Archäologe Dieter Noli freute sich seinerzeit wie ein Schneekönig über die reichhaltigen Funde aus dem Wrack. Mit einiger zeitlicher Verzögerung begannen sich dann auch Biologen die Hände zu reiben.
Foto: AP/Dieter Noli

2008 sorgte der Fund eines fast 500 Jahre alten Schiffswracks vor der Küste von Namibia weltweit für Aufsehen: 1533 war hier das portugiesische Transportschiff Bom Jesus auf dem Weg nach Indien gesunken. Zu seiner schwergewichtigen Ladung hatten unter anderem Gold- und Silbermünzen, Bleibarren und Kupfer aus dem europaweiten Handelsimperium der Fugger gehört.

Für Archäologen und Historiker war die Bom Jesus eine wahre Fundgrube. Darüber hinaus barg sie jedoch einen besonderen Schatz für Biologen: Elfenbein. Über 100 Elefantenstoßzähne wurden in dem Wrack gefunden. Verladen wurden sie damals allein wegen ihres Materialwerts. Doch nun erbrachte ihre eingehende Analyse wertvolle Erkenntnisse darüber, wie die Situation der Elefanten vor einem halben Jahrtausend aussah.

Die Untersuchung

Es kamen einige günstige Umstände zusammen, die die Untersuchung möglich machten. So drückte die 40 Tonnen schwere Ladung, die großteils aus Metall bestand, die Stoßzähne fest in den Meeresboden. Das verhinderte, dass das Material den Meeresströmungen ausgesetzt und davongetragen wurde.

Die Stoßzähne sind im Meer sehr gut erhalten geblieben.
Foto: National Museum of Namibia

Außerdem ist das Wasser in dieser Region sehr kalt – wodurch die DNA in den Zähnen so gut erhalten blieb, dass sie analysiert werden konnte. Insgesamt gelang es dem Team um Alida de Flamingh von der University of Illinois Urbana-Champaign, aus 44 Stoßzähnen DNA zu extrahieren. Die Ergebnisse sind im Fachjournal "Current Biology" erschienen.

Die Erkenntnisse

Die erste Überraschung: Sämtliche Stoßzähne stammen von Waldelefanten (Loxodonta cyclotis), den kleineren Cousins der Steppenelefanten (Loxodonta africana), die gemeinhin als die Afrikanischen Elefanten gelten. Waldelefantenbullen erreichen maximal eine Schulterhöhe von 2,9 Metern, während es bei Steppenelefanten knapp vier Meter werden können – die Weibchen sind bei beiden Arten deutlich kleiner.

Die Stoßzähne des Waldelefanten sind dünner als die seines Cousins aus der Savanne, aber dafür besonders hart.
Foto: Nicholas Georgiadis

Die zweite Überraschung: Die Untersuchung der mitochondrialen DNA ergab, dass alle diese Tiere in Westafrika gelebt hatten, keines davon in Zentralafrika. Das passt zwar dazu, dass die Portugiesen Handelsstützpunkte an der afrikanischen Westküste aufgebaut hatten. Allerdings unterhielten sie auch ein großräumiges Handelsnetz, das bis zum Königreich Kongo tief ins Landesinnere reichte. Die Forscher waren daher davon ausgegangen, dass das Elfenbein aus einer Reihe verschiedener Quellen beziehungsweise Regionen zusammengetragen worden wäre.

Einblicke in die Zeit vor dem Massenabschuss

Die dritte Überraschung lieferte die Isotopenanalyse der Zähne. Das Verhältnis der Kohlenstoff- und Stickstoffisotope gibt Aufschluss darüber, welches Pflanzenmaterial die Tiere gefressen haben, und damit auch darüber, in welcher Art von Umgebung sie gelebt haben. Und wie die Ergebnisse zeigten, blieben die Elefanten nicht ihrem Namen entsprechend im Wald, sondern wechselten regelmäßig in die Savanne über.

Das tun manche Waldelefanten auch heute noch. Allerdings waren Biologen bisher mehrheitlich davon ausgegangen, dass es sich dabei um ein recht neues Verhalten handeln würde: Als die Bestände der westafrikanischen Steppenelefanten im frühen 20. Jahrhundert schon weitgehend ausgerottet waren, hätten ihre kleineren Verwandten die Gelegenheit ergriffen, sich einen neuen Lebensraum zu erobern. Die Exemplare aus der Bom Jesus zeigen aber, dass Waldelefanten schon lange vor der Ära des Massenabschusses Pendler waren. Es handelt sich also um ein ganz natürliches Verhalten – vorangetrieben möglicherweise durch die jahreszeitliche Verfügbarkeit von Wasser.

Die letzten überlebenden Elefantengesellschaften

Zu guter Letzt ermöglichte die Analyse der mitochondrialen DNA auch Aussagen über die Kontinuität. Dieser Teil des Erbguts wird nur mütterlicherseits weitergegeben, was aufgrund der Organisationsform der Elefantengesellschaft eine besondere Bedeutung erhält: Während heranwachsende Bullen ihre Familien verlassen, sich zu Junggesellengruppen zusammenschließen und recht mobil sind, bleiben die von einer Matriarchin geführten Herden aus Kühen und Jungtieren zumeist ihr Leben lang im selben Gebiet.

Das Team um Alfred Roca, Alida de Flamingh und Ripan Malhi (von links nach rechts) konnte dem alten Elfenbein jede Menge Informationen entnehmen.
Foto: L. Brian Stauffer

Unter den Stoßzähnen von der Bom Jesus konnten die Forscher 17 verschiedene familiäre Abstammungslinien identifizieren und mit heute lebenden Herden vergleichen. Nachdem Westafrika in den vergangenen Jahrhunderten geschätzt 95 Prozent seiner Elefantenbestände verloren hat, ist es nicht überraschend, dass die meisten dieser Abstammungslinien inzwischen erloschen sind. Aber immerhin vier von ihnen bestehen weiter. In der Region leben also immer noch einige Matriarchinnen und halten mit ihren Herden eine Tradition aufrecht, die, soweit beweisbar, ein halbes Jahrtausend zurückreicht – und in Wirklichkeit vermutlich wesentlich länger. (jdo, 24. 12. 2020)