In Wuhan erinnert eine Ausstellung an den Kampf gegen den Coronavirus-Ausbruch.

Foto: Reuters / Tingshu Wang

Visa-Probleme also. So lautet die offizielle Begründung Pekings, weshalb die Delegation der Weltgesundheitsorganisation WHO nun doch nicht nach Wuhan reisen und dort nach dem Ursprung des Virus forschen kann. Eigentlich hätte dieser Tage eine zehnköpfige Gruppe von internationalen Experten nach China reisen und nach beendeter Quarantäne ihre Arbeit aufnehmen sollen. Monatelang hatte Peking einer solchen Kommission den Zutritt verwehrt, Ende Dezember dann aber überraschend grünes Licht gegeben.

Es ist ohnehin fraglich, was die internationale Kommission zu sehen bekommen hätte. Über Monate hat sich die Führung in Peking einer solchen Delegation verweigert. Dass die Regierung in Peking keine Erkenntnisse zulassen wird, die nicht ins offizielle Narrativ passen, ist offensichtlich.

Wuhan als "erstes Opfer"

Die Propagandaorgane arbeiten seit Monaten mit Hochdruck an einer Botschaft: "Das Virus stammt nicht aus China. Wuhan war das erste Opfer der Pandemie, doch China hat die Krise vorbildlich gemeistert." Immer wieder berichten die staatlichen Zeitungen und Fernsehsender von importierten Produkten, die angeblich das Virus ins Land getragen haben sollen: Mal ist es Lachs aus Norwegen, dann wieder sind es Soldaten aus den USA, die im Oktober 2019 zu internationalen Militärspielen in Wuhan waren. Auch eine deutsche Schweinshaxe war schon mal ein angebliches Corona-Medium.

Dabei ist ziemlich unstrittig, dass das Virus nicht in Wuhan selbst entstanden ist. Verschiedenste Coronaviren leben auf Menschen und Tieren, nur sehr wenige Varianten können vom Tier auf den Menschen überspringen. Wahrscheinlich aber ist, dass das Virus mit einer Fledermaus aus Südchina nach Wuhan gebracht wurde und sich dort über einen Markt ausbreitete.

Wissenschaftlerin in Fokus

Keine fünf Gehminuten von jenem Huanan-Markt entfernt befindet sich das Wuhan Centre for Infectious Disease Control. In diesem Gebäude forschte die Wissenschafterin Shi Zhengli seit Jahren an Coronaviren und Fledermäusen. Shi reiste dafür immer wieder nach Yunnan in Südchina, um in Höhlen Proben des Virus zu finden. Infizierte Tiere brachte sie zurück nach Wuhan, um dort an ihnen zu forschen. Anfang des Jahres tauchte deswegen die Theorie auf, das Virus sei versehentlich von dem Labor in den nahegelegenen Markt gelangt. Labormitarbeiter hätten verseuchte Tiere illegal an Händler verkauft. So sei das Virus auf den Menschen übergesprungen.

Nicht nur seitens der Regierung in Peking wurde dies schnell als Verschwörungstheorie abgetan. Auch westliche Medien bezeichneten dies als reine Spekulation. Tatsächlich geht die Theorie über Spekulation nicht hinaus, stichhaltige Beweise gibt es nicht. Die Hinweise aber mehren sich, dass die Pandemie genau so ihren Anfang genommen hat.

Die Wissenschafterin Shi Zhengli gibt seit April keine Interviews mehr – wie im Übrigen auch alle anderen chinesischen Forscher stumm geworden sind. Im Dezember versuchte ein Team der BBC zu den entlegenen Höhlen in der Provinz Yunnan zu gelangen, in denen Shi an Coronaviren geforscht hatte. In einer nahegelegenen Kupfermine waren 2012 sechs Arbeiter an einer unbekannten Lungenkrankheit gestorben. Das Fernsehteam berichtet von Straßensperren und Verfolgungsjagden.

Zensur der Wissenschaft

Die Nachrichtenagentur AP berichtete jüngst, dass Peking zwar viel Geld für Wissenschafter bereitstelle, die den Ursprung des Coronavirus erforschen. Deren Veröffentlichungen aber werden genau kontrolliert und zensiert, sollten sie nicht ins politische Narrativ passen. Ebenso dürfen sich die Witwe des an Covid-19 verstorbenen Arztes Li Wenliang sowie dessen Eltern nicht öffentlich äußern und leben seit einem Jahr in strenger Überwachung. Li war einer der Ersten, die auf das Virus aufmerksam machten.

Auch an den offiziellen Zahlen der Infektionen in China mehren sich die Zweifel. Peking meldet seit April täglich zwischen zehn und 30 Neuinfektionen. Kürzlich aber erschien eine Studie, wonach 4,43 Prozent der elf Millionen Einwohner Wuhans Antikörper hätten. Das bedeutet, dass die Zahl der tatsächlichen Infektionen wohl wesentlich höher ist.

Chinas Außenministerium spielte den jüngsten Vorfall um die WHO-Kommission jedenfalls herunter: "Es geht nicht nur um die Visa", sagte eine Sprecherin auf einer Pressekonferenz. Es sei auch zu Missverständnissen gekommen, aber es gebe "keinen Grund, die Ereignisse überzuinterpretieren". (Philipp Mattheis aus Schanghai, 6.1.2021)