Der Bedarf an telemedizinischen Lösungen war auch vor Corona schon groß. Gerade im ländlichen Raum besteht hier viel Entwicklungspotenzial: 60 Prozent der Österreicher sehen in den nächsten Jahren laut einer Spectra-Umfrage einen starken Zuwachs im Bereich Telemedizin.

Bereits vor Corona wurden im Bereich Telemedizin Tests gemacht. Das Ordensklinikum Linz Elisabethinen und das LKH Kirchdorf testeten Anfang 2019 eine neue telemedizinische Methode mit sehr guten Erfolgen. Diese Form der Zusammenarbeit zwischen den Spitälern war in Österreich derzeit noch einzigartig.

Ordensklinikum Linz

Doch was hat sich in Österreich verändert? Einige Unternehmen aus dem Gesundheitssektor haben Bedenken, bestimmte Arbeitsabläufe oder Fertigungsprozesse von Computern erledigen zu lassen. Sie haben Angst vor Sicherheitslücken, beklagen eine geringe Netzgeschwindigkeit und sorgen sich um den Datenschutz, wie "digitalhub" berichtet. Dabei kann Digitalisierung Sanitätshäusern und auch den Kunden erhebliche Vorteile bringen. 

Im Nachbarland Deutschland - sonst nicht der Musterschüler, was Digitalisierung angeht - hat die Telemedizin einen Corona-bedingten Aufschwung erlebt:

SWR

Auch in Deutschland steckt die Telemedizin noch in den Kunderschuhen - und beschränkt sich häufig schlicht auf Videosprechstunden mit dem Arzt. Doch Telemedizin kann viel mehr und bietet gerade durch die digitale Vernetzung neue Möglichkeiten.

Die Entwicklung schreitet voran

Die Medizin befindet sich immer auf dem aktuellen Stand des Nichtwissens. Deshalb sind Weiterentwicklung und Fortbildungen die Grundlage der Arbeit im Gesundheitssektor. Kein Wunder also, dass auch die Digitalisierung vor diesem Bereich nicht Halt macht, um innovative Chancen zu nutzen. 

Krankenkassen setzen bereits auf die E-Card, Arzttermine können online gebucht sowie Medikamente bei Apotheken vorbestellt werden. Aber das ist erst der Beginn des digitalen Zeitalters: Bereits jetzt nutzen mehrere Millionen Menschen Smartphones, Health-Apps sowie Gesundheits- und Fitnessarmbänder. Allerdings werden langsam Smartwatches zum Sicherheitsproblem, denn wenn Krankenkassen sich zu sehr für die Gesundheitsdaten ihrer Kunden interessieren, kann das datenschutzrechtliche Probleme verursachen.


Arbeitsabläufe vereinfachen

Digitale Backoffice-Anwendungen wie Rechnungserstellung, Angebotsausarbeitung, Buchhaltung, Kundendaten-Verwaltung oder Lohnabrechnung kommen bei Sanitätshäusern schon nahezu überall zum Einsatz. Vielfach wird auch schon dazu übergegangen, weitestgehend papierlos zu arbeiten. Rechnungen oder Lieferscheine werden nicht mehr ausgedruckt und in Ordnern verwahrt, sondern in digitalisierter Form auf Speichermedien bereitgehalten. 

Auch bei der Produktion kommen mehr und mehr Digitalisierungen zum Einsatz. So sind einige Hersteller heute in der Lage, beispielsweise Orthesen (Schienen) und selbst maßgefertigte Prothesen mittels 3D-Drucker bis auf den hundertstel Millimeter passgenau anzufertigen. Moderne Vermessungstechnologie hilft bei einer genaueren Vermessung, als es analoge Prozesse je konnten.

In vielen Bereichen sind mittlerweile die meisten Sanitätshäuser auf den digitalen Zug aufgesprungen. Präsentation und Verkauf finden heute zu großen Teilen über die eigene Website, nicht selten sogar direkt über einen Onlineshop statt. Auf diese Weise können Kunden die Angebote wie beispielsweise Bandagen, Duschhocker, Rollatoren oder Gehhilfen direkt aussuchen und bestellen.

Nach einem entsprechenden Kundentermin und einer fachlichen Aufmaßermittlung können dank Augmented Reality (AR) bestimmte Hilfsmittel wie zum Beispiel Treppenlifte im oder am Haus so dargestellt werden, dass der Kunde einen direkten Eindruck vom tatsächlichen Aussehen erhält. Realität und Information auf dem Bildschirm fließen gewissermaßen ineinander, sodass der Kunde einen unmittelbaren Eindruck davon erhält, wie sein Treppenlift später im Haus aussehen wird. Für den Vertrieb und die Herstellung bedeutet das, dass selbst gebrauchte Treppenlifte exakt an die örtlichen Gegebenheiten beim Kunden angepasst werden können.

Ausgereifte Cloud-Technologien helfen dabei, Warensortiment, Auftragsbearbeitung und Rechnungsstellung abteilungsübergreifend im Blick zu behalten und virtuelle Ablageorte beziehungsweise Archive zu schaffen.

Foto: AFP/LILLIAN SUWANRUMPHA

Weniger Arbeitsplätze durch Digitalisierung? 

Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge sieht jeder zweite Mediziner schon in den kommenden zehn Jahren Operationsroboter im alltäglichen Einsatz. Jeder fünfte Arzt rechnet damit, dass die Medikamenteneinnahme und -abgabe über Mikrochips erfolgt, die unter die Haut implantiert wurden. Jeder Dritte meint, dass die Digitalisierung die Lebenserwartung der Menschen verlängern wird. 80 Prozent der befragten Mediziner glauben, dass im Jahr 2030 Prothesen und Implantate standardmäßig oder vereinzelt im 3D-Druckverfahren produziert werden. 

Die Befürchtung, dass die Digitalisierung dafür sorgt, dass zahlreiche Menschen in der Gesundheitsindustrie ihre Arbeit verlieren, kann Gernot Gebauer, Geschäftsführer des reha teams Bayreuth, nicht bestätigen. Mit dem digitalen Fortschritt werde niemand wegrationalisiert, betonte er in einem Gespräch im deutschen Sanitätshaus-Magazin. Beispielweise im Orthopädietechnikbereich werde sich in den nächsten fünf Jahren ein Paradigmenwechsel vollziehen, ist er sicher. Die Fertigungsprozesse in der Orthopädietechnik, wie wir sie einmal gelernt haben, würden dann nahezu nicht mehr existieren, so Gebauer.

Stillstand ist Rückschritt

Wiederholt sich hier Geschichte? Mit Konkurrenten wie jüngst Amazon Pharmacy müssen Apotheken und Sanitätshäuser nicht nur um Marktanteile, sondern ihre blanke Existenz fürchten. Erkennen Sanitätshäuser frühzeitig genug die Gefahr und schaffen neue Vertriebswege und Plattformen? Oder gehen sie den Weg wie in den 1990er-Jahren die Buchhändler, in den 2000ern-Elektronikmärkte wie Saturn oder aktuell die großen Warenhausketten wie Kaufhof in Deutschland oder Gerngross hierzulande, die durch die Online-Konkurrenz fast pleite gegangen sind? 

Schlussendlich entscheidet wie immer der Kunde, wohin er geht. Doch auch Politik und Markt können hier aktiv einwirken. Ob der Kunde nämlich im Online-Shop oder im stationären Handel vor Ort einkauft, spielt häufig eine untergeordnete Rolle. 

Deshalb sollte der Gesundheits-Fachhandel es seinen Kunden so einfach wie möglich machen. Und dabei spielt die Digitalisierung eine entscheidende Rolle. Nicht mit der Zeit zu gehen und stehen zu bleiben ist ein Fehler, den viele Unternehmen und Industrien nur einmal machen – einen zweiten Versuch gibt es meist nicht. (Christian Allner, 12.1.2021)