Die Börsen ließen sich 2020 durch Corona nicht bremsen. Werden nächstes Jahr die Risiken schlagend?
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Wenige Wochen herrschte im ersten Quartal wegen der Corona-Pandemie an den globalen Finanzmärkten Weltuntergangsstimmung – dann war der Spuk auch schon wieder vorüber. Manche Börsen, vor allem jene in den USA mit hohem Anteil an Technologieaktien, erholten sich rasch von dem Kurseinbruch, andere in Europa merklich langsamer. Wird der Aufwärtstrend dank der zugelassenen Impfstoffe nächstes Jahr anhalten? Oder droht wegen der wirtschaftlichen Langzeitfolgen der Pandemie ein empfindlicher Rücksetzer?

"Durchaus optimistisch" blickt Wolfgang Habermayer, Chef der Wiener Finanzberatungsfirma Merito, auf das anstehende Börsenjahr. Denn nach der schweren Rezession fast aller Volkswirtschaften erwartet er für 2021 wieder ein "in Summe starkes Wachstum" wegen des Aufholeffekts, danach wieder ein Einschwenken auf ein Trendwachstum von knapp zwei Prozent. Vor allem der Konsum sollte wieder anspringen, nachdem die Haushalte heuer viel Geld auf die hohe Kante gelegt haben.

Davon ist übrigens auch einiges Kapital von Privatanlegern in die Aktienmärkte geflossen – für Habermayer eine erfreuliche Entwickelung: "Zum Glück ist das Interesse an Wertpapieren gestiegen, man bekommt ja nichts mehr für Sparguthaben." Aber sind Aktien nicht bereits sehr teuer? Schließlich ist an der Wall Street für den marktbreiten S&P-500-Index im Mittel mehr als der 37-fache Jahresgewinn (Kurs-Gewinn-Verhältnis, KGV) für die Indexunternehmen zu zahlen – also wesentlich mehr als vor wenigen Jahren.

Zugpferd Zinsflaute

"Es ist zu kurz gesprungen, wenn man das aktuelle KGV mit jenem vor zehn Jahren vergleicht", entgegnet Habermayer. "Wenn man die aktuelle Bewertung mit den Zinsen in Beziehung setzt, sieht man, dass die Bewertung am Aktienmarkt gar nicht so hoch ist." Soll heißen: Die Börsen sind zwar höher bewertet als früher, was für geringere künftige Erträge spricht, aber verglichen mit den derzeit kümmerlichen Zinserträgen bleiben sie attraktiv.

An der Zinsflaute wird sich auch so schnell nichts ändern, glaubt Habermayer. Er verweist auf Aussagen der großen Notenbanken wie der EZB oder der Fed in den USA, die sogar bei einem Übertreffen ihres Inflationsziels von zwei Prozent die Zinszügel nicht sofort anziehen will: "Das sind ganz starke Signale, dass die Zinsen lange bei null oder negativ bleiben."

Während der Corona-Krise hat sich Habermayer zufolge eine Trendumkehr bei den Sektoren gezeigt: Die zuvor eher wachstumsschwache Industrie sei vergleichsweise gut durch das Jahr gekommen, während es die zuvor starken Dienstleister viel schwerer erwischt habe. Seiner Ansicht nach wird das Pendel 2021 wieder zurückschwingen, also der Dienstleistungssektor wieder stärker wachsen.

Dienstleistern wie dem Touristikkonzern TUI ist das Lachen heuer vergangen.
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Schwierige Jahre dürften jedoch Europas Banken bevorstehen – schließlich stehen aufgrund der staatlichen Stützungen die Aufräumarbeiten der Corona-Krise noch aus, bereits 2021 könnte eine Pleitewelle anrollen – und damit viele notleidende Kredite zu Ausfällen werden lassen. Eine Bürde, die Habermayer allerdings kein großes Kopfzerbrechen beschert: "Die Last ist nicht so groß, dass der Bankenapparat sie nicht stemmen könnte."

Und wie wird es mit dem Highflyer des Corona-Jahres 2020 weitergehen? Wird der Technologiesektor neuerlich alle anderen hinter sich lassen, oder droht sogar ein herber Rücksetzer? Weder noch, meint der Merito-Chef. Der große Digitalisierungsschub durch Homeoffice oder Onlinehandel sei zwar heuer geschehen, allerdings werde der Technologiesektor in etwas abgeschwächtem Maße davon profitieren, dass es im KMU-Bereich noch Nachholbedarf bei der Digitalisierung gebe. "Diese Investitionen stehen noch aus", betont Habermayer.

Drohende Risiken

Hinter diesem positiven Grundszenario verbergen sich allerdings auch Risiken, die – sofern sie schlagend werden – auch 2021 für erhebliche Turbulenzen sorgen könnten. Habermayer rät dazu, drei mögliche Gefahrenherde im Auge zu behalten: nämlich einerseits auf die Entwicklung der Corona-Fallzahlen und der Impfraten zu achten. Eine unerwartet ungünstige Entwicklung könnte erneut zu langen Ausgangsbeschränkungen mit wirtschaftlichen Auswirkungen führen.

Ein weiteres Risiko sieht Habermayer aufseiten der Regierungen, falls diese ihre fiskalpolitischen Unterstützungsmaßnahmen zu rasch auslaufen lassen würden. Zudem misst er den Unternehmensergebnissen in den ersten beiden Quartalen 2021 große Bedeutung zu: Sollten diese unerwartet schwach ausfallen, könnte die derzeit gute Stimmung an den Börsen auch rasch wieder umschlagen. (Alexander Hahn, 31.12.2020)