffen, das allerdings erst mehr als zwei Jahre später durch einen Artikel in der "Washington Post" bekannt wurde. Elvis’ Schreiben, das er auf dem Flug nach Washington auf Briefpapier der American Airlines verfasst hat, zählt heute angeblich zu den am häufigsten verlangten Dokumenten im Nationalarchiv der USA, noch vor der Unabhängigkeitserklärung oder den Fotos von der Mondlandung.

Wolfgang Pollanz
Foto: privat

Presley hatte für den Präsidenten sogar ein Geschenk dabei, eine 45-Millimeter-Pistole aus dem Zweiten Weltkrieg mit silbernen Kugeln in einer dekorativen Holzkiste. Nixon war es peinlich, dass er seinerseits kein Präsent bei der Hand hatte, und überreichte dem King kurzerhand seine Manschettenknöpfe mit dem Wappen der Staaten darauf.

Als auch noch die Zusage kam, dass er das begehrte Abzeichen der Anti-Drogen-Behörde bekommen würde, fiel Elvis dem Präsidenten spontan um den Hals. Einige Zeit später schlug das Weiße Haus dem King, so wird berichtet, auch noch vor, ein Anti-Drogen-Album unter dem Titel "Get High On Life" zu veröffentlichen. Daraus wurde dann doch nichts, und Presley versank immer weiter in seinem eigenen Drogensumpf. (Wolfgang Pollanz, ALBUM, 18.12.2020)