Premierminister Boris Johnson bemüht sich um die rasche Wiederaufnahme des Warenverkehrs mit dem Festland.

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In Dover wurden keine Fahrzeuge mehr abgefertigt.

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Was Branchenexperten auf Grund des Brexit für Januar prophezeiten, ist kurz vor Weihnachten wegen Covid-19 bereits eingetreten: Zu Wochenbeginn kam der Handel zwischen Großbritannien und dem Kontinent weitgehend zum Erliegen. Wie andere EU-Mitglieder riegelte Frankreich seine Grenze zur Insel komplett ab, der wichtigste Ärmelkanalhafen Dover musste schließen. Bis Montagnachmittag hatten sich auf den Zufahrtsstraßen Lastwagen-Staus von bis zu 50 Kilometer Länge gebildet. In London leitete Premierminister Boris Johnson eine Sitzung seines Krisenstabes, am Abend versuchte er in einer Erklärung die Bevölkerung zu beruhigen.

Er habe mit seinem französischen Amtskollegen Emmanuel Macron telefoniert und hoffe auf rasche Wiederaufnahme des Warenverkehrs mit dem Festland "in den nächsten Stunden". Nur 20 Prozent der Güter würden über den Hafen Dover gehandelt, und der Lkw-Stau sei bereits deutlich reduziert worden. "Die große Mehrheit von Lebensmitteln, Medikamenten und Versorgungsgütern erreichen uns wie immer", sagte Johnson.

Benachbarte Länder sperrten Grenzen

Der Regierungschef hatte am Samstag weitgehende neue Einschränkungen für London, seinen unmittelbaren Speckgürtel sowie die Grafschaft Kent zwischen der Hauptstadt und dem Ärmelkanal angekündigt und vor allem mit einer neuartigen Mutation von Sars-CoV-2 begründet. Die Variante VUI-202012/01führt nach bisherigen Erkenntnissen zwar nicht zu schwererem Krankheitsverlauf oder höherer Mortalität, kann offenbar aber zu bis zu 70 Prozent höherer Übertragung führen.

Nach den alarmierenden Mitteilungen aus London sperrten benachbarte Regierungen ihre Grenzen für Reisende aus dem Königreich. Zu 17 europäischen Ländern gesellten sich am Montag fernere Nationen wie Indien, Russland und Kanada. Während die Niederlande sämtliche Flüge verbot, durften Lastwagen weiterhin einreisen. Hingegen sperrte Frankreich in der Nacht zum Montag die Grenze komplett. Dadurch kam nicht nur der Zugverkehr durch den Eurotunnel zum Erliegen, sondern auch der Fährverkehr zwischen den Häfen von Calais und Dover. Dort werden an normalen Tagen 10.000 Lastwagen transportiert und rund 30 Prozent des gesamten Außenhandels der Insel abgewickelt.

Gemüse geht aus

An der Börse reagierten Aktien- und Währungshändler nervös. Der FTSE-100-Index gab bis Montag Mittag um 2,6 Prozent nach, das Pfund Sterling verlor gegenüber dem Dollar um 1,7, gegenüber dem Euro um ein Prozent an Wert. Beim Einzelhandel hieß es, die Warenhäuser seien voll, einerseits des Weihnachtsgeschäftes wegen, andererseits wegen der Brexit-Unsicherheit. Auch der Supermarkt-Gigant Sainsbury sah sich für die Konsumschlacht vor den Feiertagen gerüstet; halte die Situation am Ärmelkanal an, werde es aber bald Engpässe bei Frischobst und Gemüse wie Broccoli oder Blumenkohl sowie Salat geben.

Unterdessen gingen in Brüssel die Brexit-Gespräche weiter, Fortschritte bei den verbliebenen Streitpunkten – Fischfang, faire Konkurrenzbedingungen für Unternehmen, das Verfahren zur Schlichtung zukünftiger Konflikte der Vertragsparteien – waren nicht in Sicht. Der für die EU zuständige französische Regierungsvertreter Clement Beaune, es gebe weiter große Differenzen bei der Frage der Fischerei. Man werde der Sache noch einige Stunden, einige Tage geben. Ein französischer Regierungssprecher hatte zuvor erklärt, sein Land bleibe bei den "roten Linien" bei den Verhandlungen.

Am Sonntag war eine Frist des Europaparlaments abgelaufen. Dieses sieht sich nun zur Ratifizierung des erhofften Freihandelsvertrages in diesem Jahr nicht mehr in der Lage, weshalb das Abkommen am 1. Januar vorläufig in Kraft träte – wenn denn eine Einigung überhaupt gelingt. Sonst scheidet das Ex-Mitglied Großbritannien an Silvester ohne Anschlussvereinbarung ("No Deal") aus der Übergangsfrist aus, in der seit dem offiziellen Austritt Ende Januar sämtliche Pflichten und Regeln der Union auch auf der Insel weitergelten.

Der britische Verkehrsminister Grant Shapps lehnte eine Verlängerung der Brexit-Übergangsphase jedoch erneut ab. "Das würde nur Öl ins Feuer gießen", sagte er der BBC. Schließlich seien alle auf die Situation vorbereitet. Das kurzzeitige Corona-Chaos am Ärmelkanal dürfte sich dann mehrere Tage, Wochen oder Monate lang wiederholen. (Sebastian Borger aus London, red, 21.12.2020)