Eine von Coronaviren (gelb) in den Tod getriebene Zelle. Forscher spekulieren nun auf Basis von Experimenten, dass sich im seltenen Extremfall RNA-Fragmente von Sars-CoV-2 in die DNA der Zelle umschreiben könnte.

Reuters

Zu den vielen noch zu klärenden Fragen rund um Covid-19 zählt das Rätsel, warum bei einigen genesenen Patienten noch Wochen nach einer Infektion der PCR-Nachweis von Sars-CoV-2 positiv ausfällt. Eine neue Erklärung, die von einem renommierten Forscherteam um Rudolf Jaenisch (MIT und Whitehead-Institut für biomedizinische Forschung in Cambridge/Massachusetts) kommt, fällt spektakulär aus und hat binnen kürzester Zeit zu heftigen Diskussionen geführt.

Wird RNA in DNA umgeschrieben?

Die Forscher gehen in einem noch nicht fachbegutachteten Artikel auf der Plattform bioRxiv nämlich davon aus, dass zumindest Bruchstücke der Virus-RNA unter extremen Umständen in DNA umgeschrieben werden könnte. Von dort wieder würden die Fragmente zurück in den Zellkern wandern und ins menschliche Erbgut eingebaut werden. Und das könnte wieder erklären, warum Patienten, die keinen aktiven Virusbefall mehr zeigen und auch nicht ansteckend sind, dennoch positive Testergebnisse produzieren.

Die heftigen Reaktionen auf den Preprint kommen nicht weiter überraschend. Eine der Befürchtungen der Gegner der neuen mRNA-Impfungen gegen Covid-19 besteht ja darin, dass die verabreichte Erbgutsequenz des Virus (also die mRNA im Impfstoff) womöglich in das menschliche Erbgut eingebaut werden könnte und damit für Geimpfte Risiken birgt. Für eine solche Aussage gibt es bisher keinerlei belastbare Belege. Die neue Studie könnte aber so gelesen werden, dass so etwas zumindest theoretisch nicht ausgeschlossen werden kann.

Umwandlung in Laborbedingungen

Doch wie kamen Jaenisch und seine Kollegen überhaupt auf ihre These? Um die Frage der andauernd positiven PCR-Tests zu klären, untersuchten die Forscher Zellen von Patienten, die zuvor an COVID-19 erkrankt waren. Mit extrem sensiblen Nachweisverfahren fanden sich in einzelnen Zellen tatsächlich Fragmente vom Virus-Erbgut. Anschließend untersuchten sie in Zellkulturexperimenten, ob sie die Integration von Virus-Erbgut in das Erbgut der infizierten menschlichen Zelllinien künstlich bewerkstelligen können.

Unter Laborbedingungen gelang es ihnen, kurze mRNA-Stücke des SARS-CoV-2-Erregers in DNA umzuschreiben, indem sie eine sogenannte reverse Transkriptase (RT) des HI-Virus oder sogenannte LINE-Elemente experimentell überaktivierten. Beobachtet wurde in sehr seltenen Fällen auch der Einbau einiger kurzer Fragmente in das Erbgut der Zelllinien. An welchen Stellen das geschah, wurde jedoch nicht näher untersucht.

Die Autoren betonen, dass die in Zellkultur eingebauten Erbgutschnipsel lediglich kurze Bruchstücke der gesamten Virus-Erbinformation darstellen, und dass dadurch unter keinen Umständen infektiöses Virus wiederhergestellt werden kann.

Gemischte Reaktionen

Etliche renommierte Virologen (wie Nobelpreisträger David Baltimore oder Robert Gallo), die vom Fachblatt "Science" dazu befragt wurden, äußerten sich teils zustimmend, teils kritisch zu den Methoden und Ergebnissen. Sie bezweifelten die biologische und klinische Relevanz und warnten vor allem vor voreiligen Schlussfolgerungen.

Dieser Forscher hat eine recht klare Meinung über die Studie. Doch nicht alle sehen die Untersuchung so kritisch.

Die Experimente und ihre Ergebnisse würden aber eine Reihe interessanter Fragen aufwerfen, die nun von unabhängigen Forschergruppen bestätigt oder widerlegt werden müssten. Das sieht auch Rudolf Jaenisch ähnlich: "Es gibt einige offene Fragen, denen wir noch nachgehen müssen." (tasch, 19.12.2020)