Vor den Toren der privaten Hilfseinrichtung Pane quotidiano (tägliches Brot) im reichen Mailand stehen seit November jeden Tag bis zu 3.500 Menschen Schlange.

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An christlicher Hilfsbereitschaft und privater Solidarität fehlt es nie in Italien, auch in Covid-Zeiten nicht: Zehntausende Freiwillige verteilen seit Monaten im ganzen Land jeden Tag Essenspakete an Bedürftige, in Neapel spendiert der Gewerbeverband den Armen täglich 500 Pizza Margherita, in Reggio Calabria hat ein Spielzeugladen das "giocatolo sospeso" erfunden, das "aufgehobene Spielzeug": Die Kunden können zusätzlich zu ihrem Einkauf ein weiteres Spielzeug bezahlen, das im Laden bleibt, bis es von einem Vater oder einer Mutter abgeholt wird, die selbst zu wenig Geld haben, um ihren Kindern ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen. Die Initiative ist ein großer Erfolg. Solche und ähnliche rührende Aktionen gibt es in jeder italienischen Stadt in diesem von der Covid-Pandemie gezeichneten Advent.

Auch der Staat hat sich nicht lumpen lassen: In Rahmen von einem halben Dutzend Covid-Hilfsdekreten hat die Regierung von Giuseppe Conte bisher 120 Milliarden Euro verteilt, um Private und Unternehmen vor dem Ruin zu retten. Doch für viele Italienerinnen und Italiener sind diese Hilfen – sofern sie überhaupt ankommen – nicht viel mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Wer infolge der Pandemie arbeitslos geworden ist, erhält zwischen 600 und 800 Euro monatlich, in seltenen Fällen bis zu 1.000 Euro. Vor allem in Norditalien reichen diese Beträge nicht aus, um über die Runden zu kommen. Und viele Bedürftige fallen durch alle staatlichen Raster – etwa die 800.000 arbeitslosen 18- bis 34-Jährigen, die schon vor dem Ausbruch der Pandemie auf Arbeitssuche waren und nun erst recht keinen Job finden.

Armer Süden

Die Folge: Laut dem nationalen Statistikamt Istat droht fünf Millionen Italienern bis Ende des Jahres der Abstieg in die Armut. 8,8 Millionen gelten schon heute als arm. Gemeint ist die "relative Armut", die in Italien Familieneinkommen betrifft, die unter 1.094 Euro monatlich liegen. Von den 8,8 Millionen Armen leben fünf Millionen in "absoluter Armut". Das heißt, dass diese Familien nicht genug zu essen haben, dass der Zugang zur medizinischen Versorgung erschwert und dass auch die Teilhabe an Bildung und Kultur eingeschränkt ist. Der größte Teil der Armen Italiens lebt in den südlichen Regionen Kalabrien, Sizilien, Apulien, Basilicata, Molise und Kampanien.

Die sozialen Folgen der Covid-Pandemie sind in Italien nicht einfach ein statistischer Wert – sie sind besonders in den großen Städten jeden Tag im Straßenbild zu beobachten. Vor der privaten Hilfseinrichtung Pane quotidiano (tägliches Brot) im reichen Mailand stehen seit November jeden Tag bis zu 3.500 Menschen Schlange, um für eine warme Mahlzeit und andere Güter des täglichen Bedarfs anzustehen. Vor den drei Stützpunkten der Römer Caritas sieht man ähnliche bedrückende Szenen. Bischof Gianpiero Palmieri von der Diözese Rom erinnert daran, dass sich die Zahl der verteilten Essenspakte schon während der ersten Infektionswelle versechsfacht hatte. In der jetzigen zweiten Welle, im Winter, sei die Situation vor allem für die wachsende Zahl von Obdachlosen dramatisch, weil die Zahl der Betten in den Notschlafstellen wegen der Covid-Restriktionen habe reduziert werden müssen.

Düstere Aussichten

Die große Sorge von Bischof Palmieri und auch der nichtkirchlichen Hilfsorganisationen ist, dass die neue, von der Covid-Pandemie verursachte Armut bleiben und chronisch werden wird. Tatsächlich sind die wirtschaftlichen Aussichten eher düster: In Italien hat das Coronavirus ein Land heimgesucht, das schon vor der Pandemie während Jahrzehnten wirtschaftlich stagnierte und das durch Covid nun um weitere Jahrzehnte zurückgeworfen wird. In diesem Jahr wird sich das Volumen der italienischen Wirtschaft um zehn Prozent reduzieren. Laut dem privaten Wirtschaftsforschungsinstitut CGIA in Mestre wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) am Ende dieses Jahres inflationsbereinigt demjenigen des Jahres 1998 entsprechen. Sizilien wird sich am 31. Dezember sogar auf dem Stand des Jahres 1989 wiederfinden.

Zwar rechnet auch die italienische Regierung mit einer Erholung im kommenden Jahr – wobei die Prognose mit einem Wachstum des BIP um 4,3 Prozent im Vergleich zu anderen EU-Ländern bescheiden ausfällt. Aber über dem erhofften Aufschwung schweben gleich zwei Damoklesschwerter. Zum einen droht ein Massaker auf dem Arbeitsmarkt: Mit Kurzarbeitergeld und einem Verbot von Kündigungen wurde erreicht, dass in der Pandemie bisher "erst" 500.000 Arbeitsplätze verloren gegangen sind. Beide Maßnahmen werden aber im März 2021 auslaufen, und laut Schätzungen könnten dann bis zu einer Million Beschäftigte ihre Arbeit verlieren.

Hohe Staatsverschuldung

Zum anderen erreicht Italiens Staatsverschuldung immer schwindelerregendere Höhen: Inzwischen liegt sie bei knapp 160 des BIP. Allein in diesem Jahr hat die Regierung über 200 Milliarden Euro an neuen Anleihen aufgelegt, hauptsächlich zur Finanzierung der Covid-Hilfspakete und für Zinsen, also für Konsumausgaben. Solange die Europäische Zentralbank weiterhin unbeschränkt italienische Schulden kauft, ist dies kein Problem. Eines Tages aber wird der Schuldenberg zur schweren Hypothek für das Wachstum der italienischen Wirtschaft werden. (Dominik Straub aus Rom, 22.12.2020)