SCHNEELEOPARD

Der Schneeleopard lebt in Mittel- und Südasien auf (noch) baumlosen Höhen über 2700 Metern.
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Der Schneeleopard ist nicht nur eine sehr charismatische Tierart, sondern auch eine stark bedrohte: Weltweit wird sein Vorkommen auf circa 4000 bis 6400 Tiere geschätzt, und im Zuge des Klimawandels könnten es noch deutlich weniger werden. Eine Initiative der Vereinten Nationen soll helfen, in Zentralasien geeignete Schutzflächen für die Großkatze zu finden. Mit an Bord ist auch die Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien.

Der Schneeleopard (Panthera uncia) ist eine von drei Flaggschiffarten, mit denen das UN-Umweltprogramm UNEP auf die Gefahren für bergbewohnende Pflanzen und Tiere auf der ganzen Welt aufmerksam machen will. Neben dem Schneeleoparden in Tadschikistan und Kirgisistan geht es auch um den Berggorilla in den Virunga-Bergen von Ruanda und Uganda (siehe unten) und den Königstiger im Hindukusch-Himalaja in Bhutan (siehe unten).

Arten und deren Beute erhalten

Alle drei Arten leben in Gebirgen und sind dadurch doppelt bedroht: einerseits durch zunehmende menschliche Aktivitäten in ihrem Lebensraum, wie die Gewinnung von Bodenschätzen und die gesteigerte Nutzung von Weideflächen und Wasser, andererseits durch die voranschreitende Erderwärmung, die in Gebirgen rascher vor sich geht als in vielen anderen Lebensräumen.

Unter dem Titel "Vanishing Treasures" ("Verschwindende Schätze") sollen diese drei und noch viel mehr erhalten werden, denn sie stehen stellvertretend für zahlreiche andere, oft weniger auffällige Spezies, die gleichzeitig von ihrem Schutz profitieren, darunter im Fall der Großkatzen auch deren Beutetiere. Von den dreien verzeichnet lediglich der Berggorilla (Gorilla beringei beringei) steigende Zahlen, allerdings ausgehend von einem sehr niedrigen Stand: In den letzten zehn Jahren hat sich sein Bestand verdoppelt – auf rund 1000 Exemplare. Vom Königstiger (Panthera tigris tigris) gibt es noch rund 2500 Individuen auf der Welt. Das Programm, das vom Großherzogtum Luxemburg finanziert wird, will diese Zahlen auch in der Zukunft zumindest erhalten, wenn möglich aber erhöhen.

Schneeleoparden leben in Mittel- und Südasien auf baumlosen Höhen über 2700 Meter. Eines der zwölf Länder, in denen die Art vorkommt, ist Tadschikistan. Von dort stammt der Wildbiologe Khalil Karimov, der sein Studium an der Universität für Bodenkultur Wien (Boku) absolviert hat und nun im Rahmen von "Vanishing Treasures" federführend am Schutz der Großkatze in seiner Heimat beteiligt ist.

"Im Laufe des Klimawandels kann es sein, dass wir Schutzgebiete für Großsäuger wie den Schneeleoparden ausweisen, die dort in ein paar Jahrzehnten gar nicht mehr lebensfähig sein werden", führt Klaus Hackländer vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Boku aus, dessen Master-Student Karimov war und der selbst an dem Programm als wissenschaftlicher Koordinator mitwirkt.

Klimawandel als größte Gefahr

Tatsächlich sagen Klimamodelle, die im Rahmen des Programms durch die tadschikische Akademie der Wissenschaften erstellt wurden, voraus, dass nur ein Drittel der heutigen Schneeleopard-Gebiete in den nächsten Jahrzehnten noch als solche geeignet sein werden. Es ist nämlich zu erwarten, dass feuchtwarme Wirbelwinde innerhalb der nächsten 50 Jahre die heute trocken-kalten Regionen nachhaltig verändern werden: Höhere Lufttemperaturen bedeuten auch wärmere Böden, und wenn der Permafrost aufgeweicht wird, beginnen darauf Pflanzen zu wachsen. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis hier Bäume stehen.

"Der Wald ist das Gebiet des Leoparden", erklärt Hackländer, "und dieser duldet keine Schneeleoparden in seinem Territorium." Der Osten des Pamir-Gebirges, das zum größten Teil in Tadschikistan liegt, sollte durch vorgelagerte Hochländer vor dieser Entwicklung allerdings geschützt sein. Von den geschätzten 300 bis 400 Schneeleoparden, die in Tadschikistan leben, dürften mehr als 200 im Pamir-Gebirge ihre Heimat haben, was die Gegend zu einem aussichtsreichen Kandidaten für ein Schutzgebiet macht.

Ein solches Vorhaben lässt sich jedoch nicht ohne Mitwirkung der Bevölkerung verwirklichen. Deshalb war Khalil Karimov in den letzten Monaten vor allem damit beschäftigt, entsprechende Workshops mit den menschlichen Bewohnern abzuhalten. Darin wird die Bevölkerung unter anderem dafür sensibilisiert, welchen Wert Wildtiere – unter anderem für den Tourismus – haben.

Vor allem das Problem der Wilderei lässt sich am besten in den Griff bekommen, wenn die Menschen in den betroffenen Gebieten selbst dagegen sind. Im Bereich des Ökotourismus werden auch ungewöhnliche, auf den ersten Blick widersinnige Wege beschritten: So bietet die Organisation ANCOT, die Association of Nature Conservation Organizations of Tajikistan, nicht nur geführte Wanderungen, Naturbeobachtungen und Fotosafaris an, sondern auch Jagderlebnisse mit dem Gewehr.

Ökotourismus mit Abschusslizenz

Zum Abschuss kommen dabei auch geschützte Huftierarten, wie die seltene Buchara-Schraubenziege, auch Markhor genannt – allerdings nach strengen Richtlinien: Je nach Populationsgrößen darf pro Jahr nur eine bestimmte Anzahl an Tieren erlegt werden, und diese werden so ausgesucht, dass die Altersstruktur und die genetische Vielfalt der Population möglichst wenig beeinträchtigt werden. Die Abschusslizenzen haben einen stolzen Preis: Ein alter Bock mit entsprechend langen Schraubenhörnern kann bis zu 150.000 US-Dollar kosten.

Das Gute daran: 80 Prozent des Geldes bleiben im Ort und ermöglichen der ansässigen Bevölkerung das Überleben ohne Wilderei. "Das ist vielleicht nicht der schönste Weg", gibt Hackländer zu, "aber er funktioniert: Die Huftiere wurden früher als Fleischquelle heftig bejagt. Jetzt werden nur einige wenige entnommen, und die bringen so viel Geld, dass es sich für die Leute vor Ort auszahlt, auf sie aufzupassen."

Auch in dem im Pamir angedachten Schutzgebiet wird extensive Nutzung erlaubt sein. Die Zahl der Weidetiere soll allerdings beschränkt werden, denn wenn diese die Weideflächen besetzen, weichen die wilden Pflanzenfresser häufig in weniger geeignete Habitate aus. Nachteilige Folgen für Wildschafe und -ziegen sind unter diesen Umständen nicht auszuschließen, und das wiederum kann sich auch negativ auf den Schneeleoparden auswirken, der sie gern frisst – und das will niemand.


BERGGORILLA

Berggorillas sind nur noch an zwei Orten auf der Welt zu finden. Ihr Lebensraum wird auch dort immer knapper.
Foto: AP/Felipe Dana

Der Berggorilla ist eine Unterart des Östlichen Gorillas (Gorilla beringei), die nur an zwei Orten auf der Welt zu finden ist, nämlich im Bwindi-Nationalpark in Uganda und in den Virunga-Bergen im Grenzgebiet zwischen Ruanda, Uganda und der Demokratischen Republik Kongo, auf die sich das "Vanishing Treasures"-Programm konzentriert. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden sind die Berge und ihre Bewohner durch den Film Gorillas im Nebel aus dem Jahr 1988.

Männliche Berggorillas können bis zu 1,70 Meter groß und 160 Kilogramm schwer werden, während die Weibchen nur ungefähr halb so viel auf die Waage bringen. Ab ungefähr dem zwölften Lebensjahr entwickeln die Männchen eine silbrige Rückenpartie; ab dann werden sie als Silberrücken bezeichnet. Berggorillas leben in Familienverbänden, die meistens aus einem solchen Silberrücken, drei bis vier Weibchen und deren Nachwuchs bestehen.

Berggorillas sind die einzigen Menschenaffen, deren Bestand in den letzten Jahren zugenommen hat: in den Virungas von etwa 480 Individuen im Jahr 2010 auf knapp über 600 bei der letzten Zählung 2016. Gemeinsam mit den geschätzten 400 Exemplaren im Bwindi-Nationalpark ergibt das einen Bestand von etwa 1000 Tieren. Für den Schutz der Berggorillas spielt Ökotourismus eine tragende Rolle: Das Einkommen aus den geführten Naturbeobachtungen stellt sowohl für die Nationalparks als auch für die Bevölkerung vor Ort eine wichtige Einnahmequelle dar und macht die Tiere entsprechend wertvoll.

Gesundheitsrisiko Mensch

Nichtsdestotrotz sind sie nach wie vor bedroht: Ihr Lebensraum liegt in einer der am dichtesten besiedelten Regionen Afrikas. Dazu sind die Hänge der Virunga-Berge sehr fruchtbar, sodass der Boden zusehends landwirtschaftlich genutzt wird. Die lokale Bevölkerung, die auf der Suche nach Trinkwasser und Feuerholz immer tiefer in die Wälder vordringt, stellt auch ein Gesundheitsrisiko für die Affen dar: Gorillas und Menschen haben zu 98 Prozent dasselbe Erbgut, was die Tiere anfällig macht für Krankheiten wie Grippe und Lungenentzündung.

Die genauen Auswirkungen der umgebenden menschlichen Siedlungen auf die Gorillas sind noch nicht umfassend erforscht, ebenso wenig wie die Folgen des Klimawandels. Es zeichnet sich bereits ab, dass das Klima einerseits wärmer und feuchter wird als bisher, andererseits aber auch längere Trockenperioden auftreten. Das "Vanishing Treasures"-Programm will Möglichkeiten finden, die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung und die der Gorillas auch unter geänderten Klimabedingungen zu vereinen und Konflikte zwischen beiden so dauerhaft zu verhindern.


KÖNIGSTIGER

In Bhutan leben die Königstiger, auch Bengal- oder Indische Tiger genannt, auf Höhen von bis zu 4500 Metern.
Foto: AFP/Rashide Frias

Der Königstiger, auch Bengaltiger oder Indischer Tiger genannt, ist eine von fünf Unterarten des Tigers (Panthera tigris), von der es noch geschätzte 2500 Exemplare gibt. Er bewohnt Indien, Nepal, Bangladesch und Bhutan. Das "Vanishing Treasures"-Programm, das sich mit Gebirgsarten befasst, konzentriert sich auf Bhutan, wo die Tiger auf Höhen von bis zu 4500 Metern vorkommen. Die Anzahl der Tiger in Bhutan wird auf knapp über 100 Stück geschätzt.

Tigermännchen können von der Schnauzen- bis zur Schwanzspitze bis zu 3,30 Meter lang werden und mehr als 300 Kilo wiegen, was den Tiger zu einem der größten Beutegreifer der Welt macht. Das hat sich jedoch nicht als ausreichender Schutz erwiesen: Schätzungen zufolge hat sich sein Bestand in den letzten 30 Jahren halbiert – auf weniger als 4000 Individuen weltweit. Verantwortlich dafür sind vor allem Habitatverlust und Wilderei bzw. Konflikte mit dem Menschen.

Tiger ernähren sich in erster Linie von großen Säugetieren wie Antilopen und Hirschen, erbeuten aber auch Nutztiere: In der Provinz Trongsa, in der eines der beiden Aktionsgebiete von "Vanishing Treasures" liegt, fielen seit 2016 mehr als 600 Stück Vieh Tigern zum Opfer. Das sorgt naturgemäß für Konflikte, auch wenn der Tiger in Bhutan bei der Bevölkerung hohes Ansehen genießt.

Kamerafallen und Kotproben

Wie andere Gebirgsländer im Himalaja ist auch Bhutan stark von der Erderwärmung betroffen: Die Durchschnittstemperaturen steigen, die Gletscher schmelzen, und Dürreperioden nehmen zu. Schwankende und schwer vorhersagbare Regenmengen sorgen für Probleme in der Landwirtschaft, während gleichzeitig die menschliche Landnutzung zunimmt. All diese Faktoren setzen sowohl die Menschen als auch die Wildtiere der Region – darunter den Tiger – unter Druck.

Um die Lage aller Beteiligten zu verbessern, unterstützt "Vanishing Treasures" einerseits die Bevölkerung mit Schutzmaßnahmen für ihr Vieh, wie etwa Elektrozäunen, aber auch mit der Einführung von ertragreicheren Rassen und besserem Futter für die Nutztiere, um deren Produktivität zu erhöhen. Gleichzeitig arbeitet das Programm daran, mehr über das Verhalten und die tatsächliche Verbreitung des Tigers herauszufinden.

So unterstützt es die Installation von Kamerafallen durch das ortsansässige Bhutan Tiger Center: Seit vorigem Sommer sind bereits 70 Stück angebracht worden. Geplant sind außerdem genetische Untersuchungen der Tiger mittels Kotproben sowie Studien zur Häufigkeit seiner Beutetiere – und natürlich zum Einfluss des Klimawandels auf Mensch und Tier. (Susanne Strnadl 1.1.2021)