Für die meisten Großeltern ist das Treffen mit den Enkerln zu Weihnachten ein fixer Bestandteil.

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So sehr es auch schmerzt: Herzliche Umarmungen, Küsse oder ein schief gesungenes "Oh du fröhliche" unterm Christbaum sind in diesem Jahr keine gute Idee. Das kann vor allem für die Kinder oft schwer zu verstehen sein. Zwar verlocken die Lockerungen an den Weihnachtstagen dazu, endlich wieder einmal etwas Normalität in unser aller Leben einkehren zu lassen, am Ende bleibt allerdings immer ein Risiko, dass sich auch Sars-CoV-2 unter den Feiernden befindet. Und das kann vor allem für die älteren Familienmitglieder gefährlich ausgehen.

Die Realität ist, dass viele Menschen dennoch nicht auf das Weihnachtsfest mit Oma und Opa verzichten werden. Um es aber möglichst infektionsarm zu gestalten, haben schon viele Tage oder Wochen vor Weihnachten ihre sozialen Kontakte reduziert, Kinder von der Schule zu Hause gelassen oder Schnelltests besorgt. Der STANDARD hat nachgefragt, wie ein Weihnachtsfest mit oder ohne Großeltern inmitten einer Pandemie aussehen kann. Und vor allem: wie man den Kindern erklärt, wenn Oma und Opa heuer nicht dabei sein dürfen.

"Die Urli würde sterben" (Max, Eisenstadt)

"Für uns stand es gar nicht zur Debatte, ob wir mit unserem Kind (drei Jahre) zur Urli-Oma fahren. Sie ist mit ihren über 80 Jahren zwar definitiv Risikogruppe, aber sie hat mehrmals selbst darum gebeten, sie zu Weihnachten bitte nicht alleinzulassen. Das ganze Jahr war wirklich hart für sie. Sie ist einsam. Sie weint permanent am Telefon, dass wir sie zu selten besuchen, dass sie ihren Urenkel vermisst und sie lieber stirbt, statt immer so einsam zu sein. Was haben wir also für eine andere Wahl?

Unsere Lösung war, dass wir schon seit einer Woche kaum mehr jemanden gesehen haben und uns alle am 23. Dezember testen lassen, bevor wir zu ihr fahren. Das ist ja wirklich einfach, man geht zur Apotheke, und nach 15 Minuten hat man das Ergebnis des Antigentests. Zwar ist das nicht hundertprozentig sicher, aber immer noch besser, als die Oma alleinzulassen. Sie sagt, dass sie sterben würde, wenn wir nicht kommen."

"Risiko ist zu hoch" (Janett, Wien)

"Die Kinder sind bis 23. Dezember in der Schule. Uns ist das Risiko zu hoch, und wir verzichten auf Besuche mit den Großeltern. Unsere Kinder sind acht und zehn, sie verstehen also gut, worum es geht. Wir haben sie immer in die Gespräche eingebunden, haben ganz offen über die aktuelle Situation gesprochen. Das war ja keine Entscheidung, die wir von heute auf morgen getroffen haben. Wir haben lange überlegt, Risiken abgewogen. Jeder hat seine Meinung sagen dürfen, wertfrei. Die Kinder haben auch gefragt, ob sie jemals Oma und Opa wieder besuchen dürfen. Das war für sie noch mal eine Absicherung, dass es wirklich nur eine Ausnahmesituation ist. Die Kinder sehen, dass es uns allen schwerfällt – und können daher gut damit umgehen. Quasi: Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Es hat sich dafür jetzt eingebürgert, dass wir jedes Wochenende mit den Großeltern einen Videocall machen. Oft mit Keksen und Kaffee – quasi ein Kaffeekränzchen. Anfangs hat es die Kinder nicht interessiert, sie haben sich in ihre Zimmer verkrochen. Mittlerweile bleiben sie bei uns sitzen und nehmen aufmerksam am Gespräch teil. Das ist auch schön!"

"Geschenkeaufmachen via Zoom" (Judith, England)

"Wir leben in Großbritannien, und unsere beiden Söhne (zwei und acht) haben ihre Großeltern, die alle vier in Österreich leben, seit Februar nur mehr via Videotelefonie gesehen. Den Kindern geht es ganz gut damit. Wenn mein Achtjähriger seine Großeltern zu sehr vermisst, lassen wir ihn exklusiv (ohne uns dabei) und lange mit Oma und Opa videotelefonieren. Das hilft ihm. Der fast Zweijährige kriegt das alles noch nicht so mit. Der lebt ganz im Moment.

Heuer streamen wir einfach das Geschenkeaufmachen. Wer Lust und Zeit hat, kann sich zuschalten. Ich bin verdammt dankbar für diese technischen Möglichkeiten. Nicht auszudenken, wie es ohne sie wäre in diesen Zeiten. Wann ich, mein Mann und unsere Söhne unsere Eltern und Großeltern wieder in 3D sehen werden, steht in den Sternen. Wir rechnen nicht vor nächstem Sommer damit."

"Ohne Großeltern geht es nicht" (Jen, Wien)

"Wir haben zu den Großeltern schon seit Geburt der Kinder drei- bis viermal pro Woche Kontakt. Von März bis Mai haben wir sie erstmals strikt nicht gesehen, und das war für uns alle psychisch extrem schlimm – vor allem, weil wir Ostern nicht zusammen feiern konnten. Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr haben dann alle beschlossen, mit den Omas gemeinsam in Quarantäne zu gehen, wenn es zu einem weiteren Lockdown kommt.

Das Weihnachtsfest lassen wir demnach nicht ausfallen. Wir feiern alle zusammen, lassen uns aber davor testen. Mein Mann und ich sind beide im Homeoffice, mein größter Sohn bereits seit Mitte November zu Hause. Der wäre wohl der größte Risikopunkt gewesen, weil er in der Schule auf 550 Personen trifft. Die Kleineren sind in einem kleinen Kindergarten mit nur acht weiteren Kindern. Aber klar: Ein Risiko besteht immer. Da muss man irgendwie das eigene Richtig für sich und seine Familie finden."

"Tests sind kein Verlass" (Sandra, Wien)

"In unseren Familien herrscht Einstimmigkeit. Wir verlassen uns nicht auf Tests (sie bieten keine Garantie), und wir wollen uns nicht vorwerfen, dass dann doch etwas ist und Oma und Opa sich infizieren. Dazu muss man allerdings sagen, dass alle über 70 Jahre alt sind und Bluthochdruck oder andere Vorerkrankungen haben. Wir werden uns kurz outdoor für einen kleinen Spaziergang sehen – und dann feiert jeder für sich.

Die Kinder sind Kinder. Solange es Christbaum und Geschenke gibt, stecken sie es, denke ich, leichter weg als wir Erwachsenen, die sich nach Nähe zu ihren Liebsten sehnen."

"Weihnachten in Quarantäne" (Simon, Graz)

"Unsere halbe Verwandtschaft lebt in Deutschland. Wir haben Opa, Uroma, Tanten, Cousinen und so weiter in diesem Jahr kaum gesehen. Im ersten Lockdown ist dann die Großmutter gestorben, und wir konnten nicht einmal zum Begräbnis. Das war wirklich schwer – vor allem für meine Frau. Und auch für alle Verwandten dort, weil wir nicht gemeinsam Abschied nehmen konnten.

Nun war es ja lange wieder in der Schwebe, ob wir Weihnachten überhaupt mit unserer deutschen Familie verbringen können. Wir denken dabei gar nicht so sehr an das Risiko, dass wir jemanden anstecken. Für uns ist es eher ein Risiko, wieder getrennt zu sein, auseinandergerissen zu werden. Meine Oma hat das sogar einmal mit der Mauer verglichen. Ich denke, dass die Alten da am meisten leiden, wenn sie einfach abgeschottet werden.

Wir werden uns also in Österreich noch testen lassen und dann über Weihnachten nach Deutschland fahren und dort zehn Tage in Quarantäne gehen, wie es Vorschrift ist. Bei der Rückkehr nach Österreich müssen wir dann wieder zehn Tage in Quarantäne. Das finden wir jetzt nicht besonders toll, aber wir nehmen es einfach in Kauf."

"Punsch im Freien" (Gundi, Wien)

"Wir feiern am 24. Dezember mit den Kindern allein – das ist jedes Jahr so. Am Nachmittag sehen wir die Schwiegermutter mit Punsch und Tee in der Thermoskanne draußen, und am 25. Dezember kommen dann meine Eltern zum Essen vorbei. Davor lassen wir uns aber daheim von einer befreundeten Ärztin testen. Sonst haben wir noch am 28. Dezember alle bei uns den Geburtstag meines Mannes gefeiert, das fällt heuer komplett flach."

"Wir hatten alle schon Corona" (Daniela, Wien)

"Wir feiern heuer Weihnachten ganz normal wie immer. Was daran liegt, dass bei uns alle in den letzten Wochen schon Corona hatten. Von den Urlis bis zum Baby. Von symptomlos bis Intensivstation. Nun sind alle wieder gesund, und wir müssen uns über Weihnachten, Gott sei Dank, keine Sorgen machen. Wenigstens etwas Gutes daran." (Protokolle: Nadja Kupsa, 21.12.2020)