Zersiedelung ist ein Begriff, um den man schon seit Jahrzehnten nicht herumkommt, wenn man die österreichische Siedlungspolitik beschreiben will. Kleine Gemeinden haben sich im vergangenen halben Jahrhundert stark ausgedehnt, auch die Speckgürtel rund um die größten Städte wurden breiter und breiter, die Grenzen der Siedlungsräume lösten sich auf. Stärkster Treiber dieser Entwicklung war das Einfamilienhaus, das nach wie vor vielen Österreichern als erstrebenswertes Ideal gilt. Dafür wird mancherorts immer noch fleißig Grünland in Bauland umgewidmet. Das sorgt wiederum für mehr Autoverkehr, und das steigert den ohnehin ausufernden Bodenverbrauch ins Unermessliche.

Wer in Niederösterreich innerhalb des alten Ortskerns baut oder saniert, wird extra gefördert.
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Und die Ortskerne bluten aus. Genau dies ist auch der Hauptgrund, warum die Politik nun gegenlenken will, insbesondere die für Raumordnung und Wohnbauförderung zuständigen Bundesländer.

In Niederösterreich ist es seit Ende 2019 sowohl für private Häuslbauer als auch für Bauträger möglich, einen sogenannten Ortskernbonus zu beantragen. In den Wohnbauförderrichtlinien wurden damals ein Darlehensbonus von bis zu 12.000 Euro für Neubauten im Ortskern sowie Einmalzuschüsse bei Sanierungen von im Ortskern gelegenen Häusern eingeführt, wobei der Ortskern definitionsgemäß "die historisch gewachsene Siedlungsentwicklung bis ca. 1960" umfasst.

"Leben in die Ortskerne"

Damit sollten "verstärkt Akzente im Sinne der Ortskernbelebung gesetzt werden", erklärte Wohnbaulandesrat Martin Eichtinger (ÖVP). Leben solle wieder in die Ortszentren einziehen und dadurch auch für Kleinunternehmer wie Bäcker oder Greißler eine Lebensgrundlage geschaffen werden.

Wie hat das im ersten vollen Jahr 2020 funktioniert? DER STANDARD hat das Büro des Wohnbaulandesrats um Zahlen dazu gebeten.

Im Bereich der Einfamilienhäuser, in dem 2020 für mehr als 1300 Wohneinheiten in Niederösterreich Förderung gewährt wurde, erhielt immerhin mehr als ein Drittel davon den Ortskernbonus, was zusätzliche Förderdarlehen von 2,5 Millionen Euro auslöste. Für geförderte Sanierungen in Ortskernen wurde insgesamt rund eine Million Euro als nicht rückzahlbare Zuschüsse gewährt; von mehr als 2000 bewilligten Projekten bekam "fast jede vierte" Wohneinheit den Ortskern- bzw. Nachverdichtungsbonus.

Und im mehrgeschoßigen Wohnbau wurden im Jahr 2020 in Niederösterreich fast 4000 Wohneinheiten förderzugesichert, dabei wurde "für mehr als jede vierte Wohneinheit" der Bonus "Lagequalität im Ortskern" gewährt. Das Extrafördervolumen betrug rund 15 Millionen Euro.

Wohlgemerkt: Es geht hier immer nur um den jeweiligen Anteil an den Förderzusicherungen, nicht an den Baubewilligungen; nur etwa jedes dritte baubewilligte Eigenheim wird im Regelfall mit Förderung errichtet, im mehrgeschoßigen Bereich ist der Anteil höher. Ein Anfang zur Belebung der Ortskerne scheint aber einmal gemacht. (Martin Putschögl, 16.01.2021)