Im Corona-Jahr trugen Händler an der Wall Street zwar die obligatorische Maske – an den Börsen wurde die Luft deshalb aber nicht knapp.
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Wenige Jahre nach einem Börsencrash sind schwere Kursverluste meist wieder aufgeholt – ein Mantra, das die Aktienexperten bis zum Corona-Jahr 2020 gebetsmühlenartig wiederholten. Inhaltlich bestätigte sich diese Aussage, nur ging diesmal alles viel schneller.

Im ersten Quartal verzeichneten die Börsen angesichts der aufziehenden Wirtschaftskrise wegen der Covid-Pandemie schwere Kursverluste, die Wall Street durchlebte den ersten Bärenmarkt, also einen Rückgang um zumindest 20 Prozent, seit der Finanzkrise vor zwölf Jahren. Doch ebenso rasch, wie der Spuk gekommen ist, verzog er sich wieder, etliche Aktienmärkte erklommen anschließend sogar neue Rekordhochs. Aber wie ist so etwas mitten in einer globalen Wirtschaftskrise überhaupt möglich?

Es gibt mehrere Faktoren, welche diese Entwicklung erklären: Einerseits stemmten sich Regierungen und Notenbanken mit billionenschweren Konjunkturhilfen und Anleihenkaufprogrammen gegen die Auswirkungen der Krise, wobei vor allem das billige Geld der Währungshüter den Aktienkursen auf die Sprünge half. Weiters wurde klargestellt, dass die Zinsen lange nahe null oder darunter bleiben.

Zudem liegt das Epizentrum der Krise anders als nach der Lehman-Pleite 2008 fernab der großen Finanzzentren. Soll heißen, die am stärksten betroffenen Branchen wie Gastronomie, Hotellerie oder stationärer Einzelhandel sind großteils kleinteilig organisiert und an den Aktienmärkten unterrepräsentiert. Vereinfacht gesagt: Der Schwerpunkt der Krise war diesmal nicht börsennotiert.

Technologie zündet Turbo

Andere Branchen profitierten von den 2020 zur Pandemiebekämpfung eingeschlagenen Entwicklungen wie Homeoffice oder Onlinehandel. Dies bescherte der Technologiebranche einen starken Schub, der zu einem Höhenflug an der Wall Street führte, wo viele Internetkonzerne notiert sind. Je weniger Technologie an einer Börse vertreten ist, desto schwächer war die Kursentwicklung, was etwa in Europa etliche Märkte, darunter auch die Wiener Börse, empfindlich bremste.

Zudem konnten wegen der Maßnahmen gegen die Pandemie – Geschäfte und Lokale waren lange geschlossen, Urlaubsreisen mussten entfallen – viele ihr Geld nicht ausgeben, andere wollten es wegen der Krise nicht. Die Sparquoten schossen weltweit in die Höhe, wodurch sich wegen der anhaltenden Zinsflaute auch viele ehemalige Sparer an die Aktienmärkte wagten.

Unter dem Strich wird 2020 als gutes Börsenjahr in Erinnerung bleiben. Die Show gestohlen wurde Aktien nur von Kryptowährungen wie Bitcoin, die wesentlich steilere Kursanstiege verbuchten. Auch dabei standen Regierungen und Notenbanken im Fokus, allerdings in Form von Misstrauen gegenüber den Maßnahmen und der Finanzierbarkeit der Konjunkturprogramme. Diese Kritiker befürchten Geldentwertung durch Inflation und wähnen ihr Vermögen in Bitcoin davor gut geschützt. Ähnliches gilt auch für Gold, das 2020 ebenfalls deutlich zulegte.

Und wie geht es nächstes Jahr mit Aktien oder Bitcoin weiter? Experten erwarten weitere gute zwölf Monate – allerdings etwas weniger stürmisch als im Corona-Jahr 2020. Schließlich sollte auch die Pandemie wegen der bereits zugelassenen Impfstoffe deutlich abflauen. (Alexander Hahn, 30.12.2020)