Sportdirektor Toni Giger und Präsident Peter Schröcksnadel hatten vielleicht schon mehr Spaß. Zuletzt lief das ÖSV-Werkl aber erstaunlich gut.

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Nach den glanzvollen Auftritten von Manuel Feller, Marco Schwarz und Michael Matt mit den Plätzen zwei bis vier am Bärenberg bei Zagreb samt Fellers Übernahme des Roten Trikots für die Führung im Slalom-Weltcup bietet sich nun in Adelboden die nächste Gelegenheit für den ganz großen Coup. Bevor am Sonntag ein weiterer Torlauf ansteht, folgen im Berner Oberland zwei Riesentorläufe, der erste am Freitag (10.30 und 13 Uhr, ORF 1), der zweite am Samstag.

Die Piste am Chuenisbärgli gilt als die schwierigste im Weltcup, die Disziplin ebenso. Und die Erfolgsaussichten sind überschaubar. In den bisherigen vier einschlägigen Veranstaltungen hat der ÖSV lediglich einen Top-10-Platz vorzuweisen: Rang acht von Stefan Brennsteiner in Alta Badia.

Einfaches Rezept

Anton Giger ist dennoch optimistisch. Nicht zuletzt auch deshalb, weil das Umfeld von Marcel Hirscher auf die Riesenslalomgruppe projiziert wurde: Michael Pircher und Ferdinand Hirscher als Trainer und sogar der Physiotherapeut. "Das war das simple Rezept, nach dem wir vorgegangen sind. Ich denke, dass sie gute Arbeit geleistet haben. Und wir sind sicher besser, als es die Resultate gezeigt haben", sagt der Sportdirektor. Natürlich sei der Riesentorlauf eine komplett andere Disziplin als der Slalom und die höheren Startnummern ein Nachteil. Aber sehr gute Leistungen seien möglich, schätzt Giger. "Es gilt den Schwung, den Rückenwind aus dem Slalom mitzunehmen." Das Selbstbewusstsein sollte speziell bei Feller und Schwarz passen.

Generell ortet Giger skitechnische Fortschritte. Diese gelte es umzusetzen, damit sie sich auch in Resultaten niederschlagen. Ein Entwicklungsschritt sei zuletzt in Alta Badia zu beobachten gewesen: "Abschnittsweise wurde schnell Ski gefahren. Aber man hat auch gesehen, dass das Ganze noch labil ist. Bei Übergängen waren noch kleine Fehler drinnen, da gilt es die Sicherheit zu finden."

Auch Vincent Kriechmayr, in den Speeddisziplinen eine Bank, kommt im Riesenslalom oft vom richtigen Weg ab.
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Neuer Ansatz

Als Voraussetzung für künftige Erfolgserlebnisse hat man im ÖSV den Riesentorlauf bereits im Frühjahr wieder als Basisdisziplin etabliert. Egal ob im Nachwuchs, Europacup oder Weltcup. "Das findet sich auch in den entsprechenden Kaderrichtlinien und Auswertungen wieder. Von da her nimmt der Riesentorlauf wieder einen stärkeren Platz ein", sagt Giger. Habe man in den Jahren davor eher nach nur einem Technikleitbild gearbeitet, so versuche man nun die Technik der einzelnen Athleten angepasst an ihre Voraussetzungen individuell zu optimieren. In der Vergangenheit wurde zweifelsohne der Fehler gemacht, dass man dem Riesentorlauf nicht mehr jenen Stellenwert eingeräumt hatte, wie früher. "Wir waren in den diversen Jahrgangslisten von unten hinauf nicht mehr so präsent in den vorderen Bereichen, weil er nicht mehr so forciert worden ist", sagt Giger. "Daran wollen wir mittel- und langfristig arbeiten. Und auch in der Saison das zeigen, was im Sommer technisch erarbeitet wurde." Es gehe jetzt nicht darum, dass man "während der Saison technisch noch weiß Gott was weiterbringt."

Vier Rennen in fünf Tagen findet auch Giger definitiv grenzwertig. "Aber dafür trainieren wir das ganze Jahr. Es ist für alle, die beide technischen Bewerbe fahren, dieselbe Ausgangssituation. Und insofern hoffen wir, dass wir gut drüberkommen."

Überwinden und schummeln

Feller gesteht, dass er im vom Kopf her im Slalom befreiter am Start steht als im Riesentorlauf. Auch weil die Vorbereitung im Sommer wegen Rückenproblemen "nicht 100 Prozent astrein abgelaufen ist." Die Resultate spiegeln das wider: Feller schied zweimal im Finale aus, kam bei seinen drei Antritten nie in die Punkteränge. Die guten Leistungen im Slalom lassen sich nur bedingt auf den Riesentorlauf übertragen. "Normalerweise ist es umgekehrt, weil man im Riesentorlauf technisch besser draufstehen muss. Mit den Slalomskiern kann man besser schummeln." Der Riesentorlauf sei jene Disziplin, in der er sich am meisten überwinden müsse. "Weil die Tore sehr schnell auf dich zukommen und sehr große Kräfte auf dich wirken."

Marcel Hirscher war mit fünf Slalom- und vier Riesenslalomsiegen insgesamt neunmal in Adelboden erfolgreich und stand am Chuenisbärgli insgesamt 16 Mal am Podest. 2018 und 2019 hatte er jeweils das Double geschafft.
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Etwas zuversichtlicher ist Schwarz, der mit Rang 14 in Santa Caterina das zweitbeste ÖSV-Ergebnis verbucht hat und vergangenes Jahr Slalom-Dritter am Chuenisbärgli war: "Der Start war nicht nach Plan, ich habe noch nicht das gezeigt, was ich draufhabe. Ich habe mich aber im Training schon ganz gut gefühlt und versuche den Flow auch in den Riesenslalom mitzunehmen, auch wenn das eine eigene Disziplin ist. Aber ich glaube doch, dass mich die Podestplatzierungen im Slalom auch im Riesen befreien."

Schwieriges Unterfangen

Nach Gigers Einschätzung sind die Alpinmannschaften sehr gut in Schwung gekommen. "Speziell im Slalom mit sehr guten Einzel- und Mannschaftsleistungen." Das ist auch hinsichtlich des sehr zum Leidwesen von Präsident Peter Schröcksnadel vergangene Saison erstmals nach 30 Jahren verlustig gegangenen Nationencups erfreulich. Aktuell rangiert Österreich (noch) 385 Zähler hinter der Schweiz. (Thomas Hirner, 7.1.2021)