Im Gastkommentar widmet sich Lehrer und Dozent Georg Cavallar dem Spannungsfeld zwischen wehleidigen Egoisten und braven Regelbefolgern.

Im "spirituellen" Mittelpunkt der Konsumgesellschaft steht das Weihnachtsgeschäft. Moralische Appelle dringen kaum durch.
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Kinder ab zehn Jahren müssen in den Schulen nun auch während des Unterrichts eine Maske tragen. Die Oberstufen sind seit Wochen auf Distance-Learning umgestellt – auch wenn manche wie die Infektionsepidemiologin Daniela Schmid vermuten, dass dies durch private Kontakte außerhalb der Schule konterkariert wird. Der Strafrechtsprofessor Hubert Hinterhofer meint, dass die Teilnahme an Partys gerichtlich strafbar sein könnte.

Das ist die eine Seite. Die andere: Erwachsene, die sich im Büro oder auf der Baustelle versammeln, als ob es keine Pandemie gäbe. Unternehmen, die vor dem 7. Dezember "letzte Aufrufe" zum Punschtrinken im Freien starteten, wo Mindestabstände weitgehend nicht eingehalten wurden. Beiträge in Zeitungen drehen sich – aus nachvollziehbaren Gründen – vor allem um das Weihnachtsgeschäft, um Gastronomie, das Skifahren oder den Tourismus. Beiträge über Tod und Trauer haben hingegen Seltenheitswert (siehe Natascha Strobls Gastkommentar "Es sind unsere Toten", DER STANDARD, 4. Dezember 2020).

Viele Seiten

Hier der Rechtsstaat, der versucht, mithilfe von Verordnungen und der Androhung von Sanktionen die Pandemie einzudämmen (auch das ist natürlich nachvollziehbar). Da die – mit Jean-Jacques Rousseau gesprochen – moderne "Commercial Society", die aus tendenziell wehleidigen Egoisten besteht, denen es vor allem um Konsum, Unterhaltung und Spaß geht. Verzichten? Das ist etwas für die anderen – nämlich jene, die dumm genug sind, sich an Regeln zu halten. Eigenverantwortung? Jeder interpretiert das doch anders.

Rousseaus Urteil über die moderne Gesellschaft war wohl zu pessimistisch, verallgemeinernd und überzogen. Viele, die ihre Wohnung entgegen den Corona-Bestimmungen verlassen, sind vielleicht keine spaßorientierten Egoisten, sondern sitzen in einer kleinen Wohnung oder leiden unter einer schwierigen Familiensituation oder der (drohenden) Arbeitslosigkeit. Über den Anteil an Egoisten in unserer Gesellschaft lässt sich lange streiten.

Gesellschaft und Gemeinschaft

Der deutsche Soziologe Ferdinand Tönnies hat diese Spannungen mit den Begriffen "Gesellschaft" und "Gemeinschaft" beschrieben. In der Gesellschaft sind die Mitmenschen Mittel zu den eigenen Zwecken wie etwa dem Konsum. In einer Gemeinschaft orientieren sich die Einzelnen an den Zielen des sozialen Ganzen, ohne dass der Rechtszwang des Staates nötig wäre. In Gesellschaften dominieren der Individualismus und die individuelle Freiheit. Beide sind im "Age of Entitlement" primär dazu da, alle möglichen Arten von Verantwortungslosigkeit zu rechtfertigen.

Jeder Staat versucht, rechtliche Normen mit Rechtszwang durchzusetzen. Corona zeigt, wie lückenhaft das manchmal funktioniert: Die Sanktionen der Regierung sind oft ineffizient oder wirkungslos, etwa bei Anzeigen wegen Nichtbeachtung der Corona-Bestimmungen. Wie immer ist der Rechtsstaat auch auf die Kooperationsbereitschaft der Einzelnen angewiesen.

Potenziell gefährlich

Also: mehr Gemeinschaft? Rousseau hat das gefordert. Seine ideale Republik ist eine politische Gemeinschaft der tugendhaften Bürgerinnen und Bürger, die sich an der Nation orientieren und für diese auch aufopfern. Heute entspricht diesem Denken die Forderung nach "mehr Gemeinschaft". Diese ist aber immer auch gefährlich. Das können wir an Sekten oder radikalen Gruppierungen sehen, die an das Gemeinschaftsgefühl appellieren und dieses instrumentalisieren. Gemeinschaft ist potenziell immer totalitär. Typisches Beispiel ist die "Volksgemeinschaft" im Dritten Reich mit dem erschreckenden Motto: "Du bist nichts, Dein Volk ist alles!"

Gemeinschaft gibt es allerdings auch in einer vernünftigen und vertretbaren Variante. Immanuel Kant hat mit dem "ethischen Gemeinwesen" eine moralische Gemeinschaft der Solidarität konzipiert, die die Rechtsgemeinschaft ergänzt – ohne Zwang, bestehend aus mündigen Bürgerinnen und Bürgern, die ihre eigene Vernunft und ihre moralischen Anlagen kultiviert haben.

Moralische Appelle

Heute haben wir mehrheitlich eine Gesellschaft der Konsumentinnen und Konsumenten anstatt einer idealen moralischen Gemeinschaft. Im "spirituellen" Mittelpunkt stehen das Weihnachtsgeschäft und damit verbundene Konsumhaltungen.

Was wird geschehen? Das, was wir schon jetzt haben: moralische Appelle von der Politik, unterstützt von Prominenten in der Art von "Wir müssen alle zusammenstehen", "Schützen wir uns selbst und damit andere", "Wir brauchen einen nationalen Schulterschluss". Ob das reichen wird? Die Regierung tut sich schwer, die Bevölkerung von der Angemessenheit der Maßnahmen zu überzeugen. Bund-Länder-Hickhack, die Suche nach Sündenböcken, Versäumnisse in den Sommermonaten oder rechtswidrige Verordnungen tragen nicht gerade zur Überzeugungsarbeit bei. (Georg Cavallar, 23.12.2020)