Die Corona-Krise hat dem weltweiten Handel einen Dämpfer versetzt. Mit dem Amtswechsel im Weißen Haus, dem Brexit und neuen Binnenmärkten dürfte das kommende Jahr in Handelsfragen spannend werden.

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Eines hat die Pandemie heuer verdeutlicht: wie eng verbunden die ganze Welt geworden ist. Einst galt es als Vergleich für das Belanglose, wenn in China ein Sack Reis umfällt. Was auf einem Fleischmarkt in einer chinesischen Provinz passiert, mach heutzutage hellhörig. Mit der Ausbreitung von Covid-19 machte ein Land nach dem anderen die Grenzen dicht und schickte die Wirtschaft in den künstlichen Tiefschlaf. Statt wie ursprünglich erwartet deutlich zuzulegen, schrumpft der Welthandel heuer um rund sieben Prozent.

Geteilte Welten

Hinter dem Durchschnittswert verbirgt sich eine Entwicklung, die für die Zukunft der Handelspolitik maßgeblich ist. Die Exporte der EU und der Vereinigten Staaten dürften laut der Handelsorganisation der Vereinten Nationen UNCTAD allein im vergangenen Quartal um jeweils rund zehn Prozent geschrumpft sein. Für China berechnen die Experten hingegen ein Exportplus von über zehn Prozent.

Mit der Zulassung einer Impfung rechnen Ökonomen mit einer Erholung des Welthandels. Experten der ING-Bank schätzen jedoch, dass das Vorkrisenniveau erst Anfang 2022 wieder erreicht wird. Die große Frage lautet: Wird sich bis dahin das Handelsgewicht weiter nach Asien verlagern, oder erleben die USA und Europa eine Aufholjagd, um die gewohnten Gewichtverhältnisse wiederherzustellen?

Protektionismus auf dem Vormarsch

Die vergangen beiden Jahrzehnte haben trotz gegenteiliger Beteuerung der Politiker schleichend zunehmenden Protektionismus gebracht, wie der Handelsexperte Simon Evenett feststellt. US-Präsident Donald Trump hat einem Trend, wie so oft, einen Schub verpasst. Dass die scharfe Rhetorik des Handelskrieges mit dem Republikaner das Weiße Haus verlässt, ist ein schwacher Trost für alle jene Unternehmen, die weiterhin von Strafzöllen betroffen sind. Der künftige Commander in Chief hat laut eigenen Angaben vorerst nicht vor, die Handelswaffen abzurüsten.

In den kommenden Jahren wird sich vielmehr zeigen, ob die USA gemeinsam mit der EU, Großbritannien und anderen Gleichgesinnten ein Regelwerk für einen offenen Welthandel schaffen werden, dem sich Großmächte wie China und Indien anschließen. Alternativ drohen der Zerfall in mehrere Handelsblöcke, wie er in den vergangenen Jahren voranschritt, und noch kompliziertere Regeln für den Warenverkehr – Experten sprechen gerne von einer Spaghettischüssel bei Zollregeln.

Ein Blick auf die wichtigsten Baustellen im Welthandel zeigt die Probleme, aber auch die Chancen für die Zukunft.

Hat Europa bald wieder den Kopf frei in Handelsfragen?
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  • Europas Gratwanderung

Für die Europäische Union wird 2021 eine Gratwanderung, wenn es um Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Handelsblöcken geht. Vor allem gilt es in Brüssel, die Beziehung zum wichtigsten Handelspartner, den USA, zu kitten. Unter dem scheidenden Präsidenten Donald Trump war die Stimmung dank diverser Strafzölle und Drohungen vergiftet.

Doch auch wenn Beobachter erwarten, dass sich der Ton unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden verbessern wird, müssen unterschiedliche Interessen austariert werden. Die EU_hat eine schärfere Gangart mit den großen Tech-Monopolen angekündigt, eine Digitalsteuer wird in Brüssel als EU-eigene Einkommensquelle erwogen. Hauptbetroffene wären die US-Riesen wie Alphabet, Amazon, Apple oder Facebook. Gleichzeitig finalisiert Brüssel derzeit mit Peking ein Investitionsabkommen, das in den Washington kritisch beäugt wird.

Des Weiteren wird das neue Brexit-Handelsabkommen dem Praxistest unterzogen. Zollkontrollen werden den Warenverkehr künftig behindern, der Status von Nordirland birgt Sprengkraft und für das Finanzwesen gibt es noch gar kein Regelwerk.

Künftig könnte Asiens Handelspolitik bei den Treffen der neuen Handelszone RCEP entstehen.
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  • Asien hat nun weltgrößte Handelszone

Zur Regionalen, umfassenden Wirtschaftspartnerschaft RCEP gehören 15 asiatische Volkswirtschaften. Außer Indien sind alle großen Länder der Region dabei. Der weltweit größte Handelsblock umfasst ein knappes Drittel der Erdbevölkerung und Wirtschaftsleistung.

Nicht nur aufgrund der Größe, wird der Block für die Zukunft des Welthandels eine bedeutende Rolle spielen. Das seit 2020 bestehende Abkommen betrifft zwei wichtige Handelsbeziehungen, die bisher von keiner Freihandelszone umfasst waren: Japan und Südkorea und am wichtigsten Japan und China.

Der Block gilt vor allem in der westlichen Wahrnehmung als neue Handelszone der Volksrepublik. Obwohl einige Demokratien daran beteiligt sind, trägt das Regelwerk die Handschrift von Ländern mit einem Hang zu staatsnahen Konzernen und wenig Kontrolle in Bereichen wie Monopolen, Verbraucher- und Menschenrechten.

Bedeutend ist auch die Organisation der RCEP. Mit einem eigenen Sekretariat und regelmäßigen Treffen von Regierungsmitgliedern, dürfte ein Forum entstehen, das die Zukunft der asiatischen Handelsbeziehungen prägen könnte.

Trump hat nicht lockergelassen, um China in Handelsfragen zum Einlenken zu bringen.
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  • Amerika bleibt im Clinch

Donald Trump hat mit scharfer Rhetorik und Strafzöllen viel Porzellan zerbrochen. Der scheidenden US-Präsident dürfte aber in einem Punkt die Zeichen der Zeit erkannt haben. Zumindest liegt das nahe, wenn sein demokratischer Nachfolger Joe Biden eine ähnliche Linie fahren will: Es geht darum, China die Stirn zu bieten. Anders als Trump, will Biden eine breite Koalition schmieden, um Peking von den Vorzügen eines regelbasierten, liberalisierten Welthandelssystems zu überzeugen.

Dass ein umfassendes Abkommen mit der EU als Leuchtturmprojekt wiederbelebt wird, gilt jedoch als unwahrscheinlich. Schließlich war der erste Anlauf, das TTIP-Abkommen, von beiden Seiten und auf Eis gelegt worden. Auch ein neuer Anlauf, die Führungsrolle im transpazifischen Handelsblock zu übernehmen, ist angesichts neuer Machtverhältnisse für die USA schwieriger geworden.

Für Washington bietet sich 2021 eine andere Chance: Als Gastgeber des dreijährigen Treffens aller amerikanischen Staaten, könnte Washington lange gehegte Pläne einer Handelszone für die gesamte Hemisphäre aufs Tapet bringen.

Mit Nigerias Ratifikation hatte eine der größten Volkswirtschaften des Kontinents das Projekt der Panafrikanische Freihandelszone vorangetrieben.
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  • Afrika startet Freihandelszone für den ganzen Kontinent

Positiver Schwung für den Welthandel dürfte bald aus Afrika kommen: Zum Jahreswechsel geht die beinahe den gesamten Kontinent umfassende Freihandelszone AfCFTA an den Start. Der Beginn war wegen der Corona-Pandemie um sechs Monate verschoben worden. Nach Schätzung der Weltbank könnte die Freihandelszone bis 2035 rund 30 Millionen Menschen von Armut befreien, das Einkommen des Kontinents um über 375 Milliarden Euro und die Exporte innerhalb Afrikas um 81 Prozent steigern.

Der Handel innerhalb des Kontinents wird derzeit noch durch hohe Zölle und bürokratische Hürden erschwert. Mit allen afrikanischen Staaten wird AfCFTA einen Markt von 1,2 Milliarden Menschen umfassen und eine der weltgrößten Freihandelszonen sein. Bisher haben fast alle Länder Afrikas das Abkommen unterschrieben, rund drei Dutzend ratifizierten es.

Die geplante Freihandelszone ist nach Angaben der Weltbank wegen der Corona-Krise besonders wichtig. Demnach könnte AfCFTA die negativen Folgen der Pandemie auf das Wirtschaftswachstum abfedern. Experten warnen jedoch, dass der Praxistest die größte Hürde bleibt.

  • Weltweites ringen um gemeinsame Regeln

Der Zustand der Welthandelsorganisation (WTO) spricht Bände. Seit August ist der Chefsessel leer, seit einem Jahr fehlt dem Berufungsgericht das notwendige Personal – beides durch US-Blockade – und seit einem Jahrzehnt steckt die Staatengemeinschaft in der aktuellen Doha-Verhandlungsrunde fest.

Doch zuletzt hat der Brexit wieder in Erinnerung gerufen, welchen Stellenwert die internationale Handelsorganisation hat. Wenn Staaten nicht Teil eines Handelblocks sind, gelten die Regeln der WTO. Die Wichtigste: Zölle müssen für alle Handelspartner gleich sein. Mit der zunehmenden Regionalisierung von Handelsblöcken, die auch gemäß WTO gegenseitige Bevorzugung der Mitglieder ermöglichen, verliert das weltweit gültige Regelsystem an Bedeutung.

Hoffnung bei der WTO weckte die Wahl Joe Bidens zum US-Präsidenten. Sein Vorgänger hatte die Nachbesetzung der erwähnten Richter blockiert. Außerdem hat der Demokrat angekündigt, US-Handelsinteressen auf der multilateralen Ebene zu adressieren. Ob das in der Praxis einen starken Schub für die eingerostete WTO bedeutet, bleibt offen. (Leopold Stefan, 29.12.2020)