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Was mit Vernunft nicht gelang, haben eine gefährliche Mutation des Coronavirus in Südengland, die Gefahr des Überspringens über den Ärmelkanal und eine rigorose französische LKW-Blockade als Reaktion darauf binnen weniger Tage geschafft: Boris Johnson ist eingeknickt.

Der britische Premierminister rückte vom Plan eines No-Deal-Szenarios ab. Ein solcher vertragsloser Zustand hätte sein Land nach dem Brexit vom Kontinent wirtschaftlich hart abgrenzen, "befreien" sollen. Im realen Leben zeigte sich das Gegenteil. Kaum waren die Transportketten über Calais und Dover Richtung London lahmgelegt, brach wirklich Chaos aus: auf britischer Seite. Ausgerechnet vor Weihnachten warnten Supermarktbetreiber vor leeren Regalen bei Frischwaren.

Die Folge: Die Europäische Union und Großbritannien konnten sich fast in letzter Minute doch noch auf einen Freihandelsvertrag einigen. Das ist eine gute Nachricht. Weniger gut ist, dass dieses Abkommen wegen unnötigen Zeitverlusts parlamentarisch vor Jahresende nicht mehr ordentlich behandelt werden kann. Es wird provisorisch inkraft treten, muss 2021 nachverhandelt werden.

Aus EU-Sicht hat das aber auch Vorteile: Die Lage bleibt stabil, der Binnenmarkt mit den Briten groß und offen. Und die Bürger haben mehr Zeit, sich auf Änderungen einzustellen. (Thomas Mayer, 24.12.2020)