Nicht mehr in riesigen Marschkolonnen, sondern als hunderte kleinere Gruppen protestieren die Menschen inzwischen in Minsks Stadtteilen.

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Die Autoren Julia Cimafiejeva und Alhierd Bacharevic sind seit Dezember auf Einladung der Stadt Graz und der Kulturvermittlung Steiermark im Rahmen des Programms "Writer in Exile" in Österreich.

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Ende Oktober wurde Alhierd Bacharevic klar, dass die Gefahr in Belarus zu groß wird. Er und seine Partnerin Julia Cimafiejeva hatten seit August in Minsk gegen Machthaber Alexander Lukaschenko demonstriert. Als das Regime nun aber erklärte, alle Protestierenden würden identifiziert und streng bestraft, beschlossen die beiden Autoren, ihr Land zu verlassen, ehe es dafür zu spät wäre. Seit Anfang Dezember sind sie auf Einladung der Stadt Graz und der Kulturvermittlung Steiermark im Rahmen des Programms Writer in Exile für sechs Monate in Österreich. Was danach kommt, wissen sie noch nicht.

STANDARD: Wie muss man sich das Leben in Belarus seit August denken?

Bacharevic: Die Präsidentenwahlen haben das Leben in ein "Davor" und ein "Danach" geteilt. Auch früher wurde schon gegen Lukaschenko protestiert, aber nie so entschlossen. Die Antwort des Staates darauf ist allerdings blutiger denn je. Gegen uns stehen Polizei, Armee, Geheimpolizei und Strukturen, die wir nicht identifizieren können. Häufig werden Protestierende von Menschen festgenommen, die keine Uniformen tragen. Busse ohne Kennzeichen fahren herum und schnappen sich Menschen. Bürger werden für Fotos auf Instagram und die Nutzung der oppositionellen Kanäle der Plattform Telegram auf ihren Smartphones verprügelt und verhaftet. Die ganze riesige Maschine der Gewalt ist eingeschaltet. Es ist Krieg. Terror und Gesetzlosigkeit herrschen. Und die Welt schaut das alles an und weiß gar nicht, was tun.

STANDARD: Belarus gilt als die letzte Diktatur Europas. Wie war das Leben unter Lukaschenko bis zum Sommer?

Bacharevic: Die Bürger mussten die Macht des Diktators akzeptieren, dafür erlaubte die Diktatur, was sie nicht als bedrohlich für sich empfand. Man durfte etwa ausreisen, offen im Internet diskutieren, unabhängige Kultur entwickeln, kleine Unternehmen haben, vorsichtig die Macht kritisieren – aber ohne Grenzen zu überschreiten. Alle kannten diese Grenzen und versuchten, dem Staat möglichst nicht zu begegnen.

STANDARD: Wie vermied man das?

Bacharevic: Werte wie Meinungsfreiheit, Gleichheit, Demokratie bedeuteten für die meisten Belarussen wenig. Der Staat tötet uns nicht, es gibt Ordnung, keinen Krieg, wir haben Brot und Obdach, man kann ausreichend Geld für die täglichen Bedürfnisse verdienen, die Rente wird bezahlt, und neue Einkaufszentren eröffnen – so dachten viele. Das Leben eines "normalen" Belarussen verging zwischen Fernsehlüge und Sowjetnostalgie für die Rentner, Wohnbaukredit für die Jungen und manchmal dem Traum, Programmierer zu werden. Andersdenkende wurden aus dem Land geworfen oder sozial ausgeschlossen. Nur das Internet blieb für die freie Meinungsäußerung. Man hat versucht, es zu kontrollieren, doch erfolglos.

STANDARD: Wie schwer war es unter den Bedingungen, Kunst zu machen?

Bacharevic: Ich glaube, der Staat ging davon aus, dass Literatur und Kunst die Gesellschaft wenig beeinflussen. Es gab keine strenge Zensur. Natürlich kannte das Regime aber die Gefahr, dass Kunst freie und kritische Persönlichkeiten befördert. Nicht staatlich anerkannte Autoren durften folglich nicht im TV oder in staatlichen Zeitungen vorkommen. Auch die meisten Buchhandlungen sind staatlich.

Cimafiejeva: Bereits in den 1990ern haben oppositionelle Autoren Lukaschenko kritisiert, wofür sie aus den staatlichen Medien und dem Schulprogramm verschwanden. Die staatlichen Autoren pflegen hingegen Themen wie "Unser großer Sieg im Zweiten Weltkrieg", Patriotismus oder "Ewige Freundschaft mit Russland". Jeder Autor in Belarus muss sich überlegen, auf welcher Seite er steht. Trotzdem sind oppositionelle Autoren die bekannteren – nicht nur im Westen, sondern auch in Belarus.

STANDARD: Wie geht das?

Bacharevic: In den letzten Jahren hat sich eine starke unabhängige Kultur entwickelt: Verlage, Onlinemedien, Theater, Veranstaltungsorte. Sie ist groß, organisiert, flexibel.

STANDARD: Wo haben Sie publiziert?

Bacharevic: Ich war dieses Jahr etwa Kolumnist einer oppositionellen Zeitung. Sie erscheint nur mehr online, weil der Staat verboten hat, sie weiter zu drucken. Außerdem veröffentliche ich auf Radyjo Svaboda, auch Facebook ist sehr wichtig.

STANDARD: Erreicht man so viele?

Bacharevic: Wer sich dafür interessierte, fand Kultur immer. Wir lebten in diesem selbst geschaffenen Land freier Menschen. Auch ich glaube zwar, dass Bücher in Belarus weniger Wirkung haben als gute Artikel. Aber die Literatur hat sehr viel dazu beigetragen, das Selbstbewusstsein der Belarussen zu stärken, das Land und seine Geschichte zu entdecken, ebenso die Wichtigkeit der belarussischen Sprache und der nationalen Identität, die Notwendigkeit des Wandels. Wir Autoren haben über das geschrieben, was uns wehtat, hatten keine Angst, und unsere Leser haben jetzt keine Angst mehr. Auch für die Opposition war es wohl eine Überraschung, wie viele Ressourcen die versteckte Kultur hatte. Diese und das Belarus, das das Regime 25 Jahre lang aufgebaut hat, sind aufeinandergetroffen.

STANDARD: Warum gerade jetzt?

Bacharevic: Die Belarussen schämen sich, in einem so archaischen Staat zu leben, die neue Generation ist europäisch orientiert und versteht nicht, warum der Staat für sie ein so elendes Schicksal vorgesehen hat. Ebenso viele frühere Sympathisanten Lukaschenkos haben genug.

STANDARD: Auch Sie marschierten ...

Cimafiejeva: Von Anfang an. Es war sehr wichtig für uns, persönlich mit unseren Stimmen und Körpern der Macht zu zeigen, wie viele wir sind.

Bacharevic: Wir wissen, was es heißt, sich vor Razzien zu verstecken oder in Hinterhalte zu geraten.

Cimafiejeva: An Tagen, wo du nicht bereit bist, festgenommen zu werden, ist es besser, zu Hause zu bleiben. Doch selbst wegen einer weiß-rot-weißen Flagge am Balkon kann man verhaftet werden. Sogar wenn du deine weiß-rot-weiße Unterwäsche aufhängst, ist es ein Verbrechen, denn die Farbkombination ist streng verboten. Protestierende finden trotzdem Wege, Flaggen werden jetzt etwa in Flüsse und Seen eingefroren, Dienste brechen das Eis dann auf, um die Symbole zu zerstören. Es ist wie von Kafka, aber das ist das reale Leben in Belarus heute.

STANDARD: Sie schrieben früher Gedichte, nun ein Tagebuch der Proteste.

Cimafiejeva: Ich kann seit August keine politischen Gedichte mehr schreiben, weil ich die passende Sprache für diesen Schrecken nicht mehr finde. Dokumentarische Prosa scheint mir derzeit passender. Swetlana Alexijewitsch hat ja dafür den Literaturnobelpreis bekommen, ihr Lehrer Ales Adamowitsch mit derselben Polyphonie über das Leid des Zweiten Weltkriegs geschrieben. Das könnte unser nationales Genre sein. Viele Belarussen beschreiben ihre Unterdrückung nun in Artikeln und auf Facebook.

STANDARD: Dachten Sie, dass die Proteste schneller wirken würden?

Bacharevic: Wir hatten eine große Hoffnung. Die haben wir bis heute, jetzt ist aber klar, dass der Prozess schmerzhafter wird als geglaubt. Anhalten kann man ihn aber nicht. Belarus wird nie wieder so, wie es früher war. Lukaschenko muss weg.

STANDARD: Und dann?

Bacharevic: Freie Wahlen! Ich bin sicher, dass unser Land nicht nur geografisch, sondern auch politisch und kulturell ein Teil Europas ist. Wir erhalten aber keine ausdrücklichen Signale, dass die EU uns wirklich als Teil sehen möchte. Russland wird leider ein wichtiger Faktor sein, weil wir die Geografie nicht ändern können. Keine Revolution bringt alles, wovon die Menschen träumen. Das System Lukaschenko steckt zu tief. Unglaublich viele Strohmänner sind in der Bürokratie und im Sicherheitssystem beschäftigt. Belarus braucht Reformen in Wirtschaft, Polizei, Gesundheit, Landwirtschaft, Bildung.

STANDARD: Was kann Literatur tun?

Cimafiejeva: Literatur erzählt von Leiden und Mut, sie "speichert" sie für künftige Generationen, um ihnen zu zeigen, was wir schon durchgemacht haben. Literatur kann uns aber auch das Bild einer Zukunft geben, für die wir kämpfen können. (Michael Wurmitzer, 28.12.2020)