QAnon-Anhänger am 2. November bei einer Kundgebung zur Unterstützung von Fox News vor dessen Zentrale in New York. Bald darauf fiel der Sender auch bei "Qs" Gefolgschaft in Ungnade, als er als erstes Medium einen Sieg von Biden im Bundesstaat Arizona prognostizierte.

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Monatelang sorgte QAnon für Schlagzeilen mit immer wieder neuen, wirren Erzählungen. Die lose Gruppierung, in deren Zentrum nach dem Glauben der Mitglieder ein mysteriöser Informant aus hohen US-Militärkreisen steht, fand sogar manche Proponenten unter bekannten US-Politikern. Trump selbst hatte zur Verbreitung von QAnon-Inhalten beigetragen und mit Marjorie Greene wurde in einem tiefrepublikanischen Wahlbezirk Georgias eine Vertreterin in den Kongress gewählt, die lange offen die Ansichten von "Q" propagiert hatte.

2017 erklärte Greene in einem Video auf Facebook, dass es eine "einmalige Chance gibt, die globale Verbindung aus satanistischen Pädophilen auszuschalten", da man jetzt "den Präsidenten habe, um das zu tun." Gemäß den Erzählungen von QAnon betreiben linke und progressive Politiker, Filmstars und andere Prominente einen weltweiten Kinderhandelring und lassen Minderjährige im Untergrund gegeneinander kämpfen, um anschließend ihr mit der Adrenalin-Vorstufe Adrenochrom angereichertes Blut zu konsumieren. Trump, Putin und eine Reihe anderer autokratisch gesinnter Politiker würden jedoch gemeinsam im Geheimen an der Bekämpfung dieser Umtriebe arbeiten.

"Q" tauchte nach der US-Wahl ab

Doch mit dem Ausgang der US-Wahl, dem Sieg von Trumps Herausforderer Joseph Biden, hat die Bewegung massiv an Schwung verloren. "Q" ging kurz nach der Wahlnacht auf Tauchstation und veröffentlichte seitdem kaum noch Nachrichten oder kryptische Hinweise. Im Dezember übermittelte er bisher lediglich eine Botschaft an seine Anhänger, die einem Sieg Trumps entgegen gefiebert hatten.

Die Aktivität auf sozialen Medien und einschlägigen Plattformen hat stark abgenommen, auch Trumps juristische Finten und seine wiederholt vorgetragene, unbegründete Behauptung von weitreichendem Wahlbetrug vermochten daran nur wenig zu ändern. Auch wenn manche bekannteren Proponenten nach wie vor behaupten, dass Trump immer noch gute Chancen habe, am 20. Jänner eine zweite Amtszeit anzutreten.

Nicht der erste Rückschlag

Abschreiben sollte man QAnon deswegen allerdings nicht, warnen nun Experten in der Financial Times. Es ist nicht der erste Rückschlag in Form einer "Ankündigung", die nicht eintritt. So sei in der Erzählung von "Q" vor drei Jahren die Verhaftung von Hillary Clinton, die ein führender Kopf des herbeifantasierten Pädophilenrings sein soll, kurz bevor gestanden. Obwohl dies nicht geschah, wuchs die Bewegung kräftig weiter.

Auch außerhalb der USA legte die Verschwörungsgemeinde vor der Wahl noch ordentlich zu. Die größte QAnon-Seite in Frankreich war im Juli noch auf Rang 1300 in Sachen Besucheraufkommen. Im November war sie bereits unter die Top 300 aufgerückt.

Anhänger mit Ausdauer

Nicht nur Marjorie Greene hat sich eine Karriere über QAnon aufgebaut. Auch Anbieter für dubiose Nahrungsergänzungsmittel oder esoterische Heilrituale vermarkten ihre Produkte und Dienstleistungen erfolgreich an die Anhänger von "Q". Es ist unwahrscheinlich, dass sie künftig einfach auf dieses Einkommen verzichten. Für das Ausbleiben von Q-Botschaften springt nun die Community selbst mit ihren eigenen "Influencern" in die Bresche.

Und auch wenn Facebook und Twitter mittlerweile viele einschlägige Profile und Seiten entfernt haben, lebt die Erzählung auch dort weiter, geteilt von reichweitenstarken Accounts. Ohne Präsenz auf Mainstream-Plattformen wäre der Einfluss der Bewegung massiv geschwächt. Denn trotz anfänglich deutlichen Wachstums konnten alternative, von Rechtsaußen gepushte Plattformen wie Parler und Gab kaum Breitenwirkung entfalten, sondern dienen bis heute primär der Pflege der eigenen ideologischen Blase.

Basis zum "Warmhalten"

Samantha North, Leiterin der auf Desinformationsbekämpfung spezialisierten Firma North Cyber Research, hält es für durchaus denkbar, dass Trump diesen Teil seiner Wählerbasis weiterhin "warmhalten" und der Bewegung damit bei einem möglichen Wahlantritt im Jahr 2024 damit eine Plattform einräumen wird.

Vegas Tenold, der investigative Untersuchungen für die Anti-Defamation League betreibt, rechnet auch nicht einem baldigen Verschwinden von QAnon. Im Gegenteil, denn manche Politiker würden "mit Freude Öl ins Feuer gießen" und aus purem Eigeninteresse weiter Verschwörungserzählungen über Wahlbetrug und einen weltweiten Pädophilenring verbreiten. (red, 16.12.2020)