In den kommenden Tagen werden viele versuchen, sich von der "stressigsten Zeit des Jahres" zu erholen. Geschenke besorgen, nachdenken, wer sich worüber freuen würde und was an den Feiertagen gegessen werden könnte. Heuer kommen noch zusätzliche Fragen dazu: Wer darf wohin und wie viele? Es sind vor allem Frauen, die die Vorweihnachtszeit als die stressigste des Jahres bezeichnen.

Meistens sind sie es, die dafür zuständig sind, dass der feiertägliche und auch der alltägliche (familiäre) Laden läuft. Ohne dass das irgendwann in der Familie so beschlossen worden wäre, sondern schlicht, weil sich Frauen entlang der traditionellen Geschlechterrollen schon immer um alles kümmerten, was die Familie, die Kinder und die ganze Organisation drum herum betrifft. War so, und ist noch immer so.

Weihnachten bedeutet für viele Frauen vor allem Arbeit. Arbeit, die nicht anerkannt und schon gar nicht in irgendeiner Weise bezahlt ist.
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Für diese unausgesprochene alleinige Zuständigkeit hat sich heuer erfolgreich ein Begriff verbreitet, der der damit einhergehenden Belastung einen Namen gibt: Mental Load. Die ständige "mentale Last", oder die "Gedankenarbeit", die Dinge, die ständig im Kopf herumschwirren, entweder weil man sie selbst erledigen oder jemanden daran erinnern muss. Es ist die gesamte Organisationsarbeit rund um den Alltag, den Haushalt und das soziale Leben. Dazu gehört das Wissen, wo alles ist – vom Tixo bis hin zu den warmen Fäustlingen –, ebenso wie das Wissen, wann was erledigt werden muss.

Der Kinderarzttermin muss ausgemacht, eine Geschenkidee für Tante Erni gefunden werden, Blumen müssen gegossen, Betten überzogen, das Kind muss an die Hausaufgaben erinnert und Tantes Ernis Geschenk schließlich auch besorgt werden. Und: Reicht die Milch noch? Ach ja, größere Hausschuhe für die Schule müssen auch her. Es ist Arbeit, die vor allem für jene unsichtbar ist, die sie nicht machen. Arbeit, die nicht anerkannt und schon gar nicht in irgendeiner Weise bezahlt ist. Um den Abwasch fragen?

Mental Load

Die französische Comicautorin Emma hat auf die Mental Load in ihrem Comic Du hättest doch bloß fragen müssen zum ersten Mal breitenwirksam und auf witzige Art aufmerksam gemacht. Allerdings mit einem bitteren Beigeschmack für die vielen Frauen, die sich in ihren Zeichnungen wiederfanden. Etwa wie sie vor einer mit Tellern und Töpfen überquellenden Spüle steht und ihren Partner fragt, warum er den Abwasch nicht gemacht habe, und der von der Couch aus antwortet: Du hast nicht gesagt, dass ich abspülen soll!

Vor allem in diesem Corona-Jahr, als unvorhergesehen die gesamte Organisation im und rund um den Job umgeworfen wurde, die Kinderbetreuung plötzlich auf dem Kopf stand und das Zuhause auch noch Büro und Schule gleichzeitig sein musste, wog diese Last schwer. Kein Wunder, dass die Bücher zur Mental Load heuer nur so aus dem Boden schossen. Sie heißen Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles, Beat Your Mental Load, oder sie werden als Das Mama Buch gegen Mental Load angepriesen. Demnach scheint nicht nur die Mental Load bei den Frauen zu liegen, sondern offenbar auch das Finden von Lösungen für diesen Stress.

"Nicht mehr fragen, wo was ist, sondern selber suchen." Ein männlicher User im Blog von Patricia Cammarata

Das bisher erfolgreichste Buch im deutschsprachigen Raum kam im Frühjahr dieses Jahres von der Bloggerin, Podcasterin und Autorin Patricia Cammarata, die sich seit 2018 mit der Mental Load befasst. "Ich denke, das Thema trifft einen Nerv", sagt sie dem STANDARD. Regelmäßig bekomme sie die Rückmeldung: "Ich habe jahrelang nicht verstehen können, was mit mir los ist, wusste nicht, was mich so fertigmacht." Aber jetzt, wo es einen Begriff dafür gebe, fühlte es sich für viele nach einer längst nötigen Diagnose für ein noch länger bestehendes Problem an, sagt Cammarata.

Unbezahlte Arbeit

In ihrem Buch bietet sie Ideen an, wie diese Dauerbelastung besser geteilt werden kann. Klar wird schnell: Um eine umfassende Excel-Liste mit allen Dingen, an die gedacht und die getan werden müssen, wird man nicht herumkommen. Ebenso wenig um Gespräche, in denen klipp und klar auf- und zugeteilt wird. Und jene, die nicht mehr für etwas zuständig sind, sollen sich auch wirklich nicht mehr darum kümmern.

Und wenn was schiefgeht? Der Elternsprechtag übersehen wird? Die Zähne der Kinder nicht geputzt wurden? Dann geht in den meisten Fällen die Welt nicht unter. Es gehe auch gar nicht immer um eine exakte 50:50-Lösung, so Cammarata, sondern darum, dass der Partner sieht, was der andere alles macht.

In Zahlen bildet sich die schlechte Verteilung der unbezahlten Arbeit allerdings schon lange ab. Laut einer Studie von Oxfam, einem internationalen Verbund verschiedener Hilfs- und Entwicklungsorganisationen, leisten Frauen und Mädchen weltweit täglich zwölf Milliarden Stunden unbezahlte Haus-, Pflege- und Fürsorgearbeit. Auch hierzulande erledigen zwei Drittel der Haus- und Sorgearbeit Frauen. Allerdings stammen diese Zahlen aus einer Erhebung von 2008/2009. Die ÖVP/FPÖ-Regierung zwischen 2017 und 2019 hat die unter den Vorgängerregierungen übliche Praxis, alle zehn Jahre an einer europaweiten Zeitverwendungsstudie teilzunehmen, nicht fortgeführt.

Die derzeitigen Regierungspartner ÖVP und Grüne haben die Durchführung der Studie vor einem Jahr wieder im Regierungsprogramm verankert und diese auch für das kommende Jahr budgetiert. Zeitverwendungsstudien erfassen aber nur jene Arbeiten, die in einem bestimmten Zeitabschnitt verrichtet werden, bei der Erhebung aus dem Jahr 2008/2009 waren es 30-Minuten-Einheiten. Das "daran denken", die gedankliche und kommunikative Organisationsarbeit, ist so allerdings kaum erfassbar.

Einfach selber suchen

"Eine Ebene weiterzugehen und den unsichtbaren Teil – die Planungs- und Verantwortungslast – zu betrachten ist relativ neu", sagt Cammarata. Seit Jahren befassen sich Wissenschafterinnen und Aktivistinnen mit der Ungleichverteilung von Care-Arbeit, mit den sichtbaren To-dos, sagt sie. Selbst bei diesen sieht Cammarata je nach Familienkonstellation ein riesiges Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Und obwohl dieses ausreichend durch Studien belegt ist, werde auf politischer Ebene immer noch zu wenig dagegen unternommen.

Für viele Alleinerziehende stellt sich die Frage der Verteilung der Mental Load meist erst gar nicht. Für sie war das Corona-Jahr ohne verlässliche Kinderbetreuung besonders hart. Laut einer Umfrage der WU Wien in der ersten Jahreshälfte arbeiteten Alleinerziehende, 90 Prozent von ihnen sind Frauen, 15 Stunden pro Tag. Neun Stunden davon sind unbezahlte Sorgearbeit und Kinderbetreuung. Was ist mit der Mental Load bei jenen, die tatsächlich allein zuständig sind? "Da kann der Appell nur an alle Familien gehen, die in irgendeiner Form jemanden haben, mit dem Mental Load und Care-Arbeit geteilt werden können", empfiehlt Cammarata. Die Erwartungen an Alleinerziehende sollten auch komplett runtergeschraubt werden, bei Schulfesten sollten sie keine komplizierten Käsespieße beitragen müssen, und auch andere Arbeiten könnte man sich solidarisch mit Alleinerziehenden teilen.

Dass die geteilte Verantwortung schon ganz im Kleinen anfangen kann, zeigte sich kürzlich, als Patricia Cammarata auf Twitter nachfragte, welche Veränderungen Leserinnen und Leser ihres Buchs in ihren Alltag eingebaut hätten. Ein (männlicher) User antwortete: "Nicht mehr fragen, ‚wo ist …‘, sondern selber suchen." (Beate Hausbichler, 24.12.2020)