Die kilometerlangen Kolonnen tausender Lastwagen, die sich am Dienstag vor den Häfen am Ärmelkanal stauten, waren erwartet worden – schließlich hatte Frankreich die Grenze in der Nacht auf Montag dichtgemacht.

Nach außen hin gibt sich Boris Johnson zuversichtlich, doch tatsächlich hat der britische Premier derzeit nichts zu lachen.
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Dennoch versuchte der Premierminister am Montagabend, seine Corona-gebeutelte und derzeit weltweit isolierte Nation mit Optimismus aufzumuntern. So schlimm sei die Situation am Ärmelkanal gar nicht, beteuerte Boris Johnson: Schließlich seien lediglich 20 Prozent des täglichen Transportvolumens von der Grenzblockade betroffen. Zudem habe er am Telefon eine "exzellente Konversation" mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron geführt, eine Auflösung der gigantischen Lastwagenstaus im englischen Südosten stehe unmittelbar bevor.

Die erste Äußerung des Regierungschefs führte zu Kopfschütteln bei Branchenexperten. Zwar arbeiteten die Containerterminals an den Häfen von Felixstowe, Tilbury und Southampton tatsächlich reibungslos. Die Importe für frische Lebensmittel aber, auf die das Land im Winter angewiesen ist, kommen mit bemannten Lastwagen durch den Eurotunnel und den Hafen von Calais nach Dover und Folkestone. Schon jetzt ist absehbar, dass den Briten nach Weihnachten Zitronen und Orangen, Salat, Broccoli und Karfiol ausgehen werden.

Paris lockert die Sperre

Am Dienstagabend kam dann Paris einen Schritt entgegen: Frankreichs Verkehrsminister Jean-Baptiste Djebbari erklärte auf Twitter, Franzosen und EU-Bürger könnten ab Mitternacht von der Insel einreisen, wenn sie einen negativen Covid-Test vorweisen können. Dem Büro des britischen Premierministers zufolge sollen ähnliche Regeln für Menschen gelten, die einen festen Wohnsitz in Frankreich haben.

Zu den in Großbritannien gestrandeten Lastwagenfahrern sagte Djebbari BFM Television, dazu werde es im Laufe des Abends eine getrennte Ankündigung geben. Allerdings sagte sein britischer Kollege Grant Shapps bereits, die Fahrer sollten ab Mittwoch Tests erhalten, um nach Frankreich zurückkehren zu können. Flugzeuge, Schiffe und der von London aus fahrende Eurostar-Zug könnten vom Mittwochmorgen an wieder verkehren, teilte Djebbari weiters mit.

Neue Corona-Mutation als Anlass

Der Grund für die die zuvor verschärften Regeln heißt B.1.1.7 – eine neuartige Mutation von Sars-CoV-2, auf der Insel zunächst als Variante VUI-202012/01 bekannt. Genom-Analytiker von Cog-UK hatten dessen genetischen Code erstmals im Oktober an Virusproben identifiziert, die im September in London und in der Grafschaft Kent genommen worden waren. Inzwischen wurden einzelne Fälle auch in Dänemark, Italien und den Niederlanden sowie in Australien registriert. Die Schweiz sucht tausende jüngst angereiste Briten auf Hochtouren. Bereits am Montag hatten die Behörden rückwirkend Quarantäne angeordnet: Jeder, der seit dem 14. Dezember aus Großbritannien eingereist ist, muss bis zum 10. Tag nach der Ankunft in Quarantäne.

Wissenschafter hegen den Verdacht, die Ausbreitung sei viel weiter fortgeschritten. Dass die Variante in England massenhaft festgestellt wurde, könnte daran liegen, dass dort die Genom-Analyse extensiv betrieben wird. Knapp die Hälfte aller öffentlich zugänglichen Genom-Sequenzen von Sars-CoV-2 stammt aus dem Königreich.

Hotspot Grafschaft Kent

In der britischen Hauptstadt und der im Osten und Südosten angrenzenden Region Kent hat die Virusvariante offenbar andere Versionen von Sars-CoV-2 rasch verdrängt. Mitte November waren dort 28 Prozent der Covid-19-Fälle auf B.1.1.7 zurückzuführen, einen Monat später betrug der Anteil bereits 62 Prozent. Für die Infizierten besteht zwar nach bisherigen Erkenntnissen nicht die Gefahr eines schwereren Krankheitsverlaufs oder höherer Mortalität; die Variante kann aber Unterlagen des zuständigen Regierungsausschusses Nervtag zufolge die Infektionsrate um bis zu 70 Prozent in die Höhe treiben.

Anfang vergangener Woche wies Gesundheitsminister Matthew Hancock erstmals die Öffentlichkeit auf die Mutation hin. Am Freitagnachmittag, so Johnson, habe man dann die WHO informiert. Tags darauf begründete der Premierminister die Absage eigentlich versprochener Erleichterungen über die Festtage vor allem mit der erhöhten Gefährlichkeit der neuen Variante von Sars-CoV-2. London und der englische Südosten erleben harte Einschränkungen, die einem Lockdown gleichkommen.

Nichts geht mehr seit der Nacht auf Montag: Die Grenze am Ärmelkanal ist dicht. Für wie lange?
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Freilich hatten dies führende Wissenschafter schon Tage zuvor gefordert. Weil die konservative Regierung seit Beginn der Pandemie immer wieder widersprüchlich und zögerlich gehandelt hat, gab es zunächst Zweifel, ob wirklich die neue Virusvariante für Johnsons Entscheidung verantwortlich war.

In den Nachbarländern sorgte die Hiobsbotschaft von der Insel für Aufregung und rasche Maßnahmen. Sämtliche EU-Anrainerstaaten schlossen ihre Grenzen für Reisende aus Großbritannien bis auf weiteres, Irland verlängerte am Dienstag die Maßnahme sogar bis zum Jahresende. Während etwa die Niederlande aber ihre Häfen für Trucker von der Insel offen hielten, machte Frankreich in der Nacht auf Montag ganz dicht.

Probleme in Häfen Dover und Folkstone

In den wichtigsten Kanalhäfen Dover und Folkestone sowie in Calais verschlimmerte sich dadurch blitzschnell eine Krisensituation, die sich im Lauf des Dezembers bereits zusammengebraut hatte. Viele Unternehmen auf der Insel haben der Festtage wegen sowie mit Blick auf den Brexit zu Silvester ihre Warenhäuser gefüllt, umgekehrt stiegen auch die Exporte. Weil französische Zöllner zudem mehrfach die neuen Verfahren probten, die im neuen Jahr fällig werden, bildeten sich immer wieder auf den wichtigsten Zufahrtsstraßen zum Ärmelkanal, besonders der Autobahn M20, kilometerlange Lastwagenschlangen.

Am Dienstagmorgen war der Stau teilweise 50 Kilometer lang. Innenministerin Priti Patel sprach von 1.500 Trucks, Ian Wright von der Lobbygruppe FDF hielt 4.000 Lastwagen für realistischer. Zu den Betroffenen zählten Angestellte von Seamus McKeegan. Statt die Landverbindung via England zu nutzen, habe er nun Plätze für seine Lastwagen auf der Route Dublin–Cherbourg gebucht, berichtete der irische Spediteur der BBC und klagte: "Wir müssen zwei Schlachten schlagen, Covid und Brexit."

Den Zusammenhang stellten auch andere her, in die britischen Reaktionen auf die globale Isolierung der Insel mischten sich kritische Stimmen. David Wells vom Branchenverband Logistics UK postulierte einen Zusammenhang zwischen der Gesundheitsvorsorge und politischen Vorgängen wie den fortdauernden Brexit-Gesprächen. Wer dies nicht so sehe, sei "naiv".

"Massive Überreaktion Frankreichs"

Drastischer äußerte sich der stets für farbige Zitate bereitstehende Tory-Hinterbänkler Andrew Bridgen. Die Blockade der Grenze stelle "eine massive Überreaktion Frankreichs" dar, teilte der Brexit-Ultra auf Twitter mit: "Das Vereinigte Königreich zu erpressen haben diverse Diktatoren versucht, wir haben sie besiegt."

Kriegerische Rhetorik dürfte allerdings in der aktuellen Transportkrise ebenso wenig helfen wie bei den Brexit-Gesprächen. Große Supermarktketten wie Tesco, Sainsbury und Lidl betonten am Dienstag, die Versorgung der Briten mit den Zutaten eines "typischen" Weihnachtsessens wie Truthahn, Kartoffeln, weiße Rüben und Kohlsprossen sei gewährleistet. Allerdings werde es in den letzten Tagen des Jahres zu Engpässen bei frischem Obst und Gemüse kommen. Zitronen und Orangen, Salat und Broccoli kommen im Winter vom Kontinent, vor allem aus Spanien.

Dass die EU am Dienstag ihre Mitgliedsstaaten zur Aufhebung der Covid-Blockade Großbritanniens aufforderte, sorgte auf der Insel für Erleichterung. Unklar blieb aber, ob es tatsächlich auch eine Einigung mit Paris über die geforderten Truckertests geben würde. Die entsprechenden Zentren, etwa auf dem stillgelegten Flughafen Manston bei Ramsgate, soll auf britischer Seite die Armee bemannen – Soldaten hatten der überforderten Regierung schon im Sommer aus der Patsche geholfen, als die zunächst kaum vorhandene Infrastruktur endlich Hunderttausende von täglichen Covid-Tests ermöglichte. (Sebastian Borger aus London, 22.12.2020)