Seit einigen Tagen ist Jack Ma verschwunden.

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Gerade erst hat sich die EU nach Jahren mit Peking auf ein Handelsabkommen geeinigt. Das Abkommen soll einen besseren Marktzugang und Rechtssicherheit für europäische Unternehmen in China schaffen. Da scheint es fast schon zynisch, dass ausgerechnet jetzt der berühmteste Geschäftsmann des Landes, Jack Ma, spurlos verschwindet.

Eigentlich nämlich sitzt Ma in der Jury der von ihm gegründeten Talentshow "Africa’s Business Heroes". Das im November aufgezeichnete Finale der Sendung aber war ohne ihn aufgenommen worden. Mittlerweile ist er auch von der Website verschwunden. Auf Twitter und chinesischen Social-Media-Kanälen wie Weibo ist es ebenso stumm geworden um Chinas Tech-Billionär. Das heißt: Völlig spurlos ist Mas Verschwinden nicht. Die Vermutung liegt nahe, dass Ma einige Zeit mit Pekings Top-Kadern verbringen muss, um ideologisch auf Linie gebracht zu werden. Ma hatte sich im Oktober wohl mit den falschen Leuten angelegt – sprich Chinas Bankenaufsicht.

Im Clinch mit Behörden

Auf dem Bund Summit in Schanghai sprach Ma nur wenigen Stunden nach Wang Qishan, der als Vater des aktuellen chinesischen Bankensystems gilt. Ma sprach sich gegen die zahlreichen Regulationen und für ein neues Weltfinanzsystem aus. "China hat kein systemisches Finanzrisiko, weil China kein Finanzsystem hat", sagte Ma unter anderem. "Wir müssen Unheil verhindern, indem wir ein funktionierendes Finanzsystem schaffen." Kurz darauf wurde der Börsengang der von ihm gegründeten Ant Group von den Behörden abgeblasen.

Dieses Foto von Jack Ma wurde im Jahr 2018 aufgenommen. Er gilt derzeit als verschwunden.
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Jack Ma, auch gerne der "chinesische Bill Gates" genannt, war lange der Shootingstar der chinesischen Geschäftswelt. Er personifizierte den chinesischen Aufschwung. Ma wurde 1964 in Hangzhou geboren. Er arbeitete zunächst als Englischlehrer. Um sein Englisch zu verbessern, führte er Touristen kostenlos durch seine Heimatstadt. 1999 gründete er Alibaba. Die B2B-Plattform wuchs in den chinesischen Boom-Jahren zu einem Milliardenunternehmen heran. 2003 gründete Ma Taobao, eine Mischung aus Ebay und Amazon, die heute aus dem chinesischen Alltag nicht mehr wegzudenken ist.

2014 übergab Ma das operative Geschäft der Alibaba Group. Vorher aber gliederte er den Online-Payment-Service "Ant Financial" als eigenständiges Unternehmen aus. Ant wuchs nicht zuletzt wegen seines Bezahlsystems Alipay rapide. Bargeld sieht man heute im chinesischen Alltag kaum mehr. Nahezu alle Bezahlvorgänge, sei es im Supermarkt oder beim Friseur, werden über zwei Smartphone-Apps abgewickelt: Wechatpay und Alipay. 700 Millionen Menschen nutzen den Bezahldienst Alipay. Behörden ist vor allem die Lending-Plattform der Ant Group ein Dorn im Auge.

Großer Schattenbanksektor

Die staatlichen Banken sind dafür bekannt, bevorzugt Kredite an Staatsunternehmen zu geben. Das liegt auch daran, dass für die Giganten, oft aus dem Stahl- und Kohlebereich, so gut wie kein Ausfallrisiko besteht. Sollte das Unternehmen in eine Schieflage geraten, kann die Bank damit rechnen, dass Peking einspringt. Nachteilig ist das System für kleine und mittlere Unternehmen, die so Schwierigkeiten haben, an Geld zu kommen. In der Folge ist in China ein gigantischer Schattenbankensektor entstanden, der, wenn er ins Schwanken gerät, auch die Realwirtschaft bedroht.

Die Lending-Plattform der Ant Group stellt so gesehen einen Mittelweg da: Kleinere und mittlere Unternehmen kommen leicht an Kapital, das System ist nicht in staatlicher Hand, aber weitgehend transparent. Den Behörden in Peking aber scheint es nicht transparent genug gewesen zu sein.

Der Börsenwert von Alibaba ist seit dem geplatzten Börsengang von Ant Financial um mehr als 30 Prozent gefallen. (Philipp Mattheis aus Peking, 4.1.2021)